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Aussprache: Bad Camberg ist nicht immer behindertengerecht

Wie kann die Stadt noch lebenswerter für Menschen mit Behinderungen werden? Zahlreiche Vorschläge dazu gab es jüngst im Kurhaus. Dort hatte der Verein „Kurstadt Bad Camberg barrierefrei“ zu einem großen öffentlichen Forum geladen.
Diskussion auf Augenhöhe: Bewusst haben die Organisatoren des Forums das Podium mit Bürgermeister Jens-Peter Vogel und dem Vereinsvorsitzenden Bernd Schlösser (Zweiter und Dritter von rechts) vor die Bühne gestellt. Foto: Johannes Koenig Diskussion auf Augenhöhe: Bewusst haben die Organisatoren des Forums das Podium mit Bürgermeister Jens-Peter Vogel und dem Vereinsvorsitzenden Bernd Schlösser (Zweiter und Dritter von rechts) vor die Bühne gestellt.
Bad Camberg. 

Hohe Bordsteine, Kopfsteinpflaster, fehlende behindertengerechte Parkplätze und überhöhte Geschwindigkeiten, wo nur Schritttempo erlaubt ist: Menschen mit Behinderungen haben im Alltag mit vielen Barrieren zu kämpfen. „Aber das sind Barrieren, die uns alle behindern“, weiß Bernd Schlösser, der Vorsitzende des Vereins „Kurstadt Bad Camberg barrierefrei“.

Aus diesem Grund hatte der Verein zum Forum „Mit Behinderung leben in Bad Camberg“ in den großen Saal des Kurhauses eingeladen. Nur wenige Stühle blieben leer, das Interesse war groß. Rund zwei Stunden lang diskutierten Betroffene und Interessierte darüber, wo es in Bad Camberg in Sachen Barrierefreiheit noch hakt. Probleme, die schon im Saal selbst begannen.

Sehen, um zu hören

„Reden sie langsam. Ich bin vom Lippenlesen schon ziemlich erschöpft“, sagte zum Beispiel Birgit Bang, die von Geburt an schwerhörig ist. Sie war es auch, die in der Diskussion darauf hinwies, dass inzwischen lediglich vier bis fünf Prozent aller Behinderungen angeboren seien. Die übergroße Mehrheit der Fälle bilde sich dagegen erst im Laufe des Lebens heraus.

„Ich muss sehen, um zu hören“, fasste sie an dem Abend ihr Dilemma zusammen. Denn ein Mikrofon erhöht nur die Lautstärke und somit auch die Verzerrung. Abhilfe schaffen im Boden verbaute Induktionsschleifen, welche die Stimme magnetisch direkt ans Hörgerät übertragen. Im Bürgerhaus ist die Technik allerdings momentan defekt. Also musste sich Birgit Bang an den „Mundbildern“, den typischen Lippenbewegungen, orientieren. Das Problem der Methode ist, dass die Bewegungen, je nach Aussprache und Dialekt, mehr oder weniger deutlich ausfallen. Einen Vorschlag richtete die Podiumsteilnehmerin auch an die Stadt: „Könnte auf Kinoplakaten nicht auch angezeigt werden, ob der jeweilige Film von einer App für Gehörlose und Blinden unterstützt wird?“

Kerstin Hammerl kritisierte das Kopfsteinpflaster in der Altstadt. Ihre Tochter sitzt im Rollstuhl. „Der ist dann immer ganz schön am Eiern und der ist nicht gefedert“, erklärte sie. Ferner erwähnte sie das Fehlen von Behindertenparkplätzen am Penny-Markt in der Bahnhofsstraße. Eine Tatsache, die sich aber schnell als Ausnahme in der Kurstadt entpuppte. „Eigentlich achten die Supermärkte sehr auf eine behindertengerechte Ausstattung“, betonte Bernd Schlösser. „Beim Penny-Markt handelt es sich um eine Ausnahmegenehmigung“, ergänzte Bärbel Stillger von der Stadtverwaltung.

Eine Genehmigung, die erteilt wurde, um den Supermarkt zu erhalten. Denn ursprünglich standen auch Parkplätze auf der gegenüberliegenden Seite zur Verfügung, die nun aber weggefallen sind. „Kann man nicht einfach aus zwei regulären Parkplätzen einen großen machen?“, fragte Bürgermeister Jens-Peter Vogel in die Runde.

Ruf nach mehr Kontrollen

Mehr behindertengerechte Parkplätze forderte auch Ingo Mertineit vom Förderverein der Freiherr-von-Schütz-Schule. Seine Frau ist auf einen Rollstuhl angewiesen. „Als wir kürzlich den Herbstmarkt besuchen wollten, mussten wir wieder umkehren, da alle Plätze oben am Kurhaus belegt waren“, berichtete er. Man denke darüber nach, am alten Rathaus neben dem Kurhaus weitere Plätze einzurichten, erzählte Bernd Schlösser.

Ein wiederkehrender Kritikpunkt waren die zu hohen Geschwindigkeiten „Am grauen Stein“. Wobei mancher Zuhörer vermutete, dass Autofahrern nicht immer klar sei, dass es sich dort um einen verkehrsberuhigten Bereich handelt, dort also Schritttempo vorgeschrieben ist.

Wiederholt tauchte in dem Zusammenhang auch der Ruf nach mehr Kontrollen auf. Anett und Frank Schlör wiesen darauf hin, dass in dem Viertel die Bordsteine für Rollstuhlfahrer, wie ihr Sohn Janek, zu hoch seien. Mit der Konsequenz, dass manche mitten auf der Straße unterwegs seien.

All die Vorschläge wurden gesammelt und sorgfältig auf Zetteln notiert. Diese heftete die stellvertretende Vorsitzende von „Kurstadt Bad Camberg barrierefrei“, Hannerose Vogel, dann an die neben dem Podium aufgestellte Pinnwand. Es sei geplant, entweder auf der Vereinsseite oder auf der Webseite der Stadt eine Mängelliste zu veröffentlichen, verriet Bernd Schlösser noch. Diese solle dann zeitnah von der Stadtverwaltung abgearbeitet werden.

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