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Normand und Nathanael Paiement: „Irma“ zerstörte ihre frühere Heimat

Die beiden Bad Homburger Normand Paiement und sein Sohn Nathanael verfolgen mit Entsetzen die Nachrichten aus der Karibik. Sie erinnern sich an ihre Zeit auf der Insel Saint-Martin und haben Fotos ihrer früheren Heimat herausgesucht. Unsere Reporterin Christiane Paiement-Gensrich erzählt ihre Geschichte. Sie ist seit 2011 mit Normand Paiement verheiratet.
Das Ausmaß der Katastrophe, nachdem der Hurrikan Saint-Martin erreichte: Überall Trümmer, zerstörte Häuser. Foto: MARTIN BUREAU (AFP) Das Ausmaß der Katastrophe, nachdem der Hurrikan Saint-Martin erreichte: Überall Trümmer, zerstörte Häuser.
Bad Homburg. 

Die Perlenohrringe hat mir Normand in Grand-Case gekauft. Unsere Eheringe haben wir von einem Goldschmied in Marigot fertigen lassen. Beide Städte sind vor gut einer Woche von Hurrikan „Irma“ verwüstet worden. Sie liegen auf der französisch-niederländischen Karibikinsel Saint-Martin/Sint Maarten, auf der mein Mann und sein heute 19 Jahre alter Sohn Nathanael drei Jahre lang gelebt haben. Seit dem Sommer 2011 wohnen beide in Bad Homburg. Aber in diesen Tagen verfolgen wir mit Entsetzen die Nachrichten aus der Karibik. Denn beide – sie sind französische Staatsbürger – haben noch Bekannte auf der Insel.

Vater und Sohn

Normand Paiement ist 65 Jahre alt, stammt aus Montreal (Kanada) und hat insgesamt 14 Jahre lang in der Karibik gelebt. Von Beruf ist er Übersetzer.

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Eine gute Freundin meines Mannes hatte ihm per E-Mail geschrieben, kurz bevor der Wirbelsturm die Insel traf. „Wir müssen uns in einem höhergelegenen Teil der Insel in Sicherheit bringen“, hatte sie berichtet. Seitdem hat er nur eine knappe Nachricht von einem Unbekannten bekommen: Sie und ihre Kinder seien wohlauf, aber das Erdgeschoss ihrer Wohnung sei beschädigt. 60 bis 70 Prozent aller Gebäude auf der Insel sind zerstört und fast alle haben Schäden, erfahren wir aus den französischen Nachrichten. Die Siedlungen sehen aus, wie nach einem Bombenangriff. Wo die Mauern standgehalten haben, hat „Irma“ Dächer abgedeckt sowie Fenster und Türen zerbrochen. Die Hälfe der Haushalte ist noch immer ohne Strom. Trinkwasser wird in Kanistern verteilt, denn die Meerwasser-Entsalzungsanlage ist ebenfalls schwer beschädigt worden.

Bewaffnete Plünderer

Was die Sache noch schlimmer macht: In den Straßen sind teils bewaffnete Plünderer unterwegs. „Das wundert mich nicht. Die Kriminalitätsrate auf Saint-Martin ist hoch. Dort leben nicht nur reiche Yachtbesitzer. Ein Teil der Bevölkerung ist sehr arm“, erklärt Normand. Die französische und die niederländische Regierung haben zusätzliche Soldaten und Polizisten geschickt und für die Nacht eine Ausgangssperre verhängt. Rund 70 000 Menschen leben insgesamt auf der nur 14 Kilometer langen Insel. Allein das Auge des Hurrikans hatte einen Durchmesser von rund 50 Kilometer.

Einige Straßen sind inzwischen wieder passierbar. Aber an den Yachthäfen in den Meeresbuchten und in der Lagune müssen sich die Autofahrer mit ihren Fahrzeugen an zerstörten Segelbooten vorbeischlängeln. Die hat „Irma“ aus den Hafenbecken gehoben und auf die Straßen geschleudert.

Über die Schulen unterdessen wird berichtet, dass sie innerhalb der nächsten zwei Wochen wieder öffnen sollen. Nathanael hatte eine englischsprachige Schule auf der niederländischen Seite der Insel besucht. Er zeigt mir sein Klassenfoto von 2011 und einen neuen Facebook-Post, in dem darum gebeten wird, bei den Aufräumarbeiten zu helfen und auch gleich einen Besen mitzubringen: „Please bring a broom.“ Einer seiner früheren Mitschüler arbeitet heute bei einer kleinen Boot-Charter-Gesellschaft auf der Insel. „Da konnte man Motorboote für Ausflüge innerhalb Saint-Martins und zu den Nachbarinseln St. Barth und Anguilla buchen.“ Was aus seiner Firma geworden ist, wissen wir nicht. Nur dass die beiden anderen Inseln ebenfalls schwer von dem Sturm getroffen worden sind.

Alljährliche Gefahr

Nathanael ist auf der großen Nachbarinsel Guadeloupe geboren. Auf den Inseln lebt man mit der alljährlichen Hurrikan-Gefahr. „Vom Sommer an gibt es in den Nachrichten nach dem Wetterbericht immer Informationen über die Entwicklung von Tropenstürmen“, erzählt er. „Ungefähr eine Woche vorher sieht man, welche Wirbelstürme sich bilden.“ Die Hurrikan-Saison dauert bis Ende November. „Die meisten der Stürme hinterlassen nur vereinzelte Schäden“, sagt Normand.

Zweimal, 2008 und 2010, mussten sich Vater und Sohn in ihrer Wohnung auf Saint-Martin in Sicherheit bringen und durften nicht nach draußen, während die Hurrikane Omar und Earl tobten. Die Häuser in der Karibik seien jedoch so gebaut, dass sie die meisten Stürme überstehen.

Wir schauen alte Fotos von der wunderschönen Strandpromenade des Städtchens Philipsburg auf der niederländischen Seite an. Von dort aus hat man einen schönen Blick zum Hafen, wo die großen Kreuzfahrtschiffe angelegt haben. Deren Passagiere sah man oft durch die vielen Duty-Free-Shops in der Einkaufsstraße schlendern. Philipsburg hat Freihafen-Status. US-Dollar werden überall angenommen. Die offizielle Währung auf der niederländischen Seite war der Antillen-Gulden, inzwischen ist es der Karibische Gulden. „Auf der französischen Seite dagegen gilt der Euro“, erklärt Normand. Nathanael fügt hinzu: „In den Supermärkten auf der niederländischen Seite gab es vor allem US-amerikanische Produkte.“

Wir fragen uns, was wohl aus der Schmetterlingsfarm auf der französischen Seite und aus den vielen Papageien in dem kleinen Zoo im niederländischen Insel-Teil geworden ist. Fernsehbilder zeigen Strände, von denen „Irma“ die kleinen Strandrestaurants weggemäht hat. Und Nathanael zeigt mir Fotos, die ihn an einem der schönsten und größten Strände der Insel zeigen. „Die Insel ist vulkanischen Ursprungs und sehr hügelig, das macht ihre Schönheit aus“, sagt Normand.

Nachdenklich fügt er hinzu: „Viele Bilder von Saint-Martin und meine Erinnerungen an die Zeit dort kommen mir jetzt durch die „Irma“-Katastrophe wieder ins Gedächtnis und vermischen sich wie in einem Traum.“

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