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Prinzessin vom Main

Von Ein Abend voller Funk und Funken: Da war ich mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Ich habe mich heute erst um 15 Uhr aus dem Bett geschält. Das war gut so, denn ich habe gelesen bis in die frühen Morgenstunden. Das Buch „Zwischenspiele“ von Shirley McLaine hat mich derart gefesselt, und da ging nichts mit in der Mitte zuklappen und Wecker stellen. Unnötig. Unnötig wie so vieles im Leben.
Die Wärme kriecht unter die Achseln, die Bettdecke ist bleischwer, und die meisten Menschen kuscheln mit ihrem Schweiß. Das passiert mir glücklicherweise nicht, ich schlafe wunderbar und träume zur Belohnung auch noch etwas Unverdorbenes. Kein Teufel, der mich am Fuß aus dem Bett zieht oder Angst, die mich wach hält. Es kommt sowieso alles, wie es kommen muss.

Nachdem ich mir einen Kaffee gemacht habe, muss ich feststellen, dass die Milch eingefroren ist in dem kleinen Kühlschrank. Na dann eben schwarz. Ein guter Tag, um spazieren zu gehen ohne Ziel,  ohne Eile. Ich gehe langsam aus dem Haus. Weniger Autos heute, weniger Gehupe, dafür mehr Sonne in Frankfurt Town.
Ich laufe zum kleinen Kiosk gegenüber und gebe ein Päckchen ab, denn dort ist ein Postamt. Wie wunderbar, da bin ich sehr glücklich drüber, denn das lange Anstehen fällt flach. Ein paar Touristen sind noch vor mir dran und versuchen, eine Telefonkarte zu kaufen und diese zu aktivieren. Gelingt nicht sofort, aber mit Geduld und unser aller Erfahrung können sie ein paar Minuten später wieder sorglos telefonieren. Austausch ist wichtig im Leben, eine Hand wäscht die andere.
Ich laufe nun gemächlich am Bahnhof vorbei, wehre ein paar Verehrer ab und finde es nicht schlimm, dass sie mich ansprechen. Wenn die Sonne so schön scheint, wird man einfach gütiger. Oder dreister, je nach dem. Auf der Mainzer Landstraße Richtung Skyline Plaza stehen unglaublich viele Hindernisse in Form von Baustellen und Absperrungen. Ich habe keine Ahnung, wie ich die umgehen könnte. Ein wahrer Irrgarten. Menschenfeindlicher Irrgarten, Sonne brennt mittlerweile.

Zwischen den großen Türmen scheint es mir, als würde die Sonne anders scheinen, brutal erscheint es mir. Gnadenloser Schein. Ich krieche instinktiv in eine andere Richtung und nehme eine kleine Seitenstraße, die mich Richtung Messe führt. Mein kleines Wasserfläschchen fest umklammernd, gehe ich um die Ecke und sehe ein Restaurant. Eine Gruppe von Menschen - ich spüre: es sind Künstler - sitzt dort unter den großen Schirmen, und ich fühle mich plötzlich unglaublich wohl und hingezogen zu diesem Ort.

Ganz ehrlich gesagt, normalerweise gehe ich äußerst ungern in sogenannte Spesenrestaurants und ähnliche Locations, wenn es sich vermeiden lässt. Besonders in der Nähe von Anwaltskanzleien und Banken gefällt es mir nur selten oder nur dann,  wenn es halt sein muss. Oder wenn ich jemanden kenne, der dort arbeitet. Ich liebe das Persönliche und nicht diese starren Einschränkungen und Ordnungen, die nun mal in solchen Tempeln des Geldes sein müssen. Ja, herrschen. Sie verunsichern den Einzelnen, machen ihn automatisch kurz und klein zur Massenabfertigung, und zurück bleibt ein leeres Gefühl. Kulinarischer Exorzismus.

Ich setze mich links neben diese extravagante fröhliche Truppe an einen kleinen Zweiertisch und lege meine Sonntagszeitung demonstrativ auf den Tisch. Mit Zeitung ist man wenigstens nicht alleine, denke ich und nestle an meiner Halskette. Nur so rumsitzen will und kann ich nicht, denn ich brauche stets Bewegung und Ansprache. Doch vielleicht wird es heute mein einsamer und ruhiger Sonntag. Alone with me. Ich schaue diskret kurz nach rechts, mein Blick streift einen farbigen, drahtigen eleganten Herrn. Er sitzt am Kopf der Tafel, um ihn herum ist eine Schar unglaublich lockere Leute. Yeah, denke ich, hier bist du richtig. Good Vibes.
Ich habe ihn gleich erkannt, es war der Sänger und Saxophonist Maceo Parker. Neben ihm, an seiner rechten Seite, hatte eine Lady Platz genommen, die sich um alle und alles kümmerte. Ich konnte hören, wie sehr sie sich sorgte, dass jeder am Tisch das richtige Essen und Getränke bekam. „They are family, really!“, summte es in meinem Kopf, und ich freute mich unglaublich, dass es mich gerade hierher verschlagen hatte.

Ich blickte noch mal kurz rüber, und mein Lächeln wurde erwidert. Ich fragte: „Are you playing here tonight?“ „Yes“, sagte die blonde attraktive Dame, und mir war sofort bewusst, dass ich nun zu schweigen hatte. Ich wollte ja auch nicht stören und sagte auf Englisch:  „Willkommen in Frankfurt. Ich freue mich auf die Show, und wenn Sie Ihr Essen beendet haben, würde ich gerne ein Erinnerungsfoto machen, wenn das möglich wäre.” Sie nickte, Köpfe drehten sich nach mir, und einige nickten mir zu.

Der Kellner war schwer am Rennen, denn er war alleine im Service. Es war ihm recht warm, aber er strahlte aus allen Knopflöchern und war so flink, wie ein Wiesel nur sein kann bei diesen Temperaturen. Ich wartete geduldig, bis er nach langer Zeit an meinen kleinen Tisch kam, und bestellte mir eine große Flasche Pellegrino.
Mr. Parker erhielt nebenan gerade die Nr. 44 Spaghetti frutti di mare, als ich einfach nur dachte: „Mann, hast Du ein Glück mal wieder! Sitzt in der Nähe von einem großen Künstler, den du seit Jahrzehnten verehrst und darfst genießen. Enjoy. Smile. So etwas ist unbezahlbar. Ich lächelte in mich hinein und drehte meinen Kopf so, dass alle sich unbeobachtet und ungestört fühlen konnten. „Wenn es an der Zeit ist, dass man sich mir widmet, dann kommt es schon.“ Dachte ich und trank Glas für Glas meine große Flasche aus. Der nette Ober behandelte mich so großartig, als hätte ich ein 5-Gänge-Menue geordert. Hätte ich gerne, aber ich muss auf die Fress-Bremse treten, sagt meine einzige Hose. Und sie hat recht.

Als Mr. Parker nach dem Dinner aufstand, warf er mir einen fragenden Blick zu und fügte hinzu: „Möchten Sie ein Foto? Von uns allen?“ Bevor ich antworten konnte, winkte er einem Musiker, der fotografieren sollte. Er war schon am Gehen, ich wollte auch nicht nerven. „Nein, lassen Sie uns einfach ein Foto von uns beiden machen!”, entgegnete ich schnell und fügte verschwörerisch hinzu: „Ein Selfie.” „Ah, ein Selfie”, wiederholte Mr. Parker und fragte sogleich: „Mit oder ohne Hut?“ Ich antwortete: “Wie Sie möchten, wie Sie sich wohler fühlen.” Er ließ die Basecap auf, und ich deutete auf meine Hochfrisur: „Ich habe immer den Hut auf.“ Dann klickte meine kleine Kamera an meinen ausgestreckten Arm. Noch ein Zweites wollte ich gerne, denn auf dem Foto war einiges von meinem „Hut“ abgeschnitten.

Nun überlegte Mr. Parker feixend kurz… und setzte für das zweite Selfie seine Mütze ab. Ich bedankte mich und setzte mich wieder an meinen kleinen Tisch. Die Musiker und Sängerinnen brachen nacheinander auf, und ich merkte, wie jemand neben mich trat. Es war die blonde Dame, die neben Mr. Parker gesessen hatte. „Wie heißen Sie? Ich setzte Ihren Namen auf die Liste. Wir finden noch einen Platz für Sie. Sie haben Glück, Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Ich schrieb ihr meinen Namen auf das hingelegte Blatt Papier und war glücklich. Das gibt es doch nicht, dachte ich. Doch, das gibt es, und ich weiß es.

Eine halbe Stunde später holte ich mein Ticket an der Abendkasse, nannte meinen Namen und bekam einen superguten Sitzplatz in unmittelbarer Nähe der Bühne. Let the Magic go on. Die Dame war also die Band-Managerin, sie ging nun auf die Bühne und kündigte die Musiker an. Ein Feuerwerk von Emotionen ergoss sich in den nächsten Stunden über mich.

Es war, als ob dieses Konzert nur für mich gespielt wurde. Alle meine Gedanken waren bei Eartha Kitt, die mich heute hier hingeführt hatte. Mit jeder Faser spürte ich ihre Gegenwart und die anderer großer Seelen der Musik. „Ich bin keine Jazz-Sängerin“, hatte sie einmal zu einem Autogrammsammler gesagt, der sie auf dem Flohmarkt erkannt hatte und aufgeregt rief: „Da ist ja die Jazz-Sängerin.“
„I m not a Jazz singer“, legte Mr. Maceo Parker nun seinem begeisterten Publikum ebenfalls in humorvoller Weise dar. Er spielte „The nearness of you“, und ich spürte Earthas Nähe. Dennis Rollins spielte ein Solo, bei dem die Tränen in mir aufstiegen, vor Freude. Alles fügte sich, die Energie harmonierte. Hier und da. So viele Dinge wiederholten sich auf wundersame Weise und fügten sich gerade zusammen. Nicht durch Geisterhand… a dance of souls.

Vor mir saß ein Paar. Sie hatte einen Pagenschnitt, und ich sah nur ihren Nacken. Neben ihr der Herr schien kaum teilzuhaben an der Show. Er wirkte verkrampft, klatschte unbeholfen und auch nur dann, wenn es „angebracht“ war. Also dann, wenn alle klatschten. Vielleicht sinnierte er über seine verlorene Zeit, vielleicht weil er in einem ungeliebten Job fest saß oder seine ganze Lebenssituation ihn erdrückte. Aber nichtsdestotrotz, es musste ja einen Grund geben, warum er heute Abend hier war.

Seine Begleiterin zuckte manchmal leicht, wenn sie es für angebracht hielt. Zögernd, rhythmisch, klein, für sie passend zur Musik. Er hielt die Arme verschränkt und drehte sich oft um, um zu sehen, was die anderen Leute im Publikum machten. Auch später, als alle aufsprangen und mittanzten, Funk Funk Funky, da saß er wie festgenagelt auf seinem Platz. Er tat mir leid, gerne hätte ich ihn zum Tanzen gebracht, aber wenn ein Mensch derart abgeschaltet ist, dann ist da kein Funke mehr, geschweige denn ein Funk.

Die Bühne kochte, es war wundervoll anzusehen, mit wie viel Respekt sich die einzelnen Künstler Raum und Zeit für den Auftritt ließen. Soli für alle und jeden. Mr. Parkers Neffe an den Drums. In einem einzigartigen Solo. Mr. Parkers Cousine als Background-Sängerin und wenig später, angekündigt von ihm, mit einem Solo, dass es fetzte. „Stand by me“ interpretierte sie alleine und voll animalischer Kraft, stampfte und bewegte sich ruckartig am Bühnenrand. Eine ganz besondere Art sich zu bewegen, Sex-Appeal by nature.

Mr. Parker hatte für diesen Moment die Bühne verlassen und stand links unten an der Tür zum Backstagebereich. Alleine, bescheiden und stolz. Völlig unbeachtet im Abseits und mit vollem Herzen bei allem und jedem, der gerade im Rampenlicht war. Der Applaus für die Sängerin war unbeschreiblich und verdient. Ein Solo für den Gitarristen noch, eines für den Keyboardspieler, und niemand wurde vergessen. Mr. Parker dankte auch seinem weltbesten Busfahrer, der alle Mitglieder der Band während der Tournee immer so sicher chauffierte.
Das Konzert war vorüber, ich stellte mich kurz neben die Bühne und wartete auf … eigentlich nichts. Ich hatte mir eine Vinyl-LP gekauft im Foyer, und wer immer von den Muikern signieren mochte, bitte sehr. Und es geschah, wie es richtig war, everything is falling to the right place. Dennis Rollins signierte. Ich fragte ihn:  „Darf ich Sie etwas fragen? Sind Sie mit Mr. Sonny Rollins verwandt?” Er lächelte und sagte: „Oh, ich wünschte, ich wäre es.“

Ich erzählte ihm, dass ich den Spirit Sonny Rollins so stark spürte, als er vorhin sein Trompetensolo spielte, dass ich weinen musste. Dennis strahlte mich an, griff an seine linke Brust-Seite und freute sich unglaublich. Er sagte dann: „Sonny Rollins Spirit ist immer mit uns.“ No words… Ich spürte alles. Eigentlich brauchte man keine Worte.

Ich ging dann langsam Richtung Ausgang, fuhr die Rolltreppe von der vierten Etage bis ins Foyer. Wieder wusste ich nicht, in welche Richtung ich gehen sollte. Ich entschied mich dafür, nach rechts zu laufen, ins Nichts quasi. Nach einigen Minuten merkte ich, dass der Tourbus neben mir hielt. Einige Musiker stiegen ein. Einer fragte mich, ob ich aus Frankfurt sei. Sie müssten nun nach Weisbach oder Weisenbad oder so, 30 Minuten entfernt von Frankfurt. Also wo hier noch was los ist am Sonntagabend, da hätte ich Bescheid gewusst. Aber in Wiesbaden, wie sich nun herausstellte, da lief wohl nichts mehr.
Im Schwarzen Bock wohnten sie und mussten am nächsten Morgen weiter. Da blieb nur noch Zeit für ein Weizenbier an der Bar. Ich winkte, verabschiedete mich und machte noch ein Foto von Dennis: Give me a smile. Er wurde zur Seite geschubst, dann bekam er den Vortritt in den Bus angeboten von der Sängerin mit den Worten: „Ladies first.“ Alle lachten. Mr. Parker signierte mir noch meine Vinyl.
Take care, good bye. See you next time.

I dance on my way home. Funkysprühend. Lächelnd. Smile.
 
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