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Flüchtlinge in Limburg: Außergewöhnliche Strapazen

Von Das ehrenamtliche Engagement im Erstaufnahmelager in Staffel ist ein wichtiger Baustein, dass sich das Leben der Flüchtlinge dort „normalisiert“. Dabei spielt die medizinische Betreuung eine bedeutende Rolle – auch sie geschieht ehrenamtlich.
Syrische Flüchtlinge auf der Flucht: Die Strapazen zeigen sich auch an den Wunden der Menschen, die sie mit nach Deutschland bringen. Foto: Mauricio Morales (EPA) Syrische Flüchtlinge auf der Flucht: Die Strapazen zeigen sich auch an den Wunden der Menschen, die sie mit nach Deutschland bringen.
Limburg. 

Die Wunden sind typisch für Menschen auf der Flucht. Zerschundene Füße, Sprunggelenksverletzungen, Blasen. 350 bis 400 Behandlungen haben Dr. Thomas Schmitt und sein Kollege Dr. Klaus Lanio in der ersten „Lagerwoche“ gehabt. Hauptberuflich arbeiten beide in einer Praxis für Allgemeinmedizin in Waldbrunn. Ehrenamtlich halten sie Sprechstunde in dem Erstaufnahmelager. Täglich sind sie dort. „Am Sonntag musste ich einmal Pause machen. Das nimmt einen schon ganz schön mit“, sagt Thomas Schmitt, der so ganz nebenbei als Leitender Notarzt dann auch noch bei dem schweren Unfall mit dem Traktor in Erbach im Einsatz war. „Viele Flüchtlinge, die aus Libyen über das Mittelmeer flüchten, haben Wunden, die von Misshandlungen rühren“, sagt er. In dem nordafrikanischen Land herrscht seit dem Ende des Gaddafi-Regimes Bürgerkrieg. Um die Wunden des Körpers können sich Schmitt und sein Kollege kümmern, mehr geht nicht. Die Wunden der Seele bleiben erst einmal unbehandelt.

 

Ohne Eltern

 

Oder da steht plötzlich ein kleiner Junge in der Sprechstunde. Auch er braucht eine Behandlung. Doch dass er Vater und Mutter verloren hat und mit seiner Tante in Deutschland, in Hessen, dem Regierungspräsidium Gießen und nun in Staffel angekommen ist, muss er ertragen. Dagegen gibt es keine Tabletten, keine Tropfen. „Wir haben ihn erst einmal komplett ausgestattet. Schuhe, Strümpfe, Hose – so ein Strahlen habe ich selten gesehen“, sagt Schmitt.

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Schatten gibt es kaum unter der Mittagssonne in dem Zeltlager, in dem die Flüchtlinge leben. 633 Flüchtlinge befanden sich gestern Morgen dort.

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Und der erfahrene Mediziner strahlt selbst über das, was an ehrenamtlichen Engagement im Sanitätsdienst läuft. Die ehrenamtlichen Helfer des Roten Kreuzes, die Ortsverbände Limburg und Oberlahn, seien mit viel Enthusiasmus bei der Sache. Schmitt und sein Kollege Lanio haben nun auch Verstärkung bekommen. Dr. Herbert Hecking aus Staffel ist dazugestoßen, Schmitts Tochter Katharina ist als Ärztin mit dabei und hat gleich noch zwei Studienfreunde aus Gießen mitgebracht, Georg Fröhlich will sich engagieren, ein in Offheim lebender Arzt und schließlich sind auch die Söhne des ehemaligen Chefarztes des Diezer Krankenhauses, Dr. Habib, in das medizinische Helferteam eingestiegen. Sie haben den großen Vorteil, syrisch zu sprechen. Und die Syrer stellen einen erheblichen Anteil der Flüchtlinge. Bis zum 31. Oktober hat das Rote Kreuz den Auftrag erhalten, den Sanitätsdienst in dem Flüchtlingslager zu stellen. Ein Rettungswagen steht dabei zur Verfügung, ein spezieller Container für den Sanitätsdienst soll in Kürze kommen. „Der medizinische Dienst ist nur zu gewährleisten, wenn er sich auf möglichst viele Schultern verteilt“, sagt Schmitt. In der ersten Woche haben er und sein Kollege das Material an Binden, Injektionsnadeln und medizinischem Material gesponsert, nun wird quasi auf Rechnung des Regierungspräsidiums behandelt.

 

Keine Versorgung

 

Und auf dem Platz des ehemaligen Buderuswerks in Staffel kommt einiges zusammen. Eine Geburt hat es schon (im Limburger Krankenhaus) gegeben, Herzinfarkte mussten behandelt werden, ein Hirnaneurysma wurde diagnostiziert und viele Beschwerden und Wunden, die für den Mediziner deutliche Zeichen außergewöhnlicher körperlicher Strapazen sind. „Und es kommen nun viele mit Erkältungskrankheiten hinzu“, sagt Schmitt. Die kühlen Nächte zeigen Folgen. „Wir haben bisher noch keine ansteckende Krankheit bei einem der Flüchtlinge diagnostiziert“, sagt der Mediziner weiter.

Und nach einer Woche Dienst in der Einrichtung hat Schmitt den Eindruck: eine medizinische Versorgung der Flüchtlinge hat es bisher nicht gegeben. Ob sie nun über das Mittelmeer gekommen sind und in Italien an Land gingen und von dort aus über Österreich nach Deutschland kamen oder ob sie den Weg über die Türkei, Griechenland und den Balkan den Weg nahmen.

 

„Mächtig verändert“

 

Sprachprobleme gibt es während der Sprechstunde kaum. Zum Sicherheitsteam auf dem Gelände gehören auch Kräfte aus dem Irak, aus Afghanistan oder auch aus Albanien. Sie haben die Aufgabe, als Dolmetscher zu fungieren. Und wenn gar nichts mehr geht, dann hilft nach Angaben von Schmitt die Übersetzung mit Hilfe von google. Aber er hat auch festgestellt, dass viele Flüchtlinge recht gut Englisch sprechen. Das treffe vor allem auf Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak zu. Überhaupt hat er den Eindruck, dass viele der erwachsenen Flüchtlinge sehr gut ausgebildet sind. Ihnen allen gleich: Sie haben viel hinter sich, zwischen der Heimat und dem Zeltlager in Staffel haben sich Dramen abgespielt. Auch das bleibt nicht ohne Wirkung auf Thomas Schmitt: „Wenn ich die existentielle Not dieser Menschen hier sehe und mir vor Augen halte, wie gut es uns geht, was wir für wichtig erachten und über was wir uns beklagen, dann hat mich die vergangene Woche mächtig verändert.“

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