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Interview zu Serienmörder Manfred S.: "Solche Opfer findet man in Frankfurt"

Vor rund einem Jahr hat sich das hessische Landeskriminalamt mit einem spektakulären Verdacht an die Öffentlichkeit gewandt: Der Rentner Manfred S. aus Schwalbach am Taunus könnte ein Serienmörder gewesen sein. Im Raum stehen ein knappes Dutzend ungeklärter Mordfälle, meist an Prostituierten vom Frankfurter Drogenstrich. S. starb 2014. Seine Angehörigen fanden danach in seiner Garage eine zerstückelte Leiche. Andrea Löbbecke (dpa) sprach mit dem Chef-Ermittler Frank Herrmann.
Bilder des möglichen Täters S. hängen im hessischen Landeskriminalamt (LKA) an einer Stellwand. Bilder > Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Bilder des möglichen Täters S. hängen im hessischen Landeskriminalamt (LKA) an einer Stellwand.

Sie haben im Mai 2016 einen umfangreichen Zeugenaufruf gestartet, es gab daraufhin rund 260 Hinweise. Wo stehen Sie heute?

FRANK HERRMANN: Wir sind nach wie vor mitten in den Ermittlungen. Es ist keineswegs abgeschlossen für uns. Die Hinweise waren logischerweise von unterschiedlicher Qualität, manches hat unsere Ermittlungen bestätigt, manches war nicht bekannt. Das betrifft etwa Lagerstätten, die von S. beispielsweise zur Müllentsorgung genutzt wurden, wo er möglicherweise hätte Leichenteile loswerden können.

Was ist noch offen?

HERRMANN: Es müssen unter anderem noch Kleidungsstücke von Opfern auf DNA-Spuren hin untersucht werden. Da es sich um Altfälle handelt, muss man ehrlicherweise sagen, dass dies noch Jahre dauern kann. Denn aktuelle Tötungsfälle müssen beim Landeskriminalamt vorgezogen werden, etwa wenn sie ungeklärt sind oder Verdächtige in Haft sitzen. Nichtsdestotrotz werden alle Altfälle noch mal aufgenommen.

Was ist das Schwierige an diesen Fällen, die ja teils mehr als 40 Jahre zurückliegen?

HERRMANN: Es sind alles Delikte aus einer Zeit, als die Möglichkeiten der DNA-Analytik noch überhaupt nicht bekannt waren. Man sitzt dort einer ganzen Menge an Trugspuren auf, die entweder durch die Lagerung entstanden sind oder bei der Polizei oder in der Rechtsmedizin – weil man nicht auf den Spurenschutz geachtet hat. Falls sich eine DNA-Spur ergibt, die sich nicht zweifelsfrei Manfred S. zuordnen lässt oder in der Datenbank gespeichert ist, dann müssen wir zuerst unsere eigenen Leute aussortieren.

Wie viel Zeit haben Sie überhaupt neben Ihrer alltäglichen Arbeit für Altfälle?

HERRMANN: Wir nehmen uns die Zeit, das gehört einfach dazu. Aber wenn was Aktuelles dazwischen kommt, dann stehen manche Sachen auch mal hintenan. Sobald wieder Luft ist, dann werden die Arbeiten zu den Altdelikten wieder aufgenommen. Ich will nicht sagen, dass das bei uns optimal ist mit der Altfall-Bearbeitung, aber zumindest für Frankfurt haben wir schon die ganzen Jahre versucht, das auf gesunde Beine zu stellen. Und eigentlich läuft es ganz gut. Beispielsweise der Fall Tristan, der liegt zwar Jahre zurück, wurde aber nie abgeschlossen.

Wie stehen Sie aktuell zu der Hypothese Serienmord?

HERRMANN: Diese Annahme ist mit unserer Arbeit gestützt worden. Wir sind teils weggekommen von „Manche Sachen sind halt einfach Zufall“. Denn wenn es der zweite, dritte, vierte Zufall ist, dann muss man sagen: Es ist wahrscheinlich kein Zufall mehr. Das betrifft insbesondere die ermittelten Aufenthaltsorte von S.

Wie sehen Sie inzwischen einen möglichen Zusammenhang mit dem Fall Tristan?

HERRMANN: Der Fall Tristan steht etwas in Klammern. Da ist es bei dem Stand geblieben, wie wir ihn vor einem Jahr dargestellt haben. Man muss an diesen Fall denken, es gibt Ähnlichkeiten bei der Tatbegehung. Allerdings gibt es bei Tristan keinen objektiven Beweis. Den gibt es zwar auch bei den anderen Fällen nicht, allerdings kommt da noch mehr hinzu, etwa aus den Umfeldermittlungen.

Könnte die Serie womöglich größer sein, als bislang angenommen? Vor einem Jahr standen rund zehn mögliche Fälle im Raum, darunter sechs konkreter.

HERRMANN: Eine genaue Zahl ist so nicht eingrenzbar. Wir gehen allerdings inzwischen nicht mehr davon aus, dass es außerhalb des Rhein-Main-Gebiets beziehungsweise außerhalb des Frankfurter Straßenstrichs, weitere Opfer gibt. Diese Annahme stützen wir auch darauf, dass S. nicht für längere Zeit an einem anderen Ort war, außer bei klassischen Familienurlauben. Wenn man auf solche Opfer abzielt, findet man hier in Frankfurt all das vor der Haustüre.

Wie steht es um die Hypothese, dass es möglicherweise einen Mittäter gab?

HERRMANN: Wirklich neue Erkenntnis gab es nicht. Die Verletzungsmuster bei dem letzten Opfer (die Tote in der Garage) lässt daran denken, dass zwei Leute beteiligt waren. Die Psychologen deuteten das als Auslebung unterschiedlichen Fantasien. Es kann aber auch sein, dass ein Täter seine unterschiedliche Fantasien ausgelebt hat.

Kommt das denn häufig vor – ein Serienmörder-Duo?

HERRMANN: Grundsätzlich muss man sagen: Solche Täter begehen in den meisten Fällen diese Taten alleine. Das ist jetzt nicht unbedingt der gesellige Teamsport. Aber es gibt auch einen ganz entscheidenden Prozentsatz, wo ein zweiter Täter mit ins Spiel kommt. Daran muss man einfach denken. Wir können es weder verifizieren noch ausschließen.

Sie sind seit vielen Jahren Polizeibeamter. Beschäftigt Sie der Fall mehr als andere?

HERRMANN: Es ist schon was Spezielles, weil man mit dem Verdacht eines Serienmordes nicht alltäglich konfrontiert wird. In Deutschland gibt es das nur selten. Etwas Besonderes ist es, sich mit den alten Akten zu beschäftigen.

Frank Herrmann leitet eine von vier Frankfurter Mordkommissionen. Er war auch Chef der Soko Alaska, die zu dem Fall gebildet worden war. Herrmann ist seit 27 Jahren Polizist.

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