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Zuwanderer erzählen von ihren Erfahrungen: Der beste Weg zur Integration

Mit den Flüchtlingen ist die Zuwanderung in Hessen auf einen Rekord gestiegen. Allerdings kamen schon vor Jahrzehnten Menschen aus dem Ausland zu uns und sind mittlerweile integriert.
Sunil Mahtani stammt aus Indien und ist Geschäftsführer eines Ladens, in dem bunte Sari verkauft werden. Er ist überzeugt, dass nur diejenigen in Deutschland integriert sind, die auch die Sprache sprechen. Er hat die Sprache vor allem von seinen in Deutschland geborenen Kindern gelernt. Bilder > Foto: Boris Roessler (dpa) Sunil Mahtani stammt aus Indien und ist Geschäftsführer eines Ladens, in dem bunte Sari verkauft werden. Er ist überzeugt, dass nur diejenigen in Deutschland integriert sind, die auch die Sprache sprechen. Er hat die Sprache vor allem von seinen in Deutschland geborenen Kindern gelernt.
Bahnhofsviertel. 

Längst nicht jeder spricht gut Deutsch im Frankfurter Bahnhofsviertel. Viele Ausländer arbeiten oder leben seit Jahrzehnten in dem internationalsten Viertel der größten Stadt Hessens. Alim Cosgun etwa, Chef eines großen türkischen Lebensmittelladens. „Ich habe Deutsch von meinen Kunden gelernt“, sagt er. Auch Sunil Mahtani, der indische Geschäftsführer eines fast 40 Jahre alten Ladens für Saris, hat Deutsch vor allem von seinen in Frankfurt geborenen Kindern gelernt. Was halten Einwanderer der ersten Generation bei der Integration von Flüchtlingen für wichtig?

Deutsch lernen und Arbeit finden – das sind für die Vorsitzende des Ägyptischen Vereins Darmstadt, Fahima Nokraschi, die wichtigsten Voraussetzungen. Das habe auch ihr sehr geholfen, als sie 1963 ihrem Mann gefolgt und nach Hessen gekommen sei. „Flüchtlinge sollten auf jeden Fall Deutsch lernen, auch wenn sie zurückkehren“, sagt die 72-Jährige. „Das ist eine Bereicherung.“ Auch ein Arbeitsplatz sei wichtig. „Das wollen auch die meisten. Deutschland kann die Flüchtlingssituation schaffen. Die Verfahren müssen aber schneller gehen.“

Leere Versprechungen

Das allein reiche aber nicht. Flüchtlinge sollten möglichst bald erfahren, „wie das Leben in Deutschland tickt“, betont Nokraschi. Schlepperbanden hätten mitunter viel versprochen. „Die Leute, die hierher kommen, denken, hier könnte man alles in Hülle und Fülle haben, und auch noch schnell.“ Geduld sei notwendig, „weil Ämter bei den Anträgen nicht nachkommen“.

Im Bahnhofsviertel kommen Zuwanderer verschiedener Nationalitäten beim Thema Integration zuerst auf die Fluchtursachen zu sprechen. Der Krieg in Syrien und die Anschläge in der Türkei könnten nur gestoppt werden, wenn alle Seiten die Waffenlieferungen beendeten, heißt es unisono. „Wie kam die Terrormiliz IS denn an die Waffen?“, fragt etwa der türkische Verkäufer Murat, der seinen Nachnamen nicht nennen will. „Alle Länder sollten aufhören, Waffen an Terroristen zu liefern und lieber Brunnen bauen.“

„Die ganze Welt muss zusammenrücken. Sonst gibt es keine Chance, den Konflikt zu lösen“, sagt Cosgun, Inhaber von „Alims Market“. „Jeden Tag sterben in Syrien viele Menschen. Das ist schlimm.“ Es sei zwar immer besser, in der Heimat zu bleiben und dort eine Lösung zu finden. Er habe aber natürlich Verständnis für die geflüchteten Familien.

Sie bräuchten Sprachkurse und Arbeitsplätze, sagt Cosgun, der 1989 mit nur einem Koffer aus Anatolien kam, um seine türkische Frau zu heiraten, die in Frankfurt zur Schule gegangen war. „Man sollte ihnen nicht jeden Tag Essen geben, sie müssen selbst Arbeit suchen“, sagt Cosgun, der sich zum Unternehmer mit mehreren Geschäften hoch gearbeitet hat und gute Arbeitskräfte gebrauchen kann.

Sprache und Arbeit. Das hält auch Pelzhändler Nestor Douvlos, der von griechischen Zuwanderern abstammt, für das A und O der Integration. Es sei eben anders als in der Generation seiner Eltern, wo Deutsche und Zuwanderer dachten, sie seien nur Gastarbeiter, die bald wieder in die Heimat zurückkehrten.

Der gebürtige Frankfurter nennt aber noch einen anderen Punkt: das soziale Miteinander. „Es dürfen keine Ghettos entstehen wie in Paris oder Brüssel.“ Deshalb ängstige es ihn auch keineswegs, „wenn Flüchtlinge auch in den besseren Wohnvierteln mittendrin wohnen“. Die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte vor allem in Ostdeutschland machten ihn dagegen sehr traurig. „Ich bin froh für jeden Flüchtling, der in solchen Städten wie Frankfurt unterkommt und nicht irgendwo aufs Land muss“, sagt der 42-Jährige, über dessen Geschäft 14 Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern eingezogen sind.

Entsetzt ist der Frankfurter mit griechischen Wurzeln darüber, dass so mancher Migrant der zweiten Generation schlecht über die Neuankömmlinge spricht. „Ich frage sie dann immer, wie sind denn unsere Eltern hierhergekommen?“ Unerklärlich sei ihm auch, weshalb viele darüber schimpften, dass Flüchtlinge ein Handy hätten und gut gekleidet seien. „Die Leute haben in Syrien genauso gelebt wie wir.“

Muslime ausgeschlossen

Douvlos ist überzeugt: „Die Leute (Flüchtlinge) möchten doch der Gesellschaft angehören. Niemand will ausgeschlossen sein.“ Die Radikalisierung mancher Muslime habe nach seiner Auffassung auch damit zu tun, „dass wir nach den Anschlägen am 11. September auf sie mit dem Finger gezeigt, sie ausgeschlossen haben“.

Nach Ansicht des Vorsitzenden des Landesausländerbeirats, Enis Gülegen, der junge Flüchtlinge in Deutsch unterrichtet, muss die Integration schneller gehen. „Jeder Tag, den wir verlieren, ohne ihnen (den Flüchtlingen) Integrationsmaßnahmen anzubieten, ist ein Tag, der uns in der Zukunft viel mehr kosten wird, nicht nur finanziell, sondern auch viel mehr Mühe.“ Seine Auffassungen als türkischer Einwanderer zum Thema Integration seien aber nicht anders als die in Deutschland geborener Deutscher. „Ich weiß nicht, ob sich meine Ansichten so sehr unterscheiden von sehr, sehr vielen autochthon deutschen Menschen, Freunden, Kollegen, die ich kenne.“

Die in Albanien geborene Vizepräsidentin der Technischen Universität Darmstadt, Mira Mezini, findet es sogar „irritierend“, als zugewanderte Ausländerin angesprochen zu werden. Deutschland werde erst dann endlich seinen Status als Migrationsland als normal akzeptiert haben, „wenn Leute wie ich nicht als ‚Sonderspezies‘ betrachtet werden“.

Die 1966 geborene Professorin, die seit 16 Jahren in Deutschland lebt, gibt dennoch einen Tipp: „Wenn die erste Not gelindert ist, sollten die Menschen so schnell wie möglich eine Beschäftigung erhalten, um ihnen Selbstwertgefühl zu geben, was selbstverständlich das Erlernen der deutschen Sprache voraussetzt.“

Selçuk Dogruer, Koordinator der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) in Hessen, ist etwas anderer Auffassung: „Ich denke, dass Migranten bei der Integration der Flüchtlinge eine entscheidende Rolle spielen können. Sie besitzen dafür durch ihre eigene Lebenserfahrung die Kompetenzen.“ Als Beispiel nennt er muslimische Religionsgemeinschaften und Migranten-Selbstorganisationen.

Halt suchen

„Seit der Flüchtlingswelle kommen viele Asylbewerber in unsere Moscheegemeinden und suchen Halt und Gemeinschaft“, berichtet Dogruer. „Manche Gemeinden platzen aus allen Nähten und sind überfordert. Das wird aber nicht als Bedrohung gesehen, sondern man versucht zu helfen.“ Die Ergebnisse der Kommunal- und Landtagswahlen bereiteten ihm allerdings Sorge, sagt er. „Wir haben in den letzten Wochen und Tagen bundesweit mehr Angriffe auf Moscheen gehabt und auch Drohbriefe erhalten.“

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