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Schwimmkurse für Flüchtlinge: „Das macht sonst kaum jemand!“

Am letzten Öffnungstag des Kirberger Freibads hatte die DLRG-Ortsgruppe ganz besondere Besucher: Sven-Hendrik Hahn und sein Kamerateam vom ZDF drehten eine Reportage über eine außergewöhnliche Initiative in der Gemeinde Hünfelden: Über mehrere Monate erteilte Marion Spandl Flüchtlingen Schwimmunterricht.
Marion Spandl erklärt die richtige Technik. Bilder > Marion Spandl erklärt die richtige Technik.
Hünfelden-Kirberg. 

Wer am Montag das letzte Mal in diesem Jahr seine Bahnen im Kirberger Freibad ziehen wollte, staunte nicht schlecht: „Das war wirklich großartig!“, ruft ein junger Mann den Schwimmern zu. „Und das Gleiche jetzt noch einmal – genau so!“ Eine Frau im Nichtschwimmer-Becken verdreht kurz die Augen. „Wie, noch einmal?“ Ihr Gegenüber lacht: „Du weißt doch, im Fernsehen machen wir immer alles doppelt!“

Denn der Mann im weißen Hemd und mit der Sonnenbrille ist niemand anderes als der ZDF-Redakteur Sven-Hendrik Hahn. Und mit seinem Kamerateam will der gebürtige Kirberger heute Marion Spandl und ihren Schwimmkurs porträtieren: Seit mehr als zwei Monaten gibt diese als Ehrenamtliche der DLRG-Ortsgruppe Kirberg ungefähr acht Flüchtlingen der Asylbewerberunterkunft im Kirberger Ortskern Schwimmunterricht. Eine beachtliche Leistung, wie Sven-Hendrik Hahn findet: „Überall hört man im Moment von Demonstrationen und Randalen gegen Asylantenheime. Dass es hier in Kirberg so gut läuft, wird von vielen als selbstverständlich hingenommen.“ Mit seiner Reportage wolle er „einen Gegenpol zu den Negativ-Schlagzeilen setzen“ nach dem Motto „Die tun Gutes und wir reden darüber“. Außerdem ist das gemeinsame Projekt der Gemeinde Hünfelden und der DLRG etwas Besonderes. „Schwimmkurse für Flüchtlinge – das macht sonst kaum jemand.“

 

Familiäre Atmosphäre

 

Vier Stunden lang drehen er und sein Team an dem Beitrag, der etwa zweieinhalb Minuten lang werden soll. Doch als es um zehn Uhr morgens im Schwimmbad dann losgeht, fehlen die wichtigsten Personen: „Ich kenne doch meinen Schwimmkurs!“, schimpft Marion Spandl. „Die sind ja alle lieb und nett, aber die haben auch ein Zeitverständnis… Nicht einmal haben wir pünktlich mit unserer Schwimmstunde angefangen.“ Auch wenn ihre Worte sich verärgert anhören: Die Schwimmtrainerin „ihrer“ Flüchtlinge hat ein Lächeln auf den Lippen, während sie über ihre Schützlinge spricht.

DLRG Kirberg bringt den Flüchtlingen das Schwimmen bei

Die Gemeinde Hünfelden bemüht sich in Kirberg auf ganz besondere Art um die Asylbewerber des Ortes: Gemeinsam mit Freiwilligen der DLRG-Ortsgruppe bietet sie Schwimmkurse für Flüchtlinge an und

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Überhaupt begleitet eine fast familiäre Atmosphäre den ganzen Dreh: Kein Wunder, schließlich kennen Sven-Hendrik Hahn und die Verantwortlichen der Gemeinde und der DLRG sich schon viele Jahre. Und auch Kameramann Bernd Tillmann entdeckt schnell erste Gemeinsamkeiten: „Ich war früher auch einmal Rettungsschwimmer“, verrät er. Und auch beim Interview am Beckenrand gehen die Scherze weiter. „Die Marion ist echt ein Naturtalent“, lobt Sven-Hendrik Hahn seine Hauptdarstellerin überschwänglich. „Wie, hätte ich das etwa aufnehmen sollen?“, scherzt Bernd.

Anfangs noch etwas scheu, überträgt sich die herzliche Atmosphäre auch auf die Schwimmschüler der ehrenamtlichen Helferin. „Please, einmal noch schnell?“, bittet einer der Flüchtlinge Sven-Hendrik Hahn um Aufmerksamkeit. Und schon liefern sich drei der jungen Männer ein Wettschwimmen, was selbstverständlich sofort von der Kamera festgehalten wird. Anerkennend applaudieren die anderen Badegäste, die sich neugierig am Beckenrand des Nichtschwimmer-Beckens eingefunden haben. Schon bald mischen sich auch die ersten Ferienkinder unter die muntere Schwimmgruppe, und es dauert nicht lange, bis auch diese mit den Flüchtlingen im Wasser herumtollen und sich in waghalsigen Sprüngen auf dem Sprungblock messen.

Doch der Schwimmunterricht im Freibad ist nur eine von vielen Hilfen, die die Gemeinde Hünfelden den Asylbewerbern vor Ort anbieten. „Die Gesamtheit ist wichtig – natürlich kann man die Menschen am besten über den Sport integrieren, jedoch ist es uns auch wichtig, sie auf die Zukunft vorzubereiten“, sagt Bürgermeisterin Silvia Scheu-Menzer.

Deshalb unterrichten Freiwillige die Flüchtlinge auch in der deutschen Sprache, Ehrenamtliche greifen ihnen bei der Jobsuche, dem Umzug und Behördengängen unter die Arme. Auch jetzt: Die vielen Zuschauer agieren noch mit einem improvisierten Deutschkurs vor der Kamera, um zu zeigen, wie das in Hünfelden läuft.

 

Tolerante Gesellschaft

 

Auch diese Bilder werden von der Kamera aufgenommen: Es sind Zeugnisse von einer toleranten Gesellschaft, für die das Miteinander ganz schnell selbstverständlich geworden ist – und ein stummer Appell an andere Gemeinschaften und Gemeinden, es ihnen gleichzutun. Denn Integration kann viel mehr sein als Mühe und Eingeständnisse. Sie kann auch ganz spielerisch vonstattengehen. So wie in Kirberg eben.

Ausgestrahlt wird der Beitrag über die Schwimmkurse der DLRG-Ortsgruppe für die Kirberger Flüchtlinge voraussichtlich am Freitag, 4. September, um 12.15 Uhr in der „Drehscheibe“.

 

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