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Alles hat seine Zeit

Von „Dein ist der Tag und Dein ist die Nacht . . .“ Dieses Motto aus dem 74. Psalm überschrieb die Nacht der Kirchen im und um das Idsteiner Land. 20 Kirchengemeinden beteiligten sich und boten über 100 Veranstaltungen mit gut 2500 Besuchern. Es war die erste Nacht der Kirchen im neuen Evangelischen Dekanat, die fünfte an sich.
Alpha et Omega: Die Kerze symbolisiert Anfang und Ende. Alpha et Omega: Die Kerze symbolisiert Anfang und Ende.
Bad Camberg/Selters. 

Der Weg treppauf zur Kirche ist mit Kerzen gesäumt. Langsam geht der Mann hoch zu St. Christophorus. Die evangelische Kirche in Niederselters ist heute die zweite Station bei der „Nacht der Kirchen“. Zuvor hatte es in der katholischen Pfarrkirche des Ortes ein gemeinsames Gebet gegeben. Ein ökumenischer Anfang, um die Einheit der Christen zu bezeugen. Oben am Kirchturm verfärbt sich der Himmel: Es ist noch nicht richtig dunkel, doch bald wird es so sein. Die Kirchenfenster strahlen innen noch besonders schön, als Pfarrerin Ingrid Stöfen mit den Besuchern Brot und Weintrauben teilt.

„Sie haben wenig falsch gemacht, aber auch wenig ...

In Steinfischbach machte Organist Hartmut Hörning „seine“ Orgel, für die Kinder und Erwachsenen greifbar.

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Taizé ist das Motto dieses Abends, und so sehen alle in einem kleinen Film, welche Gedanken Frère Roger bei der Gründung der Glaubensgemeinschaft hatte. „Ich liebe das Leben, das eine Gabe ist“, sagt er unter anderem. Und: „Gott legte in jeden Menschen eine Gabe.“ Die Gemeinsamkeit in der Kirche macht dies noch einmal deutlich. Die Ruhe im sakralen Raum und die Möglichkeit, sich nun zu unterhalten. Später wird es noch mehr Gelegenheit dazu geben, denn die Teilnehmer wollen Taizé-Kreuze und Bilder nach den Fenstern der Versöhungskirche in Taizé gestalten. In der katholischen Pfarrkirche St. Ferrutius in Würges hat derweil das gemeinsame Singen begonnen. Moderne Kirchenlieder stehen hier im Mittelpunkt, vorgetragen und begleitet von der Kirchenband „Ferruzis“. Gemeindereferentin Anne Schmitt gibt Anstöße: „Jesus lädt die Menschen ein, mit ihm zu gehen.“ Deshalb sei Kirche nicht statisch, nichts zum Festsitzen. Was sich nicht bewegt, erstarrt. Sie sagt: „Wenn ich gehe, dann geht’s.“ Alles hat seine Zeit, heißt es in der Bibel. Genauer gesagt: In Buch Kohelet, das Teil der Schrift ist und Teil dieses Abends wird. Denn die Besucher der Kirche nutzen die Zeit, um gemeinsam zu singen und die Anstöße mit in die Nacht zu nehmen.

Ähnlich in der evangelischen Martins-kirche in Bad Camberg. Hier startet das Programm noch später. Die Farben des Himmels verändern sich, die Dunkelheit nimmt zu. Jetzt kommen die vielen Kerzen zur Geltung. Natürlich auch das Lichterspiel in der Kirche, die Raum gibt für einen ganz besonderen Genuss. Holger Lenz, Moderator und Sänger der Bad Camberger „Coolen“ wird dieses Wort immer wieder verwenden: Genuss. Das ist es für die Gäste, die den A-cappella-Gesang in der herrlichen Akustik des Kirchenraums genießen, aber auch für die Sänger selbst. „Das konnten wir nicht proben“, sagt Chorleiter Ulrich Diehl, als sich das Ensemble in der Kirche verteilt.

Die Gabe des Gesangs

Die Zuhörer werden „von allen Seiten besungen“, einmal sogar von oben. Es war nicht möglich, dies so zu üben, denn in einer prallvollen Kirche klingt alles anders, als es im leeren Raum gewesen wäre. Das Experiment glückt. Einige Besucher schließen die Augen, andere verfolgen die Bewegungen der Sängerinnen und Sänger, die mit großer Begeisterung bei der Sache sind. Wie sagte noch Frère Roger? Jeder hat eine Gabe. Hier wirken die Gaben zusammen: Gospel, weltliche Lieder, die zum Nachdenken anregen wechseln ebenso wie die Aufstellung des Chors und das sanfte Licht, das die Apsis bestrahlt und sich ständig verändert. Rot, Grün, Blau, Violett, Zwischentöne – der Wechsel ist harmonisch, beschaulich, lässt Raum zum Aufatmen, Zur-Ruhe-Kommen. Dann die Musik. John Miles’ „Music“ ist ein Höhepunkt. Wo könnte es schöner klingen, als genau hier, gerade jetzt an diesem Abend? Das wissen alle, auch die, die auf der Empore Platz genommen haben, um den Chor noch besser zu hören und zu sehen.

Es wird Zeit für einen Abschluss. In Niederselters und Würges geschieht dies meditativ – und mit einem gemeinsamem Lied. In der Bad Camberger Martinskirche charmant mit „Kommt ein Wölkchen angeflogen“. Ein Lächeln geht durch die Bankreihen, bevor die „Coolen“ mit „Mr. Sandman“ den Schluss des Programms einläuten. Nicht das Ende des Abends, denn vor der Kirche sind kleine Stände aufgebaut, wieder alles im Kerzenschein.

Der Weg nach oben

Noch etwas Besonderes gibt es: Die 120 Jahre alte Linde vor der Martinskirche ist mit Aufstieghilfen versehen. Bis tief in die Nacht klettern vor allem Jüngere gut gesichert hinauf, um von viel weiter oben einen Blick auf den Turm zu bekommen. Und: Nicht nur Chormusik ist Teil des Programms der Martinskirche. Tiefe Bässe waren an diesem Abend hör- und fühlbar: Schüler mit Hörbehinderungen der Freiherr-von-Schütz-Schule zeigten, wie es klingt, wenn sie Musik machen. Pfarrer Bastian Michailoff, selbst auch Musiker, erklärt: „Unsere Kirche ist offen für viele und vieles.“ Deshalb stand ein Gebet am Anfang, und deshalb nun die Besinnung im Gespräch am Schluss. Wer jetzt nach Hause geht, hat etwas Schönes erlebt, diesen Abend gut verbracht. Denn auch dafür gilt: Alles hat seine Zeit.

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