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Die sechziger Jahre wurden wieder lebendig

Sie begeisterten ihr Weilburger Publikum: Die Chansonsängerin Ulrike Neradt und Gitarrist Klaus Brantzen.	Foto: Müller Sie begeisterten ihr Weilburger Publikum: Die Chansonsängerin Ulrike Neradt und Gitarrist Klaus Brantzen. Foto: Müller
Weilburg. 

„Gäbe es keine Schafe, hätten wir heute kein Publikum“, begrüßte Klaus Brantzen das Publikum in der Oberen Orangerie. Zusammen mit der Kabarettistin und Chansonsängerin Ulrike Neradt und dem Pianisten Jürgen Streck präsentierten sie dem Weilburger Publikum ihr Programm „Wir sind so frei!“

Mit viel Wortwitz, aber auch tiefsinniger Sprache entführten die drei Künstler ihre Zuhörer zunächst in die Anti-Gesellschaft der 60er Jahre. Beide Herren traten in schwarzen Anzügen auf, Ulrike Neradt im „kleinen Schwarzen“, drapiert mit einem knallroten Schal, der auch als Kopfschmuck diente. In einem geschichtlichen Überblick erinnerten sie an wichtige Ereignisse aus dem Jahr 1961, so den Mauerbau und die erste Anti-Baby-Pille, und untermalten dies mit Musik von Friedrich Holländer, der 1930 mit der Musik zum Film „Der blaue Engel“ berühmt wurde.

Um die Etikette ging es in den nächsten Texten. Ulrike Neradt trug vor, was man alles nicht macht und was eine Frau für das Wohl ihres Mannes am Abend zu tun hat. Diese Aufzählung würde heutzutage zu einigen Euro in der „Chauvi-Kasse“ führen. Über die politischen Aktivitäten der 68er-Bewegung führte das Programm nach Österreich zu Georg Kreislers Musical für eine Schauspielerin „Heute Abend: Lola blau“, das 1971 uraufgeführt wurde. Begriffe wie Heimat und Zuhause wurden ebenso definiert wie die Tatsache, dass Amerikaner keine Kultur haben.

Selbstgefälliger Bischof

Die Liebesbeziehung zwischen Aristoteles Onassis und Maria Callas diente Wolfgang Neuss, einem der frechsten Kabarettisten aus den Sechzigern, als Vorlage für „Das Lied der Circe“. Darin wird die Geschichte des Odysseus auf die Schippe genommen, etwa wenn Circe doppeldeutig spricht: „Schwein muss man haben bei der Zauberei.“ Klaus Brantzen begleitete sich auf der Gitarre bei „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ von Franz-Josef Degenhardt, einem Lied über die Diskriminierung von Arbeiterkindern. Von Rudolf Rolfs, dem Gründer des Frankfurter Theaters „Die Schmiere“, stammt der Dialog eines Kindes mit seinem Vater über Marxismus. Wolfgang Neuss ließ einen „selbstgefälligen Bischof“, der Wahlhilfe für die Parteien mit dem „C“ leistet, zu Wort kommen, und die drei Akteure auf der Bühne wiesen darauf hin, dass in Bayern damals die katholische Kirche verkündete, dass SPD wählen eine Sünde sei, die gebeichtet werden müsse.

Weiter ging es im Programm mit Spießern, den Allzweckfeinden für alle, gefolgt von einem Gebet der Eltern vor der Zeugung. Die sexuelle Revolution war ebenso Thema wie die Enzyklika von Papst Paul VI., auch als „Pillen-Paul“ bekannt geworden. Nach einer Art „Stille Post“ über eine militärische Ankündigung hinunter durch alle Hierarchien forderten die Drei, unterstützt durch Tiroler Hut und Hackbrett, mit Kreisler dazu auf: „Geh’n wir Tauben vergiften im Park“.

Kein anziehender Beruf

Klaus Brantzen interpretierte Franz-Josef Degenhardts Lied „Ich möchte Weintrinker sein“, Ulrike Neradt, nun komplett im knallroten Outfit, sang lasziv das „Lied von der Stripperin“ und stellte fest, dass dies „ein ganz und gar nicht anziehender Beruf“ sei. Frau Möllemann musste bei einem gemeinsamen Nachtclub-Besuch mit ihrem Mann feststellen, dass er dort nicht zum ersten Mal war. Das Trio auf der Bühne erinnerte dann an den hohen Stellenwert der „Bravo“ für die Jugendlichen von damals. Da gab es Aufklärung in Sachen Liebe, aber auch die berühmten Star-Schnitte. Für die lebensgroßen Beatles etwa habe man 44 Wochen „Bravo“ kaufen müssen. Auch „Emma“ und Alice Schwarzer fanden Erwähnung, als es um die Gleichberechtigung der Frauen ging. Das „Lied vom Nowak“ und das „Vater unser des Kapitalismus“ beendeten ein sehr abwechslungsreiches Programm, und bei den Zugaben kamen dann auch noch Reinhard Mey und die Beatles zu Wort.

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