Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen

15 Jahre Wikipedia: Die Lust am Besserwissen

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist gerade 15 Jahre alt geworden. Rund 35 Millionen Einträge überwiegend von Viel- und Besserwissern sind verfügbar. Auch der in Hadamar lebende Journalist Volker Thies zählt zu den „Wikipediasten“. Unter dem Autorennamen „Asdrubal“ hat er während der vergangenen Jahre etwa 4000 Seiten bearbeitet und knapp 14 000 Veränderungen vorgenommen, berichtet er im Gespräch mit NNP-Mitarbeiterin Anken Bohnhorst-Vollmer.
Der Hadamarer Journalist Volker Thies alias „Asdrubal“ verfasst in seiner Freizeit Beiträge für Wikipedia. Der Hadamarer Journalist Volker Thies alias „Asdrubal“ verfasst in seiner Freizeit Beiträge für Wikipedia.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Beitrag für Wikipedia?

VOLKER THIES: Ja, das war am 5. April 2004 um 22.12 Uhr. Der genaue Zeitpunkt lässt sich mit einem Analysetool nachvollziehen. Bei meinem Eintrag ging es um die Begriffserklärung „Elz“, bei der dem Autor ein Rechtschreibfehler unterlaufen war. Den habe ich korrigiert – zwölf Minuten später dann einen Ortsartikel über Elz angelegt. Drei Zeilen war mein Beitrag lang. Mittlerweile erstreckt sich der Eintrag über die Gemeinde Elz über sieben Bildschirmseiten.

Warum beteiligt man sich überhaupt an dieser digitalen Enzyklopädie? Weil man sich dringend mitteilen möchte, oder weil man’s besser weiß?

THIES: Ja, die Lust am Besserwissen oder am Vielwissen spielt für die Autoren sicher eine Rolle. Von der Elzer Episode abgesehen bin ich zum Beispiel mal über ein Geschichtsbuch zu Wikipedia gelangt: Ich hatte etwas über osteuropäische Fürsten und Könige im Mittelalter gelesen und festgestellt, dass es darüber bei Wikipedia keine Einträge gab. Also habe ich mein Wissen eingearbeitet, dabei aber so komprimiert, dass der Leser sich schnell einen Überblick über das Thema verschaffen kann. Die Motivation ist, meine Kenntnisse und Erfahrungen zu einem Fachbereich mit denen anderer Autoren zusammenzufügen und so zu einem größeren Wissen beizutragen.

Und wenn das „größere Wissen“ tatsächlich Halb- oder Unwissen ist? Was passiert dann, und wie lässt sich das verhindern?

THIES: Wikipedia ist eine Enzyklopädie, für deren Mitarbeit bestimmte Regeln gelten. Es soll ein wissenschaftlicher Standard gewahrt werden, also sollen die Autoren zum Beispiel ihre Quellen in Fußnoten angeben. Das klingt zwar sinnvoll, ist aber aus meiner Sicht gar nicht immer einzuhalten – etwa bei lokalen Artikeln. Da gibt’s oft weder Primär- noch Sekundärliteratur. Da recherchieren Sie und schreiben die Ergebnisse auf.

Und setzen sich der Beurteilung Ihrer Autorenkollegen aus?

THIES: Natürlich. Alle Artikel, die ich bearbeitet habe, setze ich auf eine Beobachtungsliste, auf der sämtliche Änderungen und deren Urheber angezeigt werden. Ich habe also immer einen Vorher-Nachher-Vergleich. Und wenn irgendetwas nicht stimmt, sollen ja auch Korrekturen durchgeführt werden. Korrigieren und Löschen dient somit der Qualitätssicherung . . .

. . . kann aber auch Autorenkämpfe befördern, oder?

THIES: Tatsächlich haben diese Grabenkämpfe von Wikipedia-Autoren zugenommen. Und es kommt wohl auch vor, dass Beiträge gelöscht werden und der Urheber die Löschung zurücksetzt. Wenn sich aber herausstellt, dass es hier nicht um inhaltliche Auseinandersetzungen geht, sondern Schindluder getrieben wird, kann ein Artikel gesperrt werden. Der Text kann dann nicht mehr bearbeitet werden. Dass das passiert, habe ich beobachtet, aber noch nicht bei Artikeln erlebt, an denen ich selbst wesentlich mitgeschrieben habe.

Gibt es spezielle Aufreger-Themen, bei denen Streitereien besonders schnell eskalieren?

THIES: Hoch her geht es immer bei Politik oder bei Themen zum Dritten Reich, während Abhandlungen etwa zum Zwergfrosch in Papua Neuguinea die Gemüter weniger in Wallung bringen. Aber strittig ist manchmal auch, ob ein Artikel überhaupt wert ist, aufgenommen zu werden. So kann man zum Beispiel in Wikipedia grundsächlich über das Leben und Wirken von Schauspielern lesen. Also hat ein Autor irgendwann damit begonnen, Beiträge über Pornodarsteller einzustellen, weil das seiner Ansicht nach eben auch Schauspieler sind. Ist das richtig oder falsch? Jedenfalls ist es eine der Entwicklungen bei Wikipedia, die mir nicht gefällt und wegen der ich weniger aktiv bin.

Und wie gefallen Ihnen die Spendenaufrufe, bei denen der Eindruck erweckt wird, Wikipedia nage am Hungertuch? Dabei soll sich das Vermögen der Wikimedia-Stiftung auf knapp 80 Millionen US-Dollar belaufen, die vermutlich nicht komplett in Server- und Service-Leistung gesteckt werden.

THIES: Wie die Vermögensverhältnisse von Wikipedia genau aussehen, weiß ich nicht. Aber das Spendengebaren kritisiere ich, und auch das hat mit dazu beigetragen, dass ich mich mehr zurückhalte. Allerdings werden natürlich auch die „weißen Flecken“, also die Themenbereiche, die noch nicht aufbereitet sind, weniger. Allenfalls bei lokalen Themen gibt es noch Freiräume.

Was war Ihr letzter Wikipedia-Beitrag?

THIES: Da ging es um Niederzeuzheim. Ein Autor hat die Bahnlinie durch den Ortsteil von Hadamar erwähnt und nicht nur die Eckpunkte der Linie, sondern alle dazwischen liegenden Stationen genannt. Das schien mir zu viel. Die Zwischenhalte habe ich gelöscht.

Zur Startseite Mehr aus Limburg

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse