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Mit dem Joystick gegen Barrieren im Alltag: 19-jähriger Abiturient entwickelte ein Pkw-Steuerungssystem für Behinderte

Seit seiner Grundschulzeit sitzt Andreas Sotirious im Rollstuhl. Jetzt hat der 19-Jährige ein System entwickelt, das es behinderten Menschen erlaubt, ein Fahrzeug zu steuern – per Joystick.
Andreas Sotirious aus Frickhofen will mit seiner technischen Entwicklung Behinderten das Autofahrern erleichtern. Andreas Sotirious aus Frickhofen will mit seiner technischen Entwicklung Behinderten das Autofahrern erleichtern.

„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“, so steht es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, und auf der ersten Folie von Andreas Sotirious’ „Besonderer Lernleistung“. Für sein Abitur an der Peter-Paul-Cahensly-Schule hat der 19-jährige Technik- und Mechanikbegeisterte aus Frickhofen Überdurchschnittliches geleistet: Er entwickelte und baute ein Steuerungssystem, mit dem es auch körperlich behinderten Menschen möglich ist, ein Fahrzeug zu führen.

Geistesblitz

„Es ist eine erhebliche Einschränkung, sich im Alltag nicht selbstständig fortbewegen zu können“, erklärt der Abiturient, der seit der Grundschule im Rollstuhl sitzt. Er leidet an spinaler Muskelatrophie Typ 3, das bedeutet, dass seine Muskeln schleichend immer weiter abbauen. „Behindertengerechte Fahrzeuge sind teuer“, sagt er. Und in der Tat: Zwar ist es körperlich Behinderten bereits möglich, in speziellen Autos mit spezieller Software und Steuerung ihren Führerschein zu machen, doch sind die Hürden bis dorthin hoch.

Ein Fahrschulsimulator ist eine von vielen denkbaren Einsatzmöglichkeiten für Andreas Sotirious’ Steuerungssystem. Bild-Zoom
Ein Fahrschulsimulator ist eine von vielen denkbaren Einsatzmöglichkeiten für Andreas Sotirious’ Steuerungssystem.

Der entscheidende Geistesblitz kam ihm bereits vor zwei Jahren beim Besuch der „Rehacare“ in Düsseldorf, der größten Messe für Reha-Artikel in ganz Deutschland.

Andreas durfte bei seinem Besuch einige Fahrzeuge Probe fahren. Dabei stellten sich ihm zwei Fragen. Erstens: Was wäre außerdem mit einer solchen Technik möglich? Zweitens: Geht das nicht auch zu Hause? Denn die Technik, einmal im Fahrzeug verbaut, ist nur in bestimmten, ebenfalls behindertengerecht umgebauten Fahrzeugen nutzbar. Die sind allerdings teuer und können der Fahrschulwirklichkeit kaum gerecht werden.

Andreas Sotirious besuchte die Messe erneut und ließ sich die in den Autos verbaute Technik noch einmal genau von den Herstellern erklären. Behilflich war ihm dabei unter anderem der Vorreiter Paravan, der nicht nur behindertengerechte Autos entwickelt, sondern auch bereits einen im Rollstuhl sitzenden Athleten für das 24-Stunden-Rennen aufgestellt hat. Da wurde aus dem Wunsch nach einem unkomplizierteren, einfacher zugänglichen System allmählich ein konkreter Plan, und es traf sich nur zu gut, dass sich Andreas im Leistungskurs TeWi (Technikwissenschaften) bereits im Einstiegsjahr der Oberstufe mit Elektronik beschäftigt hatte.

Sein Interesse, geweckt von Informatiklehrer Ferger, trieb ihn dazu, sich auch außerhalb der Schule immer weiter mit dem Thema zu beschäftigen und tiefer in die Materie einzuarbeiten. Das kam ihm zugute, als Ende der zwölften Klasse endlich die konkreten Pläne für Andreas aufwendiges Projekt feststanden.

Nun begann die zweite Phase des Projektes. „Am Anfang werden natürlich erstmal Ideen gesammelt“, erklärt der 19-Jährige seinen Arbeitsprozess, während er das Steuerungsequipment aufbaut. „Aber die wirklich interessante Arbeit fängt in den Testphasen an.“ Immer wieder musste er seine neuen Modelle mit dem selbst zusammengebauten 3D-Drucker ausdrucken, um die Prototypen zu überprüfen, zu verwerfen und zu verbessern. Trotz biologisch abbaubarem PLA-Plastik bemühte er sich, den Verschleiß dabei möglichst gering zu halten. „Das Testen ist nervenaufreibend, weil man immer wieder von vorn anfangen muss, dann war die Arbeit einer ganzen Woche sozusagen umsonst. Und man kann trotzdem nie zu 100 Prozent wissen, ob es am Prüfungstag auch wirklich funktionieren wird.“

Tatsächlich streikte am Morgen vor dem Prüfungstag eines der Steuerungsmodule. „Da hilft nur eins“, schmunzelt Andreas, „alles systematisch durchgehen und auf keinen Fall die Nerven verlieren.“ Nach zwei Stunden war der Fehler gefunden: Eine defekte Verlötung entpuppte sich als der Übeltäter.

Die von Andreas Sotirious entworfene Vorrichtung besteht aus drei Konsolen, davon zwei Steuerungsmodule und eine schmale Leiste mit Knöpfen, die Gangschaltung. „Man könnte sich jetzt fragen, warum ich nicht einfach einen X-Box-Kontroller verwendet habe“, lacht der junge Mann, beantwortet die Frage aber schnell selbst. „Wer schon mal X-Box gespielt hat, weiß, dass die Steuerung viel zu sensibel ist.“ Der Fahrer soll schalten und blinken können, ohne dabei Gefahr zu laufen, aus Versehen das Steuer herumzureißen. Deshalb steuert das rechte Modul nur die Lenkung und das linke ausschließlich Gas und Bremse. Und noch eine Feinheit hat der stolze Entwickler eingebaut: Wird der linke Joystick nach vorne gedrückt, wird automatisch gebremst. „Sollte ein Fahrer einen Anfall haben oder bewusstlos werden, kippt er höchstwahrscheinlich nach vorne. Dann beschleunigt er nicht unkontrolliert, sondern bremst automatisch ab.“

Keine Wende

Und noch eine Besonderheit gibt es: Alle Bauteile sind so konstruiert, dass sich die Module problemlos auseinander- und wieder zusammenstecken lassen. Auch können die Joysticks problemlos durch andere Steuerungsarten ersetzt werden, beispielsweise ein Lenkrad oder ein Mischpult. So steht es jedem Fahrer frei, mit dem Modul zu lenken, mit dem er am besten umgehen kann.

Ob seine Entwicklung eine Wende für Fahrschüler mit Behinderung darstelle? „Nein“, glaubt Andreas, „keine Wende.“ Behindertengerechte Autos sind und bleiben teuer. Aber auch hier setzt Andreas’ Entwicklung an. Zwar können die Steuerungsmodule auch mit einem richtigen Auto verbunden werden, aber inzwischen ist die Programmentwicklung so weit fortgeschritten, dass Fahrstunden nicht mehr zwingend im Fahrschulauto auf der Straße absolviert werden müssen. Ein Fahrschulsimulator etwa oder eine frei zugängliche App wie „City Car Driving“ kann mit Andreas’ Steuerung genauso benutzt werden – und wird, sofern auf einen Fahrschulsimulator angewandt, als offizielle Fahrstunde anerkannt.

Übrigens: Andreas’ Besondere Leistung wurde mit 14 Punkten bewertet – „sehr gut“.

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