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Oldtimer: Peter Michaelis sammelt aus Liebe zum Design

Der Stierstädter Peter Michaelis nennt rund 20 Oldtimer sein eigen, mit denen er auch an Rennen teilnimmt. Der leidenschaftliche Tüftler fertigt sogar Eigenbauten. Dabei dient ein Ferrari als Blaupause.
Ganz in seinem Element: Peter Michaelis in seiner Werkstatt bei der Montage eines Weber- Doppelvergasers an einem Gordini-4-Zylinder-Motor. Foto: JOACHIM STORCH (Pressefotografie Storch, Bad Hg.) Ganz in seinem Element: Peter Michaelis in seiner Werkstatt bei der Montage eines Weber- Doppelvergasers an einem Gordini-4-Zylinder-Motor.
Hochtaunus. 

Alles ist vorbereitet. Im Hof steht ein VW Transporter mit Anhänger, längst eingeladen sind Werkzeuge, Regen- und Ersatzreifen. In wenigen Stunden will Peter Michaelis nach Most in Tschechien aufbrechen, auf dem nordböhmischen Autodrom um den ausgeschriebenen „Langstrecken-Pokal“ kämpfen.

Fest verzurrt und reisebereit präsentiert sich ein Automobil, das innerhalb der Michaelis-Sammlung zur Abteilung „Rennmaschinen“ gehört. Ein Tiga SC 77, dessen 2-Liter-Ford-Motor durch Robustheit überzeugt. Und der nach Auskunft seines Besitzers die sechs pausenlos zu absolvierenden Rennstunden „wie nichts“ wegstecken wird. Ein Vierganggetriebe und 125 PS sind der 1977 in England von den Rennfahrern Howden Ganley und Tim Schencken entwickelten Rarität eigen. „Historisch interessant“ – immerhin der erste je gebaute „Sports 2000“-Typ.

Keine Schonung

Trotz Originalität und Seltenheit wird der leichtgewichtige Flitzer im Norden Böhmens keine Schonung erfahren: Zehn Rechts- und 18 Linkskurven warten auf einem Rundkurs von rund 4100 Metern Länge. Mit Verschleiß ist zu rechnen. „Die Vorderreifen werden wir nach etwa vier Stunden wechseln.“ Ansonsten – und das ist erklärte Absicht – soll der stromlinienförmige Oldtimer bis ins Ziel „am Leben erhalten werden“.

Beeindruckend: In einer ehemaligen Tischlerei hat Peter Michaelis seine 20 Fahrzeuge umfassende Sammlung untergebracht. Bild-Zoom Foto: JOACHIM STORCH (Pressefotografie Storch, Bad Hg.)
Beeindruckend: In einer ehemaligen Tischlerei hat Peter Michaelis seine 20 Fahrzeuge umfassende Sammlung untergebracht.

Wer sich in dem Stierstädter Hof, der früher eine Tischlerei beherbergte, umschaut, ist erstaunt, wie viel der Diplomingenieur und studierte Mediziner am Leben erhält.

Vor sieben Jahren hat er die Oberurseler Kernstadt gegen den beschaulichen Ortsteil eingetauscht – ein Wechsel des Lebensmittelpunktes, der für den passionierten Technikfreund nur Vorteile gebracht hat. Nicht alleine das nunmehr zur Verfügung stehende Raumangebot gilt dem gebürtigen Frankfurter als stimmig – auch der toleranten Nachbarschaft ist zu danken: „Probefahrten mit den Rennautos stoßen hier nicht auf Ablehnung.“ Stattdessen werde nachgefragt, das Gespräch gesucht.

Überhaupt scheint ein verständnisvolles Umfeld dem zuweilen lautstark sich äußernden Hobby schon in frühen Jahren auf die Sprünge geholfen zu haben. Die elterliche Garage ist die Stätte, in der ein autobegeisterter Jungstudent seine Ausbildung finanziert: „Ich habe die Kaltverformungen an den Wagen meiner Kommilitonen wieder hergerichtet.“ Dass Peter Michaelis seinen ersten, billig erworbenen und maroden Alfa Romeo wieder straßentauglich gemacht hat, ist jedenfalls der Ursprung aller Reparaturfähigkeiten.

Die Erfahrung aus „gefühlt hundert Jahren“ ist ein Gut, das schwer wiegt und nicht mit Gold und Silber zu bezahlen ist. Heute bringt den Allroundmann sogar die elektronisch-motorisierte Gegenwart nicht aus der Ruhe. An die eigenen Modernen lässt er keine fremde Handwerkerhand, hat sich stattdessen ein Diagnosegerät zugelegt. Die Liebe jedoch gehört einem Wagenpark, der mittlerweile aus 20 Oldtimern verschiedener Epochen und Produzenten besteht – dessen sichtbare Auffälligkeit jede heutige Formgebung als reizlos und ideenarm erscheinen lässt.

