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Flüchtlinge: Die Flucht, Vorurteile und Ängste

Von Der Musiksaal der Freiherr-vom-Stein-Schule ist prallvoll. Über 200 Neunt- und Zehntklässler sowie weitere Interessierte sind zur Podiumsdiskussion zum Thema Flüchtlinge gekommen. In der Europawoche stellen sie ihre Fragen und sind dabei, Vorurteile und Ängste abzubauen.
Die stellvertretende Schulleiterin Judith Lehnert (Zweite von rechts) und Ihr Team stellen dem hessischen Kultusminister Prof. Alexander Lorz (Dritter von links) die Freiherr-vom-Stein-Schule vor, eine von 32 Europaschulen in Hessen. Foto: Petra Hackert Die stellvertretende Schulleiterin Judith Lehnert (Zweite von rechts) und Ihr Team stellen dem hessischen Kultusminister Prof. Alexander Lorz (Dritter von links) die Freiherr-vom-Stein-Schule vor, eine von 32 Europaschulen in Hessen.
Hünfelden-Dauborn. 

An seinen ersten Schultag in Dauborn kann sich Keis noch gut erinnern: „Alle Schüler waren sehr nett und haben mir geholfen, weil ich nicht so gut Deutsch konnte . . . Und sie haben erzählt, was sie in den Sommerferien gemacht haben.“ Für Keis und seine Schwester Laila waren die „Ferien“ nicht schön. Sie sind mit ihren Familien aus Syrien geflüchtet. Der 16-Jährige kam im Oktober 2013 nach Deutschland, seine 18 Jahre alte Schwester Laila folgte im Dezember 2015. Beide sind Schüler in Dauborn, Laila hat schon im Unterricht erzählt. „Das ist eine sehr große Bereicherung für den Fachbereich Politik“, sagt Lehrer Sascha Lange. Jetzt leitet er gemeinsam mit den beiden Schülern Noah Breser und Suzan Fois die Podiumsdiskussion im prallvollen Musiksaal. Mehr als 200 Neunt- und Zehntklässler sind gekommen.

Die stellvertretende Schulleiterin Judith Lehnert (Zweite von rechts) und Ihr Team stellen dem hessischen Kultusminister Prof. Alexander Lorz (Dritter von links) die Freiherr-vom-Stein-Schule vor, eine von 32 Europaschulen in Hessen.
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Etwas über 40 Flüchtlinge sind derzeit in der Gemeinschaftsunterkunft in Kirberg untergebracht. Man begegnet sich im Ort, bei den Vereinen, und die Fragen der Schüler sind die gleichen, die auch Menschen auf der Straße beschäftigen, die wenig wissen und sich informieren möchten: „Gab es schon einmal Probleme mit Flüchtlingen in der Schule?“, „Ist es in der Gemeinschaftsunterkunft ordentlich? Machen sie das alleine, oder bekommen sie das gemacht?“ Die Hünfeldener Bürgermeisterin Silva Scheu-Menzer (parteilos) antwortet: Es sei ähnlich wie daheim: „Natürlich räumt jeder sein Zimmer auf. Doch wenn es gleichzeitig Wohnraum, Arbeitszimmer und der Ort ist, an dem man Besuch empfängt, dann ist es klar, dass man mehr darauf achtet, wie es darin aussieht. Das machen alle selbst. Da wird nicht für sie aufgeräumt.“ Doralisa Heil, Mitarbeiterin der Gemeinde und in engem Kontakt mit den Bewohnern, nickt. Probleme: In der Schule gab es keine, sagt Jürgen Kneipper, Leiter des Gymnasialzweigs. „Und die Kriminalität, die in Hünfelden ohnehin zum Glück sehr gering ist, hat sich auch nicht erhöht“, beantwortet die Bürgermeisterin gleich die nächste Frage. Allerdings: Anfangs habe es einen Bewohner des Hauses mit starken psychischen und Alkohol-Problemen gegeben. Der sei in der Tat laut und auffällig geworden. „Er musste die Unterkunft verlassen, kam aber später nach einer Therapie vorbei, um sich zu entschuldigen.“

Feuerwehreinsätze: „Sind sie gestiegen?“, möchte ein Schüler wissen. Ganz klar: Es habe Einsätze gegeben, weil es zum Beispiel Feuermelder gibt, die in der Küche anschlagen, wenn Geräte falsch angewandt werden oder sich zu viel Rauch entwickle. Auch das habe man in den Griff bekommen. „Die Menschen müssen dazulernen.“ Das sei geschehen.

