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Augustaallee: Gurte verhindern Auseinanderbrechen der Silberlinde

In Bad Homburg stehen viele prächtige Bäume, nicht alle von ihnen sind gesund. Das hat sich zuletzt in der vergangenen Woche gezeigt, als eine große Rotbuche im Kurpark umstürzte. Dass solche Fälle nur selten auftreten – dafür sorgt die städtische Abteilung Grünpflege. Unsere Reporterin Monika Melzer-Hadji hat die „Baum-Doktoren“ bei ihrer Arbeit begleitet.
Die Silberlinde an der Augustaallee hat ein  Loch im Stamm, die „Baumdoktoren“ Helmut Wilming und Stefan Kogge kontrollieren sie regelmäßig. Reichwein Foto: Jochen Reichwein Die Silberlinde an der Augustaallee hat ein Loch im Stamm, die „Baumdoktoren“ Helmut Wilming und Stefan Kogge kontrollieren sie regelmäßig. Reichwein
Bad Homburg. 

Die stattliche Hänge-Silberlinde an der Augustaallee ist zwischen 160 und 180 Jahre alt. Seit vielen Jahren gehört der Baum mit der Katasternummer 762 zu den Sorgenkindern, um die sich die Abteilung Grünpflege 1 des Betriebshofs im Bereich „Baum und Firmenkontrolle“ besonders intensiv kümmern muss.

Unübersehbar klafft ein mannshohes Loch im Stamm, hier hat sich bereits vor Jahrzehnten eine Fäulnisstelle ausgebreitet. Dass die Silberlinde, die theoretisch bis zu 1000 Jahre alt werden kann, dennoch stabil steht, verdankt sie der Pflege der Bad Homburger Baumkontrolleure und -sachverständigen. Unter der Leitung von Helmut Wilming kümmern sich Baumschulmeister Stefan Kogge und Boris Heinrich, Forstwirt und European Treeworker, darum dass dieser Patient – so wie viele andere der 17 000 städtischen Bäume – noch möglichst lange erhalten bleibt.

70 Prozent hohl erlaubt

Im dichten Blätterwerk der stark eingekürzten Krone entdeckt man die Gurte, die dafür sorgen, dass die Silberlinde nicht auseinanderbricht. Regelmäßig messen die Experten die Beschaffenheit des Holzes: Ein Resistograf (Bohrwiderstands-Messgerät) bohrt an verschiedenen Stellen eine zwei Millimeter dicke Sonde bis zu 40 Zentimeter tief in den Stamm. Aufgrund des Widerstandes kann genau festgestellt werden, wo sich gesundes Holz befindet und wo ein Pilz beginnt, der den Baum innen schädigt. „Bis zu 70 Prozent darf ein Baum hohl sein, wenn es darüber geht, ist die Standfestigkeit gefährdet“, sagt Kogge.

Sauerstoffbedarf von zehn Menschen

Manch einem Zeitgenossen mag es nicht einleuchten, dass für die Pflege der Bäume so viel Aufwand betrieben, so viel Geld investiert wird. Da schadet es nicht, ein paar Fakten zu nennen:

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Kann ein Baum doch einmal nicht gerettet werden, bemühen sich die Experten, es den Nachbarbäumen so leicht wie möglich zu machen, denn „einen Baum sofort wegzufällen, ist brutal für die Nachbarn, nicht nur was den Schattenwurf betrifft. Durch stückweises Kappen merkt der andere, dass sich in der Nachbarschaft demnächst was tut und kann sich darauf einstellen“, so Heinrich.

Die „Baumdoktoren“ kämpfen intensiv und individuell um jeden Baum, die Entscheidung über eine Fällung kann ihnen schon einmal eine schlaflose Nacht bereiten. Doch im Gegensatz zu früher, als befallene Stellen ausgefräst wurden, lässt man den Pilzbefall inzwischen in Ruhe. „Wenn er nach außen sichtbar wird, hat er sich innen längst ausgebreitet und das Holz beschädigt“, so Wilming. In Einzelfällen hat man Bäume auch schon beimpft oder „Waldleben“ – eine Art Vitaminkur für Bäume – ausgebracht. Doch „es ist ja klar, dass sich ein junger, vor Kraft strotzender Baum natürlich gegen Pilze und Bakterien besser zur Wehr setzen kann als ein alter, geschwächter“, zeigt Kogge eine von vielen Parallele von Mensch und Baum auf.

Der Ahorn stellt die größte Gruppe

  Rund 17 000 (Tendenz steigend) städtische Bäume sind im Bad Homburger Baumkataster registriert, allein 2600 davon stehen im Kurpark.

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Dass sie relativ viele Problembäume zu betreuen haben, machen die Baumdoktoren auch am Klimawandel fest. „Milde Winter und lange Trockenperioden haben dafür gesorgt, dass sich hier neue Schädlinge wohlfühlen“, erklärt Chef Wilming. So hat sich in der oberen Tannenwaldallee beispielsweise die vom Balkan stammende Kastanienmoniermotte breitgemacht und sorgt für braune Blätter. Um den Schädling in den Griff zu bekommen, wird ihr Gegenspieler, die Meise, durch Nistkästen angelockt. Dass die Kastanien im Kurpark so gut wie kein Problem damit haben, läge daran, dass dort das Laub vollständig weggekehrt würden. „Das können wir in der Tannenwaldallee nicht in diesem Umfang leisten, zumal dort auch auf vielen Privatgrundstücken Kastanien stehen“, so Kogge.

„Ganze Alleen gekillt“

Hinzu kommen „Quarantäneschädlinge“, die über Palettenholz aus fernen Ländern importiert wurden. „Der asiatische Laubholzbockkäfer hat schon ganze Alleen gekillt, da machste nix“, erklärt Wilming.

Ein anderes Viech, der einheimische Eichenprozessionsspinner, stellt für die Bäume selbst kein Problem dar, umso mehr für den Menschen, denn die brennenden Haare der Raupe können zu schweren allergischen Reaktionen führen. „Für den war früher am Main die Grenze, seit einigen Jahren ist der Hygieneschädling auch nördlich davon zu Hause. Das Aufkommen ist allerdings stark witterungsabhängig“ erläutert Treeworker Heinrich.

Die Abteilung Grünpflege 1 reagiert, indem sie bei Neupflanzungen auf sogenannte „Klimax-Baumarten“ setzt, die besonders widerstandsfähig sind, weil sie speziell auf die neuen Anforderungen gezüchtet werden. „Aber auch die Städteplaner sollten umdenken. Lieber weniger Bäume, dafür die Baumscheiben, in denen gepflanzt wird, größer gestalten, denn Wassernot ist richtig Stress für die Bäume. Und die Kaltluftzufuhr muss gewährleistet sein“, fordert Wilming.

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