E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Limburg an der Lahn 20°C

Reaktion auf nächtliche Schüsse: Bürgernetzwerk gegen Hass

Von Viele Menschen trafen sich am Wochenende in Dreieich, um gemeinsam Gesicht gegen Gewalt und Fremdenhass zu zeigen. Noch immer sitzt der Schock bei den Bürgern tief.
Als sich der Demonstrationszug durch die Straßen bewegte, war erst zu sehen, wieviele Menschen tatsächlich gekommen waren. Bilder > Foto: Nicole Jost Als sich der Demonstrationszug durch die Straßen bewegte, war erst zu sehen, wieviele Menschen tatsächlich gekommen waren.
Dreieich. 

Rund 700 Menschen sind am Samstagmittag am Bahnhofsvorplatz in Dreieichenhain zu der Kundgebung gegen Fremdenhass zusammen gekommen. Es ist vermutlich die größte Demonstration, die das beschauliche Städtchen je erlebt hat.

Mit Plakaten und Fahnen ziehen die Leute gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auf die Straßen. Nach den Schüssen auf die Flüchtlingsunterkunft sei es wichtig, ein Zeichen zu setzen. „Nazis vertreiben, Flüchtlinge bleiben“, rufen die Demonstranten auf den Gassen, eine politische Samba Band aus Frankfurt sorgt für rhythmische und laute Begleitung.

Die Menschenmenge ist sehr durchmischt. Die Dreieicher sind noch immer schockiert über diesen Angriff mit scharfer Munition mitten in der Nacht. „Das geht gar nicht, und deswegen war es mir auch wichtig, hier heute mitzulaufen“, sagt Ilse Dreher, Initiatorin der Dreieicher Kunsttage. Viele Helfer aus dem Netzwerk Flüchtlingshilfe in Dreieich hatten ebenfalls Transparente gemalt und wollten sich klar gegen den Fremdenhass positionieren, mit dem sie in so scharfer Form in Dreieich niemals gerechnet hätten. „Wir sind am Montag gleich ins Haus gegangen und haben die Jungs auf eine Pizza eingeladen. Ein gutes Essen beruhigt, und so konnten wir direkt über die Vorkommnisse sprechen“, erzählt Irmhild Küchler, eine der aktiven Flüchtlingshelfer.

Aktives Netzwerk

Die Organisatoren der Demonstration, die außer Pressesprecherin Alice Blum nur unter dem Namen „Solidarität Dreieich“ firmieren, haben es aufgrund ihres Netzwerkes geschafft, viele junge Leute aus der Antifa-Szene aus Frankfurt, Wiesbaden und der ganzen Region für die Demonstration zu gewinnen. „Sogar bis aus Marburg haben wir Leute, die sich von der grünen Hochschulgruppe für unsere Demo verabredet haben“, freut sich Blum, die auch selbst ein wenig überrascht ist über die große Anzahl der Demonstranten.

Bilderstrecke Dreieich: 700 Menschen demonstrieren gegen Rassismus
Rund 700 Menschen waren dem Aufruf der Gruppe Solidarität Dreieich gefolgt und waren zur Demonstration gegen Rassismus auf den Dreieichenhainer Bahnhofsvorplatz gekommen.Viele Dreieichenhainer waren zur Demonstration gekommen.Viele Demonstranten hatten Plakate gemalt

Blum erzählt, dass sie so einige E-Mails in den vergangen Tagen bekommen habe. „Sie waren nicht sehr nett. Wir sollen abhauen, Dreieichenhain brauche uns nicht und auch keine Demonstration“, berichtet die engagierte Netzwerkerfrau. Auch aus diesem Grund ist sie froh, dass alles so friedlich bleibt.

Am Bahnhof spricht Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl. Er weist darauf hin, dass sich die Anzahl der gefährlichen Attacken im vergangenen Jahr vervielfältigt haben und dass die Aufklärungsquote erschreckend gering ist. Auch Ines Welge vom Hessischen Flüchtlingsrat in Wiesbaden redet zu den Demonstranten und betonte, dass das eigentlich eher weltoffene Hessen mit Hofheim, Lampertheim und jetzt Dreieich Fälle von Gewalt an Flüchtlingen hat. „Die hässlichste Fratze des Rassismus ist die physische Gewalt gegen Flüchtlinge, sie ist im wahr-sten Sinne des Wortes brandgefährlich. Wir können sie nicht entschieden genug verurteilen und bekämpfen. Diese Facette des Rassismus ist deutlich sichtbar.“

Martina Feldmayer, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, ist ebenfalls nach Dreieichenhain gekommen. „Die Menschen fliehen vor Krieg und Schrecken, kommen zu uns, suchen Schutz und werden hier beschossen“, so die hessische Politikerin. Gerade nach den Vorfällen von Köln in der Silvesternacht sei die Gefahr, dass die Stimmung kippt und die Hetze gegen Flüchtlinge zunimmt, groß. „Pegida und rechte Gruppen nutzen jetzt diese Straftaten, um Stimmung zu machen, da ist es noch wichtiger, dass ich als Politikerin vor Ort bin und deutlich gegen den Fremdenhass Stellung beziehe.“

Afghane berichtet

Vom Bahnhof aus ziehen die Menschen bis vor das Haus in der Gleisstraße, wo in der Nacht zum Montag die Schüsse gefallen sind. Einige der Bewohner sind auf der Demonstration selbst mit gelaufen. Wie der 28 Jahre alte Afghane Rafi Ray. „Ich selbst war in der Nacht nicht da. Unser Freund hat Glück gehabt, es waren sechs Schüsse, sie hätten ihn töten können“, sagt der junge Mann, der seit fünf Monaten in Dreieichenhain lebt und schon sehr gut Deutsch spricht. Der studierte Mediziner erzählt auch, dass die Gruppe in der Gleisstraße jetzt schon ein bisschen Angst habe. „Wir fürchten, dass der Täter wiederkommen könnte“, sagt Rafi Ray besorgt. Der Polizeischutz aller Dreieicher Flüchtlingsunterkünfte sei erhöht worden, berichtet der Erste Stadtrat Martin Burlon (parteilos). „Es gibt keinen 24-Stunden- Schutz, aber es wird vermehrt Streife gefahren.“ Die drei Bewohner des beschossenen Zimmers seien in einem anderen Haus untergebracht worden. „Wir halten Kontakt mit ihnen und sie haben gesagt, dass sie in die Gleisstraße zurück möchten“, so Burlon. Die Hausgemeinschaft in der Gleisstraße sei intakt.

Zur Startseite Mehr aus Kreise Offenbach/Groß Gerau

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen