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Wenn Mausohren umziehen: Äbtissinnenhaus dient den Fledermäusen als Wochenstube

Tierischer Umzug in Gnadenthal: Mehr als 100 Fledermäuse werden wenn alles gut läuft, ihr Sommerquartier wechseln und unters Kirchendach ziehen. Fledermausexperten begleiten die Aktion.
Das Große Mausohr wirkt in der Hand geradezu winzig. Foto: Gundula Stegemann Das Große Mausohr wirkt in der Hand geradezu winzig.
Gnadenthal. 

Mitten im Grünen zwischen Limburg und Bad Camberg zwischen Berg und tiefem Tal, dort, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen . . . – da liegt Gnadenthal. Doch nicht nur Fuchs und Hase schütteln sich des Nächtens hier die Pfoten – auch Mensch und Fledermaus pflegen gute nachbarschaftliche Beziehungen. Konkret: Das 1589 errichtete Äbtissinnenhaus teilen sich jedes Jahr zwischen Mai und Oktober zehn Erwachsene und drei Kinder, mit dem weit mehr als 100 Riesenfledermäusen, auch bekannt als Großes Mausohr. Neben distanzloser Nähe und Enge herrscht auch ein gewisses Ungleichgewicht unter den Bewohnern.

Die ersten Großen Mausohren haben ihr Sommerquartier im Äbtissinnenhaus bezogen. Bild-Zoom Foto: Gundula Stegemann
Die ersten Großen Mausohren haben ihr Sommerquartier im Äbtissinnenhaus bezogen.

Zweifellos ist man in Gnadenthal stolz auf den alljährlichen tierischen Besuch. Immerhin haben sich die Fledermaus-Weibchen das Äbtissinnenhaus als Wochenstube für die Aufzucht ihrer Jungen selbst ausgesucht – ein ökologischer Ritterschlag sozusagen. Kein menschliches Qualitätsmanagement, kein Zertifikat könnte da mithalten. Schließlich ist das Äbtissinnenhaus 2006 als eines der ersten Gebäude Hessens als „fledermausfreundliches Haus“ ausgezeichnet worden, einer Aktion vom Nabu Hessen in Kooperation mit dem Land Hessen.

Unbehandelte Balken

Entdeckt wurde die Population, die in ihren besten Zeiten 200 Tiere umfasst, 1984, als die Jesus-Bruderschaft den vorderen Teil des Hauses erworben hatte und sanieren wollte, berichtet Jörg Kohl, Leiter der Haustechnik in Gnadenthal. Seitdem stehen die Mitglieder des Nabu Niederselters der Jesus-Bruderschaft im Umgang mit den Fledermäusen mit Rat und Tat zur Seite. „Damals wurden im Zuge der Sanierung behandelte Balken eingebaut“, erklärt Bruder Andreas, „und für die Fledermäuse extra unbehandelte davorgesetzt.“ Für die Zeit der Baumaßnahme seien die Fledermäuse damals in ein ebenfalls von Großen Mausohren bewohntes Quartier nach Eisenbach ausgewichen und anschließend wieder nach Gnadenthal zurückgekommen. Die Nabu-Mitglieder engagierten sich großartig und täten sehr viel dafür, dass Mensch und Tier gut zusammenleben könnten, so Bruder Andreas.

Damit die Tiere zukünftig in aller Ruhe und ungestört ihre Jungen aufziehen können und um der Population insgesamt dauerhaft bessere Bedingungen und mehr Platz einzuräumen, bietet die Jesus-Bruderschaft „ihren Untermietern“ eine räumliche Verbesserung an: das Gotteshaus, genauer gesagt: den dortigen Speicher. „Wir wollen den Tieren den Dachboden als Alternative anbieten“, so Jörg Kohl. „Einige von ihnen haben den Speicher bereits erkundet und auch genutzt. Das ließ sich anhand von Kotspuren nachvollziehen.“

Ferdinand Muth und Heinz Görz vom Nabu Niederselters unterstützen die Jesus-Bruderschaft dabei. Beide engagieren sich in der „Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz in Hessen“. Zur fachlichen Beratung haben sie den Biologen und Fledermausexperten Karl Kugelschafter hinzugezogen, um den Tieren die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen. Denn das Große Mausohr bevorzugt bestimmte Wohnbedingungen: Es darf nicht zugig, muss aber dunkel genug sein. Und der Boden sollte abgedichtet werden, damit er leichter zu reinigen ist.

Muth und Görz haben den Dachboden der Kirche ausgelegt, während Kugelschafter Lichtschranken installiert hat, um die Fledermäuse zu zählen, zu beobachten und zu erforschen. „Eine gezielte Umsiedlung einer Fledermaus-Wochenstubengesellschaft ist Neuland“, so Kugelschafter. Aber die Bedingungen hier seien sehr erfolgversprechend.

In einer Saison, so erinnert sich Bruder Andreas, wohnten sogar mal 400 Riesenfledermäuse im Äbtissinnenhaus. Damals war das Quartier der benachbarten Population in Eisenbach durch einen Brand in Mitleidenschaft gezogen worden. Daraufhin hatten sich die dortigen Bewohner zur Verwandtschaft nach Gnadenthal begeben, um hier unterzukommen. Wenn der Umzug innerhalb von Gnadenthal vom Äbtissinnenhaus in die Kirche gelingt, stehen weiteren Artgenossen Tür und Tor der Jesus-Bruderschaft auch in Zukunft immer offen.

Fledermausexkursionen

Über den Nehemia-Hof bietet die Jesus-Bruderschaft Fledermausexkursionen an, insbesondere für Kinder vom ersten bis zum sechsten Schuljahr. Bei einer Diashow erhalten die Kinder Einblick in die faszinierende Welt dieses kleinen Tieres, das als einziges Säugetier fliegen kann. Anschließend begeben sich die Kinder gemeinsam auf eine Nachtwanderung und beobachten das Große Mausohr, das in Gnadenthal lebt und nachts auf Futtersuche geht. Und wenn man ganz leise ist, ist es sogar möglich, die Tiere mit Detektoren zu belauschen. Die Exkursion ist witterungsabhängig und kann nur von Mitte April bis Ende September durchgeführt werden. Sie beginnt am Abend etwa eine halbe Stunde bevor die Dämmerung einsetzt. Die Teilnahme pro Kind kostet fünf Euro.

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