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Bandscheiben-Operation: Deutschland-Premiere in Diezer OP mit Titan beschichtetem Implantat

Deutschland-Premiere in Diez: Titan-beschichtete Implantate wurden im DRK-Krankenhaus in die Halswirbelsäule einer 60-jährigen Patientin eingesetzt. Neben Dr. Michael Petermeyer beteiligt: Der renommierte Spezialist Prof. Robert Schoenmayr.
Millimeterarbeit am OP-Tisch: Professor Robert Schoenmayr (links) und Dr. Michael Petermeyer bei der heiklen Arbeit an der Halswirbelsäule. Im Vordergrund OP-Schwester Katja Schmidt. 	Fotos: Westerweg Millimeterarbeit am OP-Tisch: Professor Robert Schoenmayr (links) und Dr. Michael Petermeyer bei der heiklen Arbeit an der Halswirbelsäule. Im Vordergrund OP-Schwester Katja Schmidt. Fotos: Westerweg
Diez. 

Die Frau ist geschockt. Erst die Schmerzen, dann – ganz plötzlich – die Lähmung und kurz darauf die Hiobsbotschaft: Operation. Prompt liegt die 60-Jährige fünf Tage nach der unerwarteten Diagnose ausgestreckt im Operationssaal des Diezer Krankenhauses. Am Tisch Professor Robert Schoenmayr und Dr. Michael Petermeyer, gleich daneben die NNP.

Um es vorwegzunehmen: In einer Atmosphäre aus Ruhe und Gelassenheit wirken die Mediziner hochkonzentriert und doch tief entspannt, fast, so scheint es, hat sich die Monotonie der reglos unter einem grünen Laken verborgenen Patientin auf die Umgebung ausgedehnt. Von Hektik nichts zu spüren, auch nicht von dem nicht unerheblichen Risiko. Einen Millimeter mit den Instrumenten zu weit, und die Frau würde im Rollstuhl landen. . .

 

Dem Knochen sehr ähnlich

 

Dass es sich an diesem Vormittag um einen Routineeingriff, zugleich aber um eine bemerkenswerte Premiere handelt, ist den beiden Chirurgen nur beiläufig anzumerken. So hat es diese OP in Deutschland noch nicht gegeben. Die Implantate, die nach zwei Bandscheibenvorfällen zwischen die Halswirbel gesetzt werden, wurden in einem Niedertemperatur-Vakuum-Verfahren hauchdünn mit Titan bedampft. Neben der hohen mechanischen Festigkeit weist das aus dem Kunststoff PEEK bestehende Grundmaterial dem Knochen sehr ähnliche Eigenschaften auf. Minuten nach dem zweistündigen Eingriff kann Roswitha S. ihre Gliedmaßen schon wieder bewegen, in drei Tagen soll sie zu Hause sein.

Mit diesem Besteck werden die Implantate zwischen die Halswirbel gesetzt. Oberhalb der Griffe sind (farbig) verschiedene Platzhalter zu sehen. Bild-Zoom
Mit diesem Besteck werden die Implantate zwischen die Halswirbel gesetzt. Oberhalb der Griffe sind (farbig) verschiedene Platzhalter zu sehen.

Als in den Erklärungen nachträglich der Begriff Volkskrankheit fällt, ist es bis zu einer möglichen Ursache für die hartnäckigen Beschwerden der Frau nicht mehr weit: Bewegungsmangel. Neben massiven Einwirkungen – etwa durch einen Unfall – können chronische Verschleißerscheinungen auch durch den natürlichen Alterungsprozess und die genetische Veranlagung hervorgerufen werden. Die Bandscheibe, ohne die eine Beweglichkeit der Wirbelsäule nicht möglich wäre, wird mit den Jahren spröder, trockener – und sie wird rissiger.

 

Plötzlich gelähmt

 

Wie auch immer – durch diese Risse verabschiedete sich aus dem Bandscheibenkern Gewebe durch den Bandscheibenring, (noch) etwas weniger groß zwischen den Halswirbeln fünf und sechs, doch schon in der Größe einer Erbse zwischen den Wirbeln sechs und sieben. Mit weitreichenden Folgen für die 60-Jährige: Durch den eingeklemmten siebten Halsnerv wurde rechtsseitig die hintere Muskulatur des Oberarms beeinträchtigt, Arm, Hand und die Finger drei und vier folgten nicht mehr den Bewegungsaufträgen. Roswitha S., schon seit Jahren von Nackenschmerzen geplagt, spürte Taubheit in den Gliedern und konnte nicht mehr richtig zupacken. Den Kopf ohnehin in eine etwas schräge Schonhaltung gebracht, war es dann plötzlich passiert – Lähmungserscheinungen traten auf. Als die Patientin ausgestattet mit der Diagnose ihres Hausarztes und Bildern einer Computertomografie bei Neurochirurg Michael Petermeyer erschien, war die Einschränkung bereits „mittelgradig ausgeprägt“. Eine Kernspintomografie musste im Prinzip nur noch den medizinischen Verdacht des Bandscheibenvorfalls und vor allem dessen Ausmaß bestätigen.

