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Migranten auf Tour durch den Landkreis: Der Angst begegnen und für Verständigung werben

Von Die Hitze ist ein ständiger Begleiter auf dem Weg durch den Landkreis. Die Suche nach Begegnung ist anstrengend, aber sie lohnt sich. Die Gruppe an Flüchtlingen und Migranten, die da unterwegs ist, wächst zusammen und immer wieder kommt es unterwegs zu Gesprächen mit Menschen, die in der Region zu Hause sind.
Louai Searan erzählt in Winkels von seiner Flucht und seinem bisherigen Leben in Deutschland; Zuhörerinnen sind dabei auch Petra Wagner und Conny Lowack (stehend von links). Louai Searan erzählt in Winkels von seiner Flucht und seinem bisherigen Leben in Deutschland; Zuhörerinnen sind dabei auch Petra Wagner und Conny Lowack (stehend von links).
Limburg-Weilburg. 

„Mir habbe auch keine Angst, net“, entfährt es Helga Lein. Keine Angst vor dem Kontakt mit den Fremden, keine Angst vor den Nachbarn, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Helga Lein sitzt mit am Tisch in der Nähe des Bürgerhauses in Winkels. Das Haus diente in der Nacht von Freitag auf Samstag der Gruppe von Migranten und Flüchtlingen aus Limburg als Unterkunft. Mustafa aus Eritrea, Aman aus Äthopien und andere sind am Mittwoch in Limburg gestartet und wollen bis kommenden Donnerstag zu Fuß eine Tour durch den Landkreis absolvieren.

In Winkels sitzen sie an Tischen. Es gibt kurdisches Brot, süße albanische Backwaren und deutsches Wasser und Apfelschorle. Die von der Sozialarbeiterin Gitte Büger begleitete Gruppe setzt ihr Motto „BeGEHgnung“ jeden Abend auf der Tour in die Tat um. Die Teilnehmer aus der Gruppe laden zum Treffen und zum Austausch ein. Petra Wagner und Conny Lowack aus der Gemeinde sind natürlich mit am Tisch, denn die beiden Frauen gehören mit zu den Personen in der Gemeinde, die sich ehrenamtlich engagieren, um die in Winkels, Probbach und Mengerskirchen lebenden Flüchtlinge zu begleiten, ihnen Deutsch beizubringen und ihnen bei der Bewältigung des Alltags zur Seite zu stehen.

 

„Welcome“ in Winkels

 

Bürgermeister Thomas Scholz (CDU) ist stolz auf das Engagement seiner Bürgerinnen und die guten nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den Neuankömmlingen und den Alteingesessenen. Helga Lein gehört zu den Nachbarn, denn sie lebt in Winkels direkt neben einer der beiden Einrichtungen, in der Flüchtlinge eine erste Unterkunft finden. „Wir freuen uns, dass Sie hier sind. Welcome in Winkels“, begrüßte Scholz die wandernde Gruppe, für die er am nächsten Tag auch gleich eine Erleichterung organisierte. Den Samstag konnten sie daher zum größten Teil in Probbach am Waldsee verbringen, mit Fahrzeugen erreichten sie am Abend das nächste Etappenziel Weilburg.

Über 100 Flüchtlinge beherbergt die Gemeinde in ihren Ortsteilen. Vor eineinhalb Jahren kamen die ersten. „Auch für mich eine völlig neue Erfahrung“, räumte Scholz ein. Doch aufeinander zugehen, voneinander zu lernen, sich zu tolerieren und zu unterstützen, das funktioniere recht gut. Vor allem auch dank des ehrenamtlichen Engagements der Kirchengemeinden oder Turn- und Seniorengruppen. Auch die Gemeinde selbst ist aktiv und hat mit Walter Tusch nun einen Mann für einige Stunden in der Woche beschäftigt, der den Flüchtlingen im Alltag zur Seite stehen soll.

Umso unverständlicher ist für Scholz der Vorgang in Dillhausen, wo eine künftige Unterkunft für Flüchtlinge gezielt beschädigt wurde. „Natürlich haben wir in der Gruppe über den Vorfall gesprochen“, erzählt Gitte Büger. Die Reaktion sei eindeutig gewesen: „Deshalb sind wir unterwegs.“ Es gehe darum, ins Gespräch zu kommen, Verständnis zu erhalten. Keiner und keine verlasse leichtfertig seine Heimat.

 

Mit Bollerwagen

 

Dass die Flucht aus Äthiopien, Eritrea, Syrien oder auch Afghanistan nicht mit einer Flugreise in den Urlaub zu vergleichen ist, das machten Aman, Hamdia Hammi und Louai Searan deutlich. Louai Searan ist Elektroingenieur und hat in seiner Heimat Syrien als Polizeimajor gearbeitet. Er gehört mit seinen 35 Jahren zu den älteren in der Gruppe. Aman ist 26 Jahre alt und Mustafa erst 18 Jahre alt. Sie sind seit einigen Monaten in Deutschland und wollen hier bleiben.

Während nach der ersten Runde des Vorstellens die Gespräche in kleinen Gruppen fortgesetzt werden, sitzt Pastoralreferent Markus Neust, der zusammen mit Pfarrer Dieter Braun zu dem Treffen gekommen ist, neben einem Flüchtling aus Afghanistan und geht der Frage nach, warum die Taliban so „erfolgreich“ sind. Sein Gesprächspartner hat als Soldat und Polizist gegen die Taliban gekämpft.

„Die Gruppe wächst zusammen und die Männer kümmern sich gut um uns zwei Frauen“, sagt lachend Gitte Büger und bekommt Zustimmung von Hamdia Hammi, die seit einigen Jahren in der Limburger Nordstadt lebt, Mutter von drei Kindern ist und als politisch aktive Kurdin aus ihrem Heimatland fliehen musste. Die Gruppe fällt auf ihrem Weg auf und wird auch immer wieder angesprochen, wenn es durch die Dörfer geht oder auch bei einer Pause am Seeweiher. Als sie in Hintermeilingen aufbrachen, sind sie sogar von einem „Altbürger“ begleitet worden, der am Abend zuvor an dem Austausch teilgenommen hatte. Ein wenig Schwund gab es auch schon zu beklagen, wie Gitte Büger erzählt. Der Bollerwagen als Lastenträger kam zu Schaden. Sie wollte ihn deshalb zur Reparatur nach Limburg zurückschicken, aber die Gruppe bestand darauf, dass er weiter mit unterwegs ist und immer wieder neu für die Etappen fit gemacht wird. Der Bollerwagen gehöre einfach mit dazu.

Die weitere Strecke führt die Gruppe nach Bad Camberg, den Goldenen Grund und anschließend zurück nach Limburg, wo sie am Donnerstag ankommen will.

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