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Flüchtlings-Ehepaar bei der TGS: Sportlich in ein neues Leben

Von Maria Pourbakhshi Gashti und Hamid Mohamad Khani hatten ein schweres Jahr hinter sich, als sie nach ihrer Flucht in Mörfelden-Walldorf ankamen. Unter anderem haben ihnen der Sport und die TGS Walldorf dabei geholfen, sich dort heimisch zu fühlen.
Ihren Mann Hamid Mohamad Khani kann Maria Pourbakhshi mit ihren Kampfkünsten nicht einschüchtern. Gelassen schaut er ihr bei den Taekwondo-Übungen zu. Foto: Uwe Grünheid Ihren Mann Hamid Mohamad Khani kann Maria Pourbakhshi mit ihren Kampfkünsten nicht einschüchtern. Gelassen schaut er ihr bei den Taekwondo-Übungen zu.
Mörfelden-Walldorf. 

Die Turngesellschaft (TGS) Walldorf hat zwei neue Mitglieder. Eigentlich ist das nichts Besonderes, aber in diesem Fall schon, denn es handelt sich um zwei Flüchtlinge aus dem Iran, ein Ehepaar und zugleich auch hochkarätige Sportler: Maria Pourbakhshi Gashti und Hamid Mohamad Khani. Sie ist Taekwondo-Trainerin und hat den vierten Dan, er ist Basketballspieler und war Mitglied der iranischen Nationalmannschaft.

Das Paar, er 29 Jahre alt, sie 32, lebt seit eineinhalb Jahren in Mörfelden-Walldorf. Doch bis sie dort im Hotel „Albatros“ eine erste Bleibe fanden, lag eine entbehrungsreiche, kräftezehrende und fast ein Jahr währende Flucht hinter ihnen, wobei sie die meiste Zeit zu Fuß unterwegs waren. Über die Türkei gelangten sie nach Bulgarien, wo sie zunächst zwei Wochen lang im Gefängnis saßen. Das sei das Schlimmste während ihrer Flucht gewesen, erinnert sich Maria. 40 Menschen, Männer und Frauen, in einer Zelle mit nur einer Toilette und einem gemeinsamen Waschraum, das sei nur schwer zu ertragen gewesen.

In Bulgarien seien ihnen auch die Ausweise gestohlen worden, und nur mit dem, was sie auf der Haut trugen setzten sie zu Fuß ihre Flucht in Richtung Ungarn fort, was ohne einen Cent in der Tasche nicht einfach war. Oft ernährten sie sich nur von Früchten, und Maria schildert, wie sie Regenwasser von den Blättern der Bäume in der Kapuze ihrer Jacke sammelte, um etwas zu trinken zu haben. Hamid fügt mit einem leichten Lächeln hinzu: „Das hat schlank gemacht.“

In Ungarn angekommen verbrachten sie zwei Tage im Gefängnis, bevor sie den letzten Teil ihrer Flucht in Angriff nehmen konnten – diesmal allerdings im Zug. Es ging nach München, wo sie gleich auf dem Bahnhof von der Polizei in Empfang genommen wurden, und die war zu Marias Überraschung überaus freundlich. Sie seien erleichtert gewesen, endlich in Deutschland angekommen zu sein, am liebsten hätte sie den Polizisten ein „high five“ angeboten, sagt Maria.

Die weiteren Stationen in Deutschland: zuerst Trier, dann ein paar Tage Gießen und dann „zu Hause“. Ja, richtig, Maria sagt „zu Hause“ und meint damit Mörfelden-Walldorf, ihre „neue Heimat“. Das Wichtigste sei für beide zunächst gewesen, die deutsche Sprache zu lernen. Natürlich haben sie Kurse der Volkshochschule besucht, aber ebenso hilfreich seien die vielen ehrenamtlichen Helfer gewesen, welche die Flüchtlinge täglich im Hotel „Albatros“ besuchten, mit ihnen übten und sie ein ums andere mal korrigierten. „Nein Maria, das ist nicht richtig.“ Diesen Satz hat sie oft gehört.

Neue Abteilung

Ein weiterer wichtiger Schritt für beiden war darauf die Rückkehr zum Sport, der ihnen von der TGS geboten wurde. Hans Schweitzer, der in der TGS für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, und Monika Cezanne, sie sitzt seit gut 20 Jahren in der TGS-Geschäftsstelle und hat die beiden Iraner unter ihre mütterlichen Fittiche genommen, erläutern, dass die TGS, seit es Flüchtlinge in der Doppelstadt gibt, ihr Fitness-Studio für sie geöffnet hat.