Erstmals in Deutschland eingesetzt: Ein mit einer hauchdünnen Titanschicht bedampftes Implantat. Das Innere des Rings wird mit Eigenknochen aufgefüllt. Bild-Zoom
Erstmals in Deutschland eingesetzt: Ein mit einer hauchdünnen Titanschicht bedampftes Implantat. Das Innere des Rings wird mit Eigenknochen aufgefüllt.

Wäre, was allein schon wegen der Schmerzen unvorstellbar erscheint, eine Behandlung ausgeblieben, hätten sich über den zunehmenden Druck aufs Rückenmark früher oder später sogar Gehstörungen eingestellt, erklärt Professor Schoenmayr die absehbar ernsthaften Folgen für die Gesundheit. Die kleinere Verengung zwischen fünftem und sechstem Wirbel hätte sich – angefangen beim Bizeps – später auf die vordere Armpartie ausgewirkt.

Am Mittwoch nahmen die Chirurgen den Eingriff vor, einen von 50 bis 100 pro Jahr im Diezer DRK-Krankenhaus, diesmal aber mit einer Besonderheit – dem erstmals eingesetzten Implantat mit spezieller Titanbeschichtung. Dass der angesehene, eigentlich pensionierte Wiesbadener Klinikleiter nach vielen Einsätzen auch diesmal wieder in Diez beteiligt war, ist der Initiative von Michael Petermeyer geschuldet. Er hatte den Professor, der in der Wirbelsäulen-Neurochirurgie als einer der Top Ten (besten zehn) in Deutschland gilt, angesprochen und auf dessen ungebrochenes Interesse gehofft. Der gebürtige Österreicher leitet internationale Operationskurse, ist Mitglied wissenschaftlicher Gremien und kennt die internationale neurochirurgische Szene genau. Der Arzt, der über Informationen zu Spezialisten und Erfahrungen aus verschiedenen Kliniken und Zentren verfügt, war in der Vergangenheit sogar an der Entwicklung von Implantaten und OP-Techniken beteiligt. Eine Kapazität.

Mit einem vier Zentimeter langen Schnitt quer zum Hals verschafften sich die Mediziner auf der rechten Körperseite Zugang zur Halswirbelsäule, schoben Luft- und Speiseröhre beiseite und entfernten das störende Gewerbe, immerhin nicht weniger hart als Knorpel oder ein menschlicher Knochen.

70 Minuten nach Beginn der Operation richtet sich Michael Petermeyer, der den Einsatz seines filigranen Arbeitsgeräts über Mikroskop und Bildschirm verfolgt, kurz auf und freut sich: „Das ist wie bei einer Geburt.“ Gerade hat er den letzten Rest der Ablagerungen entfernt. „Wir machen das ja auch gerne“, fügt er noch an. In einem Topf schwimmt derweil in einer Flüssigkeit das sorgfältig abgefräste Material. Wenn das alles zwischen den Wirbeln gesessen hat…

 

Alte Höhe rekonstruiert

 

Auf den Röntgenbildern ist zu sehen, dass an den erkrankten Stellen der übliche Wirbelabstand von fünf bis sechs Millimetern auf ein Drittel zusammengeschrumpft ist. „Was wir machen“, erläutert der Professor den Vorgang, „ist, die alte Bandscheibenhöhe zu rekonstruieren und die Halswirbelsäule in dieser korrigierten Stellung zu stabilisieren“. Zwischen die Wirbel werden Distanzstücke (in bestimmten Fällen können es auch Prothesen sein) gesetzt, die sich dank ihrer rauen Oberfläche an der Umgebung fest verankern. Die ringförmigen Ersatzteile, übrigens der körperlichen Konstitution angeglichen – im Fall von Roswitha S. sind sie sechs und sieben Millimeter hoch, 15 Millimeter breit, 14,5 Millimeter tief und mit Eigenknochen aufgefüllt. Erstmals in Belgien verwendet, fördern die Material-Eigenschaften des Implantats das Anwachsen der Knochen. Während ihrer Arbeit überprüfen die Chirurgen den einwandfreien Sitz der neuartigen „Distanzstücke“ übrigens mehrfach per Röntgenaufnahme.

Gegen Mittag verabschieden sich die beiden Premieren-Operateure auf dem Flur des OP-Traktes kurz per Handschlag, Routine, so routiniert wie sie sich zuvor bei der Arbeit ergänzten. Eine Woche lang dürfen sie Erfolg und Aufmerksamkeit des deutschlandweit erstmals verwendeten Titan-Implantats auskosten, in der schnelllebigen Medizin werden die anderen dann nachgezogen haben. . .

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