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Integration mal anders: Deutsche und Flüchtlinge schreiben gemeinsames Theaterstück

Mit einem Theaterprojekt wollen die Malteser Flüchtlinge und Einheimische zusammenbringen. Am Freitag, 24. März, feiert das Stück, das die Schauspieler selbst geschrieben haben, Premiere. Wir haben die Proben begleitet.
Khalid schenkt Miriam ein imaginäres Eis. Khalid schenkt Miriam ein imaginäres Eis.
Limburg. 

„Und jetzt spielt ihr mal einen Bären“, ruft Cara Basquitt. Für einen Moment wird das Gewusel im Raum langsamer. Khalid bleibt ganz stehen. „Wie soll ich Bär spielen?“, fragt er. Miriam neben ihm zuckt mit den Schultern. „Groß und stark halt“, antwortet sie. Dann winkelt sie die Arme seitlich an und beginnt, breitbeinig zu laufen. „Grrrrr“, sagt sie. Khalid blickt ihr verwundert nach, dann winkelt auch er die Arme an. „Grrrr“, sagt er, ein bisschen fragend, und läuft los.

Lehrerin Milena will Handys einsammeln,  doch Seraj (links) passt das gar nicht. Bild-Zoom
Lehrerin Milena will Handys einsammeln, doch Seraj (links) passt das gar nicht.

Es ist das zweite Mal, dass sich die Theatergruppe um Regisseurin Cara Basquitt trifft. Die Teilnehmer sollen durch den Raum laufen, Boxkämpfe simulieren oder sich ein imaginäres Eis schenken. „Am Anfang geht es darum, ein Gespür für den Körper im Raum zu bekommen“, sagt die Theaterpädagogin, die auch Referentin für Integrationsdienste bei den Maltesern ist. „Für viele ist Theaterspielen ja etwas völlig Neues.“ Zum Beispiel für Khalid. Seine Bewegungen sind oft etwas hölzern, noch nie vorher stand der 25-jährige Afghane auf einer Bühne.

Vorbild: Mr. Bean

Neben ihm turnt Seraj herum. Er ist das genaue Gegenteil des Afghanen, stapft breitbeinig als Bär durchs Zimmer oder mit aufgeblasenen Backen als Kugelfisch. Der 21-Jährige hat schon an der Uni in Damaskus Kurzfilme gedreht, er will Comedian werden. Sein großes Vorbild ist Mr. Bean. „Ich versuche, viel durch Gestik und Mimik zu machen. Dadurch kann ich schneller eine Verbindung zu den Menschen herstellen als durch Sprache“, sagt er. Sein Deutsch ist mittelmäßig. Seine Mimik kommt der von Mr. Bean schon ziemlich nahe.

Knapp 30 Interessierte sind an diesem Oktoberabend Basquitts Einladung gefolgt, etwas mehr als die Hälfte sind Flüchtlinge. Gemeinsam wollen sie aus ihren Erfahrungen ein Stück entwickeln. „Biografisches Theater“, heißt diese Idee. Es sei keine Therapie, betont Basquitt. „Es geht nicht um die individuellen Geschichten, sondern um gesellschaftlich relevante Themen.“ In diesem Fall: Integration.

Immer wieder werden die Schauspieler nun darüber sprechen, was ihre Kultur ausmacht und was die der anderen. Was sie erlebt haben und wie sie das geprägt hat. Was Heimat für sie bedeutet und was Freundschaft. Woran sie manchmal zu verzweifeln glauben. Und welche Träume und Wünsche sie für die Zukunft haben.

Daraus entstehen Szenen, denen Cara Basquitt dann einen roten Faden verpasst. Niemand wird am Schluss seine eigenen Texte vorlesen. „Der Abstand zum biografischen Material macht eine größere Freiheit möglich“, sagt Basquitt.

Fünf Monate später. Seraj irrt durch ein Labyrinth aus Kartons. „Verantwortung“ steht auf einem, „Behörden“ auf einem anderen. Er versucht, die Kartons aus dem Weg zu schieben, doch es geht nicht. „Wir ohne Heimat irren so verloren und sinnlos durch der Fremde Labyrinth“, klingt über die improvisierte Bühne. Es ist ein Gedicht des deutschen Schriftstellers Max Herrmann-Neiße, das er auf seiner Flucht vor den Nationalsozialisten schrieb. Verzweifelt blickt Seraj sich um, dann lässt er sich entmutigt auf den Boden fallen.

„Man fühlt sich nie müde“

Es ist die Anfangsszene des Stücks „Kaleidoskop“, das die nun 23 Schauspieler in den vergangenen Monaten entwickelt haben. Einige von ihnen beobachten konzentriert das Geschehen, andere bereiten die nächste Szene vor. „Die Schauspieler erleben Gemeinschaft, übernehmen Verantwortung. Das stärkt das Selbstvertrauen“, sagt Basquitt.

Auch Khalid hat seine anfängliche Angst überwunden. In einer Liebesszene etwa macht er Miriam einen Heiratsantrag. „Ich genieße jeden Moment hier“, sagt er. „Man fühlt sich nie müde oder gelangweilt.“

Karim, ein 19-jähriger Syrer, der ohne seine Familie nach Deutschland kam, ist ebenfalls voll des Lobes. Gerade noch hat er in einer Szene dargestellt, wie schwierig es ist, aus einer Kindheit im eigenen Land ins Erwachsenenleben in der Fremde katapultiert zu werden. Jetzt sagt er: „Wir sind hier wie eine Familie. Wenn einer traurig oder glücklich ist, fühlen die anderen mit.“

Cara Basquitt nickt. „Begegnung ist der erste Schritt zur Integration“, sagt sie. Auch im Stück zeigt sich das. Erst stehen sich Deutsche und Ausländer feindselig gegenüber. Dann beginnen sie, sich gegenseitig zu beschenken. Demokratie oder Freiheit bekommen die Flüchtlinge. Familienzusammenhalt und Tanzen (auch ohne Alkohol) bekommen die Deutschen.

„Es sind gute Leute hier“, sagt Karim. „Das Schönste ist, dass es uns zum Lachen bringt“, sagt Khalid. Und lacht tatsächlich, weil Seraj eine Grimasse geschnitten hat. Die Schauspieler treffen sich nun auch außerhalb der Proben, gehen ins Kino oder kochen füreinander. Die Jugendlichen haben nicht nur gemeinsam ein Stück geschrieben. Sie sind auch Freunde geworden.

 

Das Theaterstück „Kaleidoskop“ wird am 24., 25. und 26. März jeweils um 20 Uhr in der Jugendkirche „Crossover“ aufgeführt. Die Karten kosten sieben Euro (acht Euro an der Abendkasse). Vorverkauf bei Kunstwerk, Hospitalstraße 3, und der Malteser-Geschäftsstelle, Frankfurter Straße 9.

 

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