Deutschland ist Hoffnung

Mit am Podium sitzt Bonsa. Der 19-jährige Äthiopier ist gemeinsam mit der Bürgermeisterin gekommen, um unvoreingenommen zu erzählen. Er verbindet Deutschland mit Hoffnung. „In meinem Land hätte ich keine Chance gehabt, so zu lernen. Ich will Automechatroniker werden“, definiert er sein Berufsziel.

Die Geschwister Laila und Keis sind auch fleißig dabei. Doch was wäre, wenn sie gegen die Schulordnung verstoßen? „Das gleiche wie bei allen anderen“, sagt Jürgen Kneipper. In der Freiherr-vom-Stein-Schule gibt es eine Intensivklasse. Das heißt, hier wird 23 Stunden in der Woche Deutsch gelehrt, in den anderen Stunden werden die Schüler ihren Klassen zugeordnet. Sollte es also einen Verstoß geben, der auf sprachlich bedingtes Nicht-Wissen zurückzuführen ist, dann werde das geklärt und erklärt.

Was kostet das die Gemeinde? Auch eine Frage an das Podium, die im Publikum diskutiert wird. Die Gemeinde hat Personal mit Aufgaben der Flüchtlingsarbeit betraut. „Zwei Angestellte kümmern sich darum und ich als Bürgermeisterin. Doch sonst nimmt Hünfelden kein Geld in die Hand. Das meiste, was wir hier tun, läuft auf ehrenamtlicher Basis“, sagt Silvia Scheu-Menzer und erklärt: 40 bis 50 ehrenamtliche Unterstützer seien dabei. Die Arbeit laufe gut strukturiert, und es gebe jeden Mittwochabend eine Teestunde in sehr gemütlicher Atmosphäre, zu der jeder kommen könne.

Kennenlernen ist wichtig

Austausch: Das sei besonders wichtig, sagt Doralisa Heil und erinnert auch an die Arbeit der Vereine, besonders im Sport, wo weniger Sprache nötig ist. Das fällt den Geschwistern Laila und Keis nämlich auch sofort ein, wenn sie sagen sollen, was ihnen in Deutschland gefällt, und was nicht. Ihnen gefallen die Menschen, von denen ihnen die meisten offen begegnen. Bonsa erzählt von einem Vorfall in einem Laden, wo er den Eindruck hatte, man könne ihn für einen potenziellen Dieb halten. „I’m not a thief“, habe er gesagt. Während er lacht, entspannt sich auch im Saal die Stimmung. Was ihnen nicht so gefällt? Das beantworten die Geschwister Laila und Keis so: „Die deutsche Sprache ist so schwer.“ Sie können recht gut sprechen. Aber das Schriftliche . . .

„Gibt es etwas, was wir besser machen könnten?“, will eine Mitschülerin wissen. Ja, meint Keis: „Es gibt viele Leute, die Vorurteile hören, und das glauben sie dann auch. Ich kann nicht sagen, alle Deutschen oder alle Syrer sind gut oder schlecht. Aber sie müssen die Menschen kennenlernen.“ Und ja, Familienangehörige in Syrien gibt es auch noch, antwortet er gleich dem nächsten. Da ist die Oma, mit der sie über Facebook kommunizieren. Sie wird nicht nach Deutschland kommen. Keis schluckt: „Sie ist in Syrien geboren und sie hat gesagt, ,ich will da auch sterben‘“.

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