Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Limburg an der Lahn 12°C
8 Kommentare

Tagelöhner nahe der EZB: Urin, Abfall, Lärm: Frankfurts "Arbeiterstrich" nervt die Anlieger

Von Auf dem "Arbeiterstrich" gegenüber der Europäischen Zentralbank versammeln sich an Werktagen Dutzende Tagelöhner auf Jobsuche – sehr zum Missfallen der Anwohner, die über negative Begleitumstände wie Verschmutzung und Ruhestörung klagen. Auch die Angst vor Übergriffen geht inzwischen um.
Auf dem „Arbeiterstrich“ in der Sonnemannstraße hoffen diese Männer auf einen Tagesjob, der ihnen ein paar Euro einbringt. Foto: Leonhard Hamerski Auf dem „Arbeiterstrich“ in der Sonnemannstraße hoffen diese Männer auf einen Tagesjob, der ihnen ein paar Euro einbringt.
Frankfurt. 

Es war lange ruhig um den „Arbeiterstrich“ im Ostend. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich die Situation dort entspannt hätte. Glaubt man den Anliegern der Sonnemann- und Howaldtstraße, ist die Zahl der Tagelöhner auf Jobsuche in den vergangenen Monaten sogar gestiegen. „Auf der ganzen Länge der Sonnemannstraße stehen manchmal 100 Leute“, schätzt Antonio Marcellino, Wirt der Pizzeria „Mille Lire“. Vor allem Männer aus Osteuropa postierten sich auf dem Gehweg, bis ein Auftraggeber anhalte und sie zu einer Baustelle fahre. Landespolizeisprecher Manfred Füllhardt spricht von zeitweise bis zu 40 Arbeitssuchenden.

Wirt Antonio Marcellino steht auf dem Gehweg vor seiner Pizzeria, rechts warten drei Tagelöhner auf einen Auftraggeber. Bild-Zoom Foto: Rainer Rüffer
Wirt Antonio Marcellino steht auf dem Gehweg vor seiner Pizzeria, rechts warten drei Tagelöhner auf einen Auftraggeber.
Gastronom Marcellino berichtet, dass die Lage mitunter „unerträglich“ sei: „Die Männer haben auch schon in unser Treppenhaus gepinkelt und dort ihr großes Geschäft gemacht.“ Wenn eine „Masse von Arbeitern“ vor dem Lokal stehe, schrecke das leider auch Kunden ab. „Oft, wenn ich die Leute bitte, den Ort zu wechseln, heißt es frech: ,Was willst du? Ich kann stehen, wo ich will, das ist öffentlicher Raum!‘“ Bei Regen stellten sich die Arbeiter oft unter die Markise der Pizzeria und in Hauseingänge: „Hier nebenan wohnen alleinstehende, junge Frauen, die haben Angst, morgens das Haus zu verlassen.“ Die würden sozusagen „mit Blicken ausgezogen“.

Furcht vor Vergeltung

Eine Anwohnerin aus der Howaldtstraße, die ihren Namen aus Furcht vor Vergeltungsaktionen nicht in der Zeitung lesen möchte („Ich will ja noch weiter hier wohnen!“ ), spricht ebenfalls von einer „Verschlechterung“ der Lage. Früher habe sich der „Arbeiterstrich“ auf beide Straßenseiten verteilt. Die Sicherheitsleute der Europäischen Zentralbank (EZB) schickten die Jobsuchenden aber konsequent weg, so dass sich die „Szene“ nun auf der gegenüberliegenden Straßenseite und inzwischen auch in der Howaldtstraße sammle.

Die Arbeiter blockierten manchmal den ganzen Bürgersteig, sagt die Anwohnerin. Sie suchten zum Pinkeln den Hinterhof oder das Treppenhaus auf und verursachten Müll. „Die Abfalleimer quillen über, ständig liegen Becher und Kippen auf der Straße.“ Auch der Alkoholkonsum sei ein Problem. „Wenn es keinen Job gibt, dann wird eben getrunken und gefeiert – und wenn man sich über den Lärm beschwert, wird man angepöbelt.“

Christian Scheh
"Arbeiterstrich" Kommentar: Ein schöner Traum

Gut, wenn die Stadtpolizei gegen die negativen Begleiterscheinungen des „Arbeiterstrichs“ vorgeht. Zur Bekämpfung der Tagelöhnerei selbst könnten aber vor allem die Auftraggeber beitragen. Ein Kommentar von Christian Scheh.

clearing

Eine Hausmeisterin aus der Sonnemannstraße hat ebenfalls genug: „Ich muss zwei Mal pro Woche Urin wegwischen“, empört sie sich. Mitunter gerieten die Wartenden in Streit um die besten Plätze, erzählt sie. Einmal, vor etwa einem Jahr, hätten zwei Polen auf einen Landsmann eingeprügelt. „Da ist richtig Blut geflossen.“ Das sei aber zum Glück ein Einzelfall gewesen.

Ein kleines Mädchen läuft an vier Arbeitern vorbei. Bild-Zoom Foto: Rainer Rüffer
Ein kleines Mädchen läuft an vier Arbeitern vorbei.
Jörg Bannach, Leiter des Frankfurter Ordnungsamts, betont auf Nachfrage, dass der „Arbeiterstrich“ schon seit vielen Jahren existiere. Es sei bekannt, dass die Personen dort teilweise ihre Notdurft verrichten, weil keine öffentlichen Toiletten vorhanden seien. Auch eine „Entsorgung von Kleinabfällen“ durch die Wartenden sei festzustellen. Bei der Klientel handele es sich meist um „Osteuropäer aus der EU, die überwiegend als selbstständige Gewerbetreibende auftreten“.

Bannach kündigt an: „Die Stadtpolizei wird die Beschwerden zum Anlass nehmen, den Bereich in den kommenden Tagen näher zu beobachten und bei Verstößen gegen die Gefahrenabwehrverordnung oder das Kreislaufwirtschaftsgesetz entsprechend einschreiten.“ Der Behördenleiter betont aber auch, dass derzeit weder der Stadt- noch der Landespolizei Beschwerden vorliegen.

Die Anlieger bestätigen, dass sie die Missstände zuletzt nicht gemeldet hätten. Das soll sich nun ändern: Die Anwohnerin aus der Howaldtstraße hat schon Kontakt zum Vorsteher des zuständigen Ortsbeirats 4, Hermann Steib (Grüne), aufgenommen. Dieser sagte gestern, dass er die Informationen an die Fraktionen des Stadtteilgremiums weitergegeben habe. Beim Hauptzollamt Frankfurt ist der „Arbeiterstrich“ natürlich auch seit Jahren bekannt. Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit der Behörde beteilige sich „mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln an den erforderlichen Maßnahmen zur Bewältigung der Probleme“, teilte Behördensprecherin Christine Straß gestern mit. Das geschehe „durch eine enge, abgestimmte Kooperation mit der Polizei und der Ordnungsbehörde“.

Begrenzte Möglichkeiten

Aus Behördenkreisen ist allerdings zu hören, dass die Möglichkeiten zum Einschreiten relativ begrenzt sind: „Auf der Straße zu stehen, ist keine Straftat und keine Ordnungswidrigkeit.“ Und alles andere müsse man den Arbeitern erst mal nachweisen.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse