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Sterbebegleiter: Der Umgang mit dem Tod lässt sich lernen

Sterben ist ein Tabuthema, obwohl es jeden betrifft. Aktiv mit dem Thema setzen sich die ehrenamtlichen Sterbebegleiter der Hospizdienste Limburg auseinander. Jedes Jahr bietet der Verein ein entsprechendes Schulungsseminar an. Über ihre Erfahrungen in Sachen Sterben und Sterbebegleitung berichteten im Gespräch mit dieser Zeitung die Vereinsmitglieder Agnes Knott, Otto Hattler und Christa Jung.
Helfende Hand am Lebensende: Viele Menschen, die den Tod vor Augen haben, sind dankbar für eine Sterbebegleitung. Foto: Fotolia/Katarzyna Bialasiewicz Foto: Photographee.eu (96700755) Helfende Hand am Lebensende: Viele Menschen, die den Tod vor Augen haben, sind dankbar für eine Sterbebegleitung. Foto: Fotolia/Katarzyna Bialasiewicz
Limburg. 

Der (eigene) Tod ist ein Tabu. Allzu gern wird die eigene Endlichkeit verdrängt. Eine Möglichkeit, sich selbst mit dem Sterben auseinanderzusetzen, bieten seit 1995 die Hospizdienste Limburg an. Jährlich organisiert der Verein ein rund dreimonatiges Seminar zur Sterbebegleitung. Warum aber setzen sich die Teilnehmer überhaupt aktiv mit dem für viele unangenehmen Thema auseinander?

„Ausschlaggebend für mich war ein Sterbefall im Bekanntenkreis“, erzählt Christa Jung aus Elz. Sie hatte im letzten Jahr (2017) das Seminar belegt. Zusammen mit der Zweiten Vorsitzenden der Hospizdienste, Agnes Knott, und Kassenwart Otto Hattler reflektiert sie in den Räumlichkeiten des Vereins in der Diezer Straße über den Kurs und über einen möglichen Einsatz als ehrenamtliche Sterbebegleiterin. „Dazu bin ich jetzt noch nicht bereit, da ist die Erfahrung einfach noch zu frisch“, stellt die langjährige Mitarbeiterin im Elzer Rathaus klar.

„Es gibt nichts zu tun“

„Der Tod ist oft noch ein Tabuthema“, ergänzt Agnes Knott. „Es wird schnell darüber hinweggegangen.“ Von Angehörigen werde erwartet, dass sie relativ rasch wieder „funktionieren“, erzählt die Expertin. Aussagen wie „Es ist doch nun schon ein Jahr her“ sind normal. Aus falscher Rücksichtnahme werde oft auch nicht mehr über den Verstorbenen geredet. „Wir schieben unsere Sterbenden in professionelle Hände, an Krankenhäuser und Heime, ab“, ist Agnes Knott überzeugt.

Natürlich hoffen die Vereinsmitglieder schon, dass die Seminarteilnehmer selbst Mitglieder werden und sich ehrenamtlich engagieren. Verpflichtend sei das aber nicht. Aber für wen sind die kostenpflichtigen Seminare eigentlich gedacht, welche Voraussetzungen müssen Teilnehmer mitbringen? „Sie sollten vorher nicht zu viel über das Thema reflektiert haben“, lautet die überraschende Antwort Otto Hattlers. „Das passiert schließlich in den Kursen.“ Dennoch sind auch Teilnehmer, die bereits vorher anderswo einen solchen Kurs besucht haben, willkommen. Denn die Verschulung der Sterbebegleitung ist noch nicht allzu weit fortgeschritten. „Jeder Verein setzt da seine eigenen Schwerpunkte“, weiß Knott.

Neben Angehörigen von Verstorbenen nehmen auch Polizisten und Mitarbeiter von Rettungsdiensten an den Seminaren teil. Zum Kursende gibt es ein Zertifikat: „Das wird zum Beispiel nachgefragt, wenn man sich in einer anderen Stadt engagieren möchte.“

Seminarprogramm zur Sterbebegleitung

Zehn Abende und zwei Wochenenden: Das Seminar 2018 zur Schulung und Vorbereitung für die Begleitung von Schwerstkranken beginnt mit einem Einstiegswochenende am Freitag und Samstag, 2. und 3.

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Was aber lernen angehende Sterbebegleiter eigentlich? Am Anfang stehe oft die Angst, etwas falsch zu machen, sowie die Frage: Was kann ich tun? „Die Sache ist, es gibt nichts zu tun. Man kann den Tod nicht aufhalten“, sagt Otto Hattler. „Die wichtigste Aufgabe einer Sterbebegleitung ist es daher, Ruhe in die Situation hineinzubringen“, ergänzt die Zweite Vorsitzende. Das heißt konkret auch, Aktionismus sanft einen Riegel vorzuschieben. Denn der erste Impuls beim nahenden Tod ist oft, doch noch einmal den Notarzt zu rufen. Auch die Klage „Er isst nichts mehr“ ist verbreitet. Da gilt es, die Angehörigen langsam auf den nahenden Tod vorzubereiten.

Wer aber steht eigentlich im Vordergrund der Begleitung – die Angehörigen oder der Sterbende? „Der Sterbende“, betont Agnes Knott. Das kann allerdings von Fall zu Fall variieren: So kommt es durchaus vor, dass sich der Schwerkranke nach der entsprechenden Diagnose selbst bei den Hospizdiensten meldet. Dann kann die Begleitung auch ein halbes Jahr in Anspruch nehmen. Im Gegensatz zur Notfallseelsorge oder auch der Opferberatung sind Sterbebegleiter in der Regel alleine unterwegs. Es kann aber vorkommen, dass sich mehrere Mitarbeiter zu verschiedenen Zeiten um einen Betroffenen kümmern.

Das hängt auch von den persönlichen Talenten und Neigungen des Freiwilligen ab. Die werden im Vorfeld abgeklärt: „Als zum Beispiel die Angehörigen der Kriegsgeneration verstarben, gab es auch Kollegen, die nicht noch einmal Kriegsgeschichten hören wollten“, erinnert sich Agnes Knott. „Die wurden dann nicht geschickt.“ Auf Wunsch sprechen die Helfer mit dem Sterbenden über den nahen Tod und ein mögliches Leben danach.

„Daher ist es wichtig, dass sich die Begleiter vorher selbst eine eigene Meinung dazu gebildet haben“, betont die Expertin. Zwar weiß niemand, was wirklich nach dem Tod geschieht, die Freiwilligen sind dann aber in der Lage, eine Vermutung zu äußern. „Das geschieht natürlich nur, wenn der Betroffene darüber reden möchte.“

Immer häufiger kommt es aber vor, dass die Hospizdienste kurzfristig von Angehörigen informiert werden. Eine Situation, die für die Freiwilligen nicht einfach ist. So ist der Sterbende oft nicht mehr ansprechbar, und die Zeit, Grundlegendes wie eine Patientenverfügung oder ein Testament anzusprechen, bleibt dann auch nicht mehr. Warum aber warten viele so lange? „Das hat auch viel mit Verdrängung zu tun. Das ist normal“, sagt Agnes Knott. Genauso normal ist es, dass Schwerkranke ihre Krankheit mit der Bemerkung „Wieso? Mir geht es doch gut“ verdrängen. „Es hat etwas Endgültiges, wenn wir an der Tür stehen.“

Hilfe auch für Angehörige

Eine Grundvoraussetzung für eine Sterbebegleitung ist, dass der Kranke Bescheid weiß. „Gehen Sie da mal hin“, hieß es in der Vergangenheit von manchem Hausarzt. Vor Ort trafen die Freiwilligen auf erstaunte Gesichter. „Deswegen klären wir die Frage immer gleich vorab“, sagt Agnes Knott. Grundsätzlich stehen bei der Begleitung die Bedürfnisse des Sterbenden im Vordergrund, aber auch den Angehörigen wird geholfen. So kam es vor, dass eine Frau vormittags arbeiten gehen konnte mit der Gewissheit, dass jemand für ihren Mann da ist.

Medizinische Pflege übernehmen die Sterbebegleiter zwar nicht. Sie wissen jedoch, welcher Arzt gegebenenfalls zu rufen ist, wenn Schmerzmittel gebraucht werden, oder welches Sanitätshaus auch kurzfristig eine Sauerstoffflasche liefert. Und gehen die Freiwilligen später auch zur Beerdigung? Antwort: „Das gehört dazu.“

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