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Interview: Kann Meditation depressiven Menschen helfen?

Die Frankfurter Psychologin Isabel Thinnes will herausfinden, ob Menschen mit chronischer Depression von buddhistischen Meditationstechniken profitieren können. Im Interview erklärt sie, welchen Effekt Achtsamkeits-Übungen haben können – und verrät, was sie von Meditations-Apps hält.
Foto: imago Foto: CHROMORANGE / Hans-Joachim Schneider (imago stock&people) Foto: imago
Frankfurt. 

Frau Thinnes, ganz pauschal: Was habe ich davon, wenn ich meditiere?
Thinnes: Der Nutzen von Meditation ist universell. Meditative Praktiken erhöhen die Lebensqualität. Wer meditiert, erfährt sich selbst und die Welt intensiver.

Was heißt das genau?
Thinnes: Im Alltag sind wir oft so sehr in Gedanken, dass wir den gegenwärtigen Moment nicht bewusst wahrnehmen und die meiste Zeit unseres Lebens im Autopiloten verbringen. Wir grübeln über die Vergangenheit oder die Zukunft – aber wir sind praktisch nie wirklich im Hier und Jetzt. Denken Sie an die Autofahrt, bei der Sie so sehr in Gedanken sind, dass Sie sich anschließend an kein Detail der Strecke mehr erinnern können.

Dass wir nachdenken, ist doch ganz normal?
Thinnes: Klar. Problematisch wird es, wenn die Beschäftigung mit den eigenen Gedanken das gegenwärtige Erleben vollkommen überlagert. Wenn Sie einen Abend mit Ihrer Familie nicht genießen können, weil Sie sich über ein Gespräch am Nachmittag ärgern. Oder Ihr freies Wochenende überschattet ist von dauerhaften Sorgen über die kommende Arbeitswoche. Und so weiter, und so fort. Bei depressiven Menschen ist das besonders gravierend, weil sie sich vor allem mit negativen Gedanken beschäftigen. Wer dann Achtsamkeitsübungen in seinen Alltag einbaut, lernt, seinen Autopiloten für den Moment auszuschalten und sein Erleben wieder bewusst im Hier und Jetzt zu verankern. Andere buddhistische Meditationsformen, wie etwa die Metta-Meditation, lehren einen wohlwollenden Umgang mit sich und anderen. Ich glaube, auch davon können viele Menschen profitieren.

Isabel Thinnes ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Psychologischen Institut der Goethe-Universität. Foto: Thinnes Bild-Zoom Foto: Uwe Dettmar
Isabel Thinnes ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Psychologischen Institut der Goethe-Universität. Foto: Thinnes

In Ihrer Studie soll erforscht werden, ob Meditationsübungen chronisch depressiven Menschen helfen können. Warum gerade Depressive?
Thinnes: Depressionen sind längst eine Volkskrankheit, die meistens wiederkehrend oder sogar chronisch verlaufen. Sie schränken nicht nur die Lebensqualität des Erkrankten stark ein, sondern belasten auch dessen Umfeld. Und natürlich verursachen Depressionen auch große volkswirtschaftliche Schäden. So werden Depressive beispielsweise öfter krankgeschrieben und frühverrentet. Obwohl bis zu vier Prozent aller Menschen chronisch depressiv sind, gibt es nach wie vor erhebliche Defizite in der Behandlung dieser Patientengruppe. Gängige medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlungsansätze erweisen sich als wenig wirksam. Das Ziel unserer Forschung ist daher, ein innovatives Therapieprogramm für Menschen mit chronischer Depression zu entwickeln, das meditative Techniken mit moderner Verhaltenstherapie kombiniert.

Wie ist Ihre Studie angelegt? 
Thinnes: Unsere Studie startet mit einem meditationsbasierten Gruppenprogramm, gefolgt von einer darauf aufbauenden Einzeltherapiephase. Zunächst üben wir mit den Teilnehmern in der Gruppe Achtsamkeitsübungen ein. Ziel der ersten Sitzungen ist es, eine bewusste, wertfreie Wahrnehmung innerer und äußerer Vorgänge als Grundlage für die meditative Praxis zu erlernen. Neben dem Grübeln oder sich sorgen um die Zukunft haben chronisch depressiven Menschen ein geringes Selbstwertgefühl. Sie lehnen sich häufig selbst ab und fühlen sich auch von anderen abgelehnt. Deshalb liegt der Fokus unseres Gruppenprogramms auf dem Erlernen der Metta-Meditation. Das ist eine Meditationsform, bei der es darum geht, positive Emotionen zu stärken. Anderen gegenüber, aber auch sich selbst gegenüber. Das üben wir mit den Teilnehmern in der Gruppe ein, über einen Zyklus von mehreren Wochen. Anschließend geht es in die Einzeltherapie. Deren Ziel ist es, das Erlernte konkret auf den Alltag zu übertragen. In Voruntersuchungen zeigte dieser Behandlungsansatz bereits vielversprechende Ergebnisse. Im Rahmen unserer Studie soll dessen Wirksamkeit nun aber genauer überprüft werden. Letztlich hoffen wir, mit unserer Forschung einen längst nötigen Fortschritt in der Behandlung chronischer Depressionen anzustoßen und Betroffenen einen Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit aufzuzeigen.

Seit einigen Jahren boomen Meditations-Apps wie Headspace oder Buddhify. Was halten Sie davon?
Thinnes: Das kann sehr nützlich sein. Insbesondere weil man über sein Handy, als ständiger Begleiter, regelmäßig ans Üben erinnert wird, was gerade zu Beginn eine große Unterstützung sein kann.

Die Meditationsstudie soll im Frühjahr 2018 beginnen. Ausführliche Informationen zu den Teilnahmebedingungen finden Sie hier.

Das Gespräch führte Christophe Braun

 

 

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