„Jeder der kam, war zunächst beitragsfrei“, sagt Monika Cezanne und Hans Schweitzer ergänzt: „Wir wollten die Kosten über Sponsoren hereinholen, doch das hat nicht geklappt.“ Seitdem gebe es bei der TGS Sonderkonditionen für Flüchtlinge: Das erste Jahr sei beitragsfrei, nur für die Nutzung des Fitness-Studios werde ein Beitrag von zehn Euro monatlich erhoben (Normalpreis 30 Euro). Die Kosten für die Versicherung der Flüchtlinge übernehme der Landessportbund. Derzeit seien bei der TGS rund 80 Flüchtlinge aktiv.

Doch dank Maria ist die TGS nun um eine Abteilung reicher: Taekwondo. Angefangen hat sie bereits im Mai mit einer Kindergruppe. Sie unterweist die 15 Mädchen und Jungen ein Mal wöchentlich in der koreanischen Kampfkunst – ganz alleine und ohne Dolmetscher. Und dieser Kurs lief so erfolgreich, dass nach den Sommerferien eine weitere Gruppe für 10- bis 14-Jährige und ein Schnupperkurs für Erwachsene angeboten wird.

Maria selbst betreibt diesen Sport, der im Iran sehr populär ist, seit ihrem elften Lebensjahr. Der Grund: „Ich habe zwei Brüder, da hilft das“, sagt Maria mit einem Augenzwinkern. Im Iran hat sie zuletzt Gruppen mit bis zu 50 Kindern in Taekwondo unterrichtet, allerdings mit Unterstützung von zwei oder drei Studentinnen. Sie selbst trainiert derzeit drei Mal wöchentlich beim Rüsselsheimer Judoverein.

Hamid hat inzwischen, nach einem Schlüsselbeinbruch, den er sich bei einem Fahrradunfall zugezogen hatte, auch wieder mit dem Training bei den TGS-Basketballern begonnen. „Mit ihm wollen wir aufsteigen“, sagt Horst Bauer, Präsident der TGS. Eigentlich wollte Hamid bei den Frankfurt Skylinern unterkommen, doch dort gab es aufgrund der Ausländerreglementierung keinen Platz für ihn. Sowohl Hamid als auch Maria nehmen derzeit an einer Ausbildung zu Übungsleitern teil, und auch Marias Anerkennung als Trainerin läuft.

Darüberhinaus sind beide im Gospelchor von Rot-Weiß Walldorf aktiv und hatten bereits ihren ersten Auftritt beim Konzert für Flüchtlinge in der evangelischen Kirche in Walldorf. Dort war Maria mit einem Solo zu hören, und mit Hamid legte sie ein flottes Tänzchen aufs Parkett.

Sie liebt Grüne Soße

Das Paar hat inzwischen in Mörfelden-Walldorf eine eigene Wohnung bezogen. Sie ist dank der Unterstützung von Klaus Heyer, Koordinator der Arbeitsgemeinschaft Wohnungssuche im Netzwerk Asyl der Stadt, auch komplett eingerichtet, bis hin zum Kühlschrank in der Küche, wie Maria sagt. Apropos Küche: Beide haben sich inzwischen mit der deutschen Kost angefreundet. Maria schwärmt für die Grüne Soße, und Hamid ist von Schnitzeln und Kartoffelsalat begeistert. Beide gehören übrigens keiner Religionsgemeinschaft an.

Über die Gründe für ihre Flucht wollen beide nicht sprechen, um ihre Familien, die noch im Iran leben, vor Repressalien zu schützen. Nur soviel verrät Maria: „Ich bin für meine Familie geflohen. Meine Mutter sagte, ’ich will, dass du lebst’“ und fügt dann noch hinzu: „Ich kann meine Meinung nicht für mich behalten, was nicht ungefährlich ist.“ Wer der kleinen, nicht einmal 1,60 Meter großen, quirligen jungen Frau begegnet, glaubt ihr das aufs Wort.

Die Taekwondo-Kurse von Maria Pourbakhshi Gashti beginnen in der 36. Kalenderwoche. Die 7- bis 10-Jährigen trainieren mittwochs von 17.30 bis 18.30 Uhr, die 10- bis 14-Jährigen dienstags von 18 bis 19 Uhr und die Erwachsenen dienstags von 19.30 bis 20.30 Uhr bei der TGS, Okrifteler Straße 6.

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