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65-Jährige verlässt die Kreativwerkstatt – fast: Claudia Muñoz del Rio räumt ihren Schreibtisch

Von Es ist kein trauriger, sondern ein fröhlicher Abschied: 21 Jahre leitete Claudia Muñoz del Rio die Kreativwerkstatt und das Begegnungszentrum an der Hansaallee, seit 29 Jahren schon arbeitet sie in der Einrichtung. Jetzt ist Schluss. Die 65-Jährige will nur noch eins: entschleunigen.
Claudia Muñoz del Rio packt ein. Nach 29 Jahren bei der Kreativwerkstatt und dem Begegnungszentrum an der Hansallee geht die 65-Jährige in den Ruhestand. Foto: Leonhard Hamerski Claudia Muñoz del Rio packt ein. Nach 29 Jahren bei der Kreativwerkstatt und dem Begegnungszentrum an der Hansallee geht die 65-Jährige in den Ruhestand.
Dornbusch. 

Zu spüren, was es bedeutet, Zeit zu haben. Es ist ein einfacher und doch so wichtiger Wunsch, den Claudia Muñoz del Rio für ihre Rente hat. 29 Jahre arbeitet sie nun schon in der Kreativwerkstatt des Frankfurter Verbandes, 1995 übernahm sie die Leitung, seit 2009 war die 65-Jährige für das gesamte Service- und Begegnungszentrum, inklusive dem Café Anschluss, an der Hansaallee verantwortlich. Eine Verantwortung, die sie jetzt gerne abgibt. „Ich kann gut loslassen, damit habe ich wirklich kein Problem. Ich werde mich auch nicht mehr einmischen. Ehrlich gesagt, bin ich nicht unglücklich, dass es jetzt vorbei ist. Es waren manchmal schon lange Tage“, sagt sie.

Auch wenn Claudia Muñoz del Rio das Begegnungszentrum seit dem 1. Februar nicht mehr leitet, in den kommenden Tagen, vielleicht sogar Wochen, wird sie noch das ein oder andere Mal in ihrem ehemaligen Büro auftauchen und auf dem Stuhl Platz nehmen, auf dem sie die vergangenen 21 Jahre gesessen hat. Denn auf ihrem Schreibtisch sieht es noch lange nicht nach Abschied aus. Im Gegenteil: Papierstapel liegen im vorderen Bereich. Darunter ist auch eine Mappe für ihren Nachfolger, Fachbereichsleiter Peter Gehweiler. Auf dem Tisch steht eine große graue Kiste, darin liegen einige leere Ordner. Gefüllte Exemplare reihen sich noch in den Aktenschränken. „Es ist unglaublich, was sich in den Jahren so ansammelt. Ich muss erst einmal entrümpeln“, wirft Claudia Muñoz del Rio eine Blick durch das Büro, das so lange ihr zweites Zuhause war.

Ganz Deutschland strickt

Dass der Abschied der Frau mit dem sympathischen Lächeln und den stets strahlenden Augen nicht ganz so schwer fällt, mag vielleicht auch daran liegen, dass sie der Kreativwerkstatt auch weiterhin erhalten bleiben wird. „Mir wurde ein Mini-Job angeboten, darüber habe ich mich sehr gefreut“, erzählt Muñoz del Rio, die sich künftig im Strick- und Häkelbereich engagieren wird. Diese Art der Handarbeit habe etwas Meditatives, man komme zur Ruhe und könne entspannen. Zudem feiern Stricken und Häkeln eine Renaissance. „Ganz Deutschland strickt wie irre“, sagt die Fachfrau. Es habe noch nie so tolle Materialien gegeben wie derzeit.

Handarbeit war schon immer das Steckenpferd der Kreativwerkstatt beziehungsweise Seniorenwerkstatt. So hieß die Einrichtung 20 Jahre lang – von 1980 bis zur Jahrtausendwende. 1988 fing Claudia Muñoz del Rio an, dort zu arbeiten, damals noch in einem angemieteten Hinterhaus im Oeder Weg. „Bis 2003 waren wir dort, hatten viel Laufkundschaft. Im April 2004 sind wir hier in die Einsamkeit gezogen“, erzählt sie. Drei Jahre vor dem Umzug wurde die Namensänderung angestoßen – von Claudia Muñoz del Rio, die die Werkstatt mittlerweile leitete. „Wir wollten den Namen und die Inhalte ändern, wollten offener werden für jüngere Menschen, aber auch andere Kulturen.“Das Konzept funktionierte trotz einiger Anlaufschwierigkeiten. Nach zwei Jahren waren auch die letzten Skeptiker überzeugt, die Werkstatt hatte ihr erstes Ziel erreicht: ein Haus der Kreativität zu werden. Es gab nicht mehr nur Handwerk – neue Kurse wie Tanzen, Musik, kreatives Schreiben sowie zur Selbsterfahrung und Entspannung bekamen Platz im Programm. Der Erfolg gab Claudia Muñoz del Rio recht, das Publikum wurde jünger und internationaler. Die jüngste Teilnehmerin im Bauchtanzkurs war 14, die älteste 84 Jahre alt.

Berlin und Kastilien

Nun kann die ehemalige Leiterin des Begegnungszentrums erst einmal durchatmen. Viel Zeit will sie in Berlin verbringen, bei ihren Töchtern und den beiden Enkeln. Und mit ihrem Mann: Als der Spanier als Gastarbeiter nach Deutschland kam, verliebte sich die gebürtige Karlsruherin in ihn. Auch ihm kann sie sich nun mehr widmen, sowie der über 200 Jahre alten Wassermühle in Kastilien, die sie 1978 gekauft und aufwendig saniert haben.

„Ich denke, wir werden dort künftig nicht nur Urlaub machen, sondern auch ein wenig länger bleiben“, sagt Claudia Muñoz del Rio, die auch ihre Wohnung in Frankfurt verkaufen und ganz nach Spanien ziehen würde. Doch da spielt ihr Mann nicht mit, ihn zieht es nicht zurück in seine Heimat. Doch damit kann sie leben, auch ein paar Wochen werden ihr gut tun in dem kleinen Dorf, da ist Muñoz del Rio sicher. „Wenn ich dort bin, kann ich entspannen. Ich fühle mich einfach wohl. Früher, wenn wir aus dem Urlaub zurückkamen und ich die Bürotürme in Niederrad gesehen habe, da habe ich geweint.“ Nur das Badezimmer, sagt sie, müsste dringend noch saniert werden. „Das ist seit 35 Jahren überfällig“, sagt sie und packt weitere Akten in ihre graue Kiste.

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