Das Design zählt

„Für mich zählt immer das Design, die Linie“, sagt einer, der ein halbes Dutzend Rennen pro Jahr hinter sich bringt, dabei als Mitglied der „Fahrgemeinschaft Historischer Rennsport“ auch die legendäre Nordschleife des Nürburgrings oder den Eisparcours am Zauchensee nicht scheut. Kurzum: Dem sportlichen Fahrzeug gebührt hier alle Aufmerksamkeit. Und schon öffnet der Hausherr die Hallentür, gibt den Blick frei. Auf zwei Ebenen – eine alte Lkw-Bühne macht es möglich – offenbart sich, was Ingenieursgeist und Schrauberhand vermögen.

In trauter Gemeinsamkeit warten die 911er Porsches und die in Bertone-Karosserien gekleideten Alfa Romeos auf ihre kommenden Einsätze, prunken Farben kraftvoll in Sattrot, Ockergelb, dunklem Blau. Gesammelt wird, was den eigenen Vorlieben entspricht und von eigener Hand wiederhergestellt wird. Dass Eigenbauten zum Sortiment gehören, verwundert bei so viel Begeisterung nicht. Der 67-Jährige schlägt eine Abdeckplane im hintersten Winkel des Raumes zurück: Tiefschwarz glänzt eine „Southern Roadcraft“ genannte Höllenmaschine. „Der Ferrari war die Blaupause.“ Auf einem britischen Kit-Fahrgestell sind Teilstücke von Jaguar und Triumph ebenso arrangiert wie solche von BMW, Audi, Alfa Romeo. Wegen Abstimmungsproblemen müsse er aber nochmals dran, sagt Michaelis und wirft die Plane über das Automobil.

Also in die Werkstatt, wo zwei Hebebühnen die Szenerie beherrschen. Ein weiter Raum, in dem altgediente Motoren auf neue Aufgaben warten und sich Interessierte zwanglos einfinden können. „Bei mir lernen auch Professoren.“ Gerne gibt Peter Michaelis sein Wissen weiter, motiviert gerade den Nachwuchs, der in Schrauberkreisen so selten geworden ist. Für alle sei es ein Gänsehauterlebnis, wenn der Porschemotor nach einer Arbeitswoche erneut aufheule, sich der Erfolg nach anfänglicher Frustration einstelle.

Immer eine Lösung

Über allem kann ein Motto stehen, das den Mediziner ein Leben lang begleitet hat: „Es gibt für alles immer eine Lösung.“ Bestimmt auch für jene Aufgabe, die dem René-Bonnet-Sprinter zu mehr Leistung verhelfen soll. Gerade wird ein Rennmotor aus zwei Renault-Komponenten und mit Weber-Vergaser aufgebaut. Aus 100 Pferdestärken sollen zur nächsten Saison schnellere 120 werden. 1300 Kubik sind dabei eingeplant. „Der Block ist jetzt so anzupassen, dass sich der Motorkopf aufsetzen kann.“

Knifflig auch, was der Tüftler – bei besonderen Vorhaben werden Konstruktionszeichnungen angefertigt – mit seinem BMW 502 angestellt hat. Aus dem 1957 gefertigten „Barockengel“ ist unter Michaelis’ Händen eine Cabriolet-Version erwachsen. „Die Tücke liegt im Detail.“ Der Mittelholm zwischen den Fenstern erwies sich als Problemfall, das Verdeck ist nach einem VW-Käfer-Zuschnitt angefertigt worden. Mit dem vollen V8-Klang rollt das Juwel nun ins Licht des Tages: Weit schwingt der Chromglanz, schlängeln sich die Blinker-Einheiten übers Ehrfurcht gebietende Lackschwarz. 180 Kilometer erreicht der Oberklasse-Wagen in der Spitze. Eine Anhängerkupplung mag irritieren – zieht aber zwei Tonnen Gewicht.

In den USA gekauft

In den 2000er Jahren hat der Enthusiast fast ein Dutzend historischer Sportautos in den USA gekauft. Darunter auch eines, das höchste Beachtung verdient. „Aus dem Baujahr 1966 stammend und eines der letzten vom Originalhersteller.“ Restauriert steht in prägnantem Grün ein elegant-rassiges Format unterm Hallendach. Unter „Glas 1700 GT“ firmiert ein Sportcoupé, dem eine Karosserie aus der italienischen Frua-Werkstatt mitgegeben ist. Hersteller Hans Glas begann einst als Landmaschinenhersteller, erschuf dann das Goggomobil, um schließlich zeitlos schöne Vierräder in die Welt zu bringen.

Von „dem herrlichsten Armaturenbrett aller Zeiten“ schwärmen Besitzer und Fotograf unisono. Gleich möchte man einsteigen und „den ersten Serienmotor mit Zahnriemen-getriebener Nockenwelle“ testen. Für solche Ausflüge hat Peter Michaelis heute jedoch keine Zeit. Nordböhmen und Autodrom Most warten. Schon bald soll der 77er Tiga Kilometer fressen und den sechsstündigen Ritt ohne Blessuren überstehen.

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