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Werke von Klemens Rolf: James Rizzi aus dem Bahnhofsviertel

Klemens Rolf wohnt mitten im Bahnhofsviertel mit Blick auf Banken, Junkies und Bordelle. Den Alltag im Quartier bildet er in seinen Werken ab.
In einer Ecke seines Wohn- und Esszimmers hat Klemens Rolf einen Tisch mit Staffelei und Stiften und Pinseln aufgebaut. Hier entstehen seine Bilder. Foto: Leonhard Hamerski In einer Ecke seines Wohn- und Esszimmers hat Klemens Rolf einen Tisch mit Staffelei und Stiften und Pinseln aufgebaut. Hier entstehen seine Bilder.
Bahnhofsviertel. 

Junkies, Prostituierte und Kriminalität – auch wenn andere über das Bahnhofsviertel schimpfen, Klemens Rolf ist hier glücklich. „Ich möchte nirgendwo anders leben. Hier ist es vielfältig, bunt und voller Ideen“, sagt er. Seit 2006 wohnt er im Viertel. Sein kleines Loft im sechsten Stock hat zwei Balkone, von hier kann er auf die Moselstraße hinunterblicken.

Der Silberturm der Deutschen Bahn ist sofort zu erkennen. Bild-Zoom Foto: Leonhard Hamerski
Der Silberturm der Deutschen Bahn ist sofort zu erkennen.

Der drahtige Mann in Sweatshirt-Shorts streicht seiner Mischlingshündin „Lola“ über den Kopf. „Sie ist immer dabei, zeigt mir immer wieder neue Motive beim Gassi gehen“, sagt der 59-Jährige. Entsprechend bunt sind die Wände der drei Meter hohen Räume. Hier hängen kleine, mittelgroße, gerahmte und ungerahmte Bilder. Naiv-realistische Szenen aus dem Viertel sind darauf zu sehen. Fassaden, Banken, Pole-Tänzerinnen in eigenwilliger Perspektive, manchmal dreidimensional. Ein bisschen James Rizzi steckt drin. Der amerikanische Pop Art Künstler, der 2011 verstorben ist, wurde mit seinen dreidimensionalen New York Bildern weltberühmt. Auch die Bilder von Rolf sind voller Details: Straßennamen, Taxis, Busse, Erker, High-Heels, Hauseingänge, Spritzen und Leuchtreklame sind liebevoll dargestellt.

Viele Jobs gemacht

Rolf hat erst vor vier Jahren angefangen zu malen. Im wahren Leben war er Gärtner, Techniker, Reiseverkehrskaufmann, Wachmann im Städel, am Flughafen und arbeitet jetzt als Zugbegleiter. Den Wandel in seinem Bahnhofsviertel sieht der Künstler mit Grauen: „Es ist unfassbar, was im Viertel abgeht. In Neubauten in der Niddastraße nehmen sie jetzt schon bis zu 26 Euro pro Quadratmeter Miete. Angeblich wegen der Spekulation auf den Brexit, wenn die Bänker kommen.“

Die Wände sind voll mit seinen Bildern. Auf einigen davon hat Klemens Rolf auch seine Hündin Lola verewigt. Bild-Zoom Foto: Leonhard Hamerski
Die Wände sind voll mit seinen Bildern. Auf einigen davon hat Klemens Rolf auch seine Hündin Lola verewigt.

Grundsätzlich findet er ein „friedliches Nebeneinander“ wichtig. Ebenso wichtig sei es aber, dass im bunten Viertel nicht alles Vorhandene verdrängt, sondern erhalten werde. „Alle schimpfen über Müll, dabei gibt es zu wenig Papierkörbe oder Aschenbecher. Statt einem lebenslangen Hausverbot in Drückerstuben könnte man das Hausverbot auf kurze Zeit beschränken. Das Café Fix hätte nicht geschlossen werden sollen. Dann würden die Junkies weniger auf der Straße sein“, meint Rolf. Statt sich über Prostitution aufzuregen und Gesetze einzubringen, die ihnen mehr schaden, solle man mit den Frauen sprechen. „Wer freundlich auf die Leute zugeht, wird auch freundlich behandelt.“

Tänzerin oft getroffen

Eine seiner Musen war die akrobatische Ballett-Tänzerin Julia Darvas, die 1958 mit den Filmstars Judy Garland und Bob Hope auftrat und mit ihrem (angeblichen) Halbbruder Nicolas Darvas durch die Welt zog. Der Tänzer und Börsenspekulant Darvas war laut Rolf mit Julia verheiratet. „Ich habe die Scheidungspapiere gesehen“, sagt er mit Blick auf Bilder in der offenen Küche mit Aktienauszügen im Hintergrund und dem Tänzerpaar im Vordergrund. Julia in Gold, Nicolas in Schwarzweiß. „Ich habe Julia oft getroffen. In Frankfurt, in der Türkei, in Brasilien und in den USA“, erzählt er mit verliebten Augen von ihr . „Sie wusste, wie man lebt.“

Reisende und Prostituierte im Rotlichtviertel inspirieren den Künstler zu immer wieder neuen Motiven. Hier ist die Moselstraße abgebildet. Bild-Zoom Foto: Leonhard Hamerski
Reisende und Prostituierte im Rotlichtviertel inspirieren den Künstler zu immer wieder neuen Motiven. Hier ist die Moselstraße abgebildet.

Rolf wechselt das Thema und zeigt auf eine dunkelgrüne Wand seines Ateliers und Esszimmers. Dort klafft ein großes Loch. Nägel zeigen die Stelle, wo sein Lieblingsbild hing. „Ein gemalter Stadtplan des Bahnhofsviertels in Öl, Pastell und Acryl. Es hängt jetzt im Büro vom Planungsdezernenten.“ Ursprünglich als Multimedia-Projekt geplant, hatte er es Oberbürgermeister Peter Feldmann angeboten. „Der durfte nicht, da sein Büro eine Kunstsammlung seiner Vorgängerin Petra Roth ziert, die nicht zerrissen werden darf“. Josef habe sofort ja gesagt und gemeint: „Endlich mal was Positives“.

Zum Positiven würde sich das Viertel wandeln, würden nur ein paar Regeln berücksichtigt. „Es geht doch nur darum, ein friedliches Miteinander zu haben und das geht ganz einfach: Manchmal ist weniger Polizei deeskalierend, Pissoirs sollten regelmäßig und nicht nur ab und zu gereinigt werden, Mülleimer erleichtern das Leben und Kunst macht glücklich.“

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