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Kleines Museum in Villmar: Dieser Mann sammelt seltene Schmuckstücke aus Haaren

Mit Haaren versehene Schmuckstücke sind Kleinode, die hierzulande nur selten zu finden sind. Der Villmarer Sammler Adolf Horz hat in seinem Privathaus gleich ein ganzes Museum eingerichtet, das er nun auch für interessierte Besucher öffnen will.
Adolf Horz (61) in seinem kleinen Museum in der Gemeinde Villmar, hier mit zwei Exponaten in der Hand. Adolf Horz (61) in seinem kleinen Museum in der Gemeinde Villmar, hier mit zwei Exponaten in der Hand.
Villmar.   

Im Jahr 1990 hat der Wahl-Villmarer Adolf Horz begonnen, in seinen Privaträumen ein kleines Museum („Le Petit Musée“) einzurichten. Seine Sammlung von Haarschmuck als europäisches Kulturerbe möchte der heimische Sammler nun der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Filigrane Arbeiten sind diese beiden aus menschlichem Haar gefertigten Schmuckstücke. Bild-Zoom
Filigrane Arbeiten sind diese beiden aus menschlichem Haar gefertigten Schmuckstücke.

Vor vielen Jahren hat Horz per Zufall in einem Limburger Antiquitätengeschäft eine Brosche entdeckt, die mit menschlichen Haaren verziert war. „Die wirkte wie ein Magnet auf mich“, erinnert er sich. In Deutschland sei solcher Schmuck sehr selten, wurde er doch als Trauerschmuck vor allem in England gefertigt. Trauernde ließen Haare des Verstorbenen in ein Schmuckstück einarbeiten, um so eine Erinnerung an den lieben Verwandten oder Freund zu haben. Auswanderer brachten diese Tradition später auch in die USA, während sie in Deutschland nie eine große Rolle gespielt habe, erzählt der Sammler.

„Lerne was Anständiges“

Wer Adolf Horz’ Privathaus betritt, fühlt sich mit Blick auf seine Möbel und Bilder in frühere Zeiten versetzt. Inspiriert hat ihn seine Heimat Merenberg, wo er aufgewachsen ist. Die alte Burg dort habe ihn als Kind fasziniert. „Wir Kinder haben dort nach Schätzen gegraben“, erzählt der 61-Jährige. Damals habe er beschlossen, Museumsleiter zu werden. Doch zunächst kam es für den Spross einer Unternehmerfamilie ganz anders. Als sein Vater im Alter von nur 41 Jahren überraschend verstarb, musste die Mutter die Firma abgeben und sich den Lebensunterhalt mit einer Gaststätte verdienen. Adolfs Großvater ermahnte den Enkel: „Lerne was Anständiges.“ Adolf Horz, der eigentlich Archäologie studieren wollte, beugte sich dem Druck. Ein Fehler, sagt er heute. Zwar habe er die Ausbildung zum Feinmechaniker problemlos abgeschlossen und in diesem Beruf jahrelang auch erfolgreich gearbeitet, doch die große Erfüllung gefunden habe er nie. Wenn er die Zeit noch einmal zurückdrehen könnte, würde er sich seinem Opa widersetzen, ist er überzeugt. „Ich hätte meinem Herzen folgen sollen. Zu meiner Jugendzeit war es noch möglich, ohne Studium eine Anstellung in einem Museum zu bekommen“, sagt der Villmarer. Und er ergänzt: „Zur Not hätte es mir schon gereicht, im Keller zu stehen und die Exponate abzustauben.“ Vor allem das Kunstmuseum „Städel“ in Frankfurt wäre für ihn sehr reizvoll gewesen, wie er sagt.

Die Liebe zum Museum hat er dennoch nie aufgegeben. Als Autodidakt begann er, sich die Kenntnisse über alte Kunst anzueignen und begann 1989 mit seiner Sammelleidenschaft, zunächst in Geschäften und auf Märkten, heute vorwiegend im Internet, mit dem er enge Kontakte internationalen Kunsthändlern Händlern pflegt. Nach der Vergrößerung seines Hauses im Jahr 1990 hatte Horz endlich die Möglichkeit, drei Zimmer zu einem „kleinen Museum“ einzurichten. Manchmal schimpft seine Frau, wenn er im Hochsommer die Zimmer nicht lüftet und die Rollläden unten lässt. „Aber es gibt auf die Dauer nichts Tödlicheres für die Bilder als UV-Licht“, sagt er.

Ältester Ring von 1806

Außerdem muss er schauen, dass das Raumklima stimmt. Deshalb bleiben bei dem derzeit nasskalten Wetter die „Schotten“ dicht, um bloß keine Feuchtigkeit an die Bilder kommen zu lassen. In seinen Museumsräumen will Horz auch keine heutigen Gegenstände haben – abgesehen von einem Buch, mit dem er sich gelegentlich zum Entspannen in seine Welt zurückzieht.

Horz’ Haaarschmuckstücke in seinem kleinen Privatmuseum stammen vor allem aus dem 19. Jahrhundert. Der älteste Ring datiert aus dem Jahr 1806. Es gab laut Horz aber auch Freundschaftsschmuck aus Haaren, die zu tollen Motiven wie beispielsweise einem Blumenstrauß oder einer Muschel verarbeitet werden konnten. Leider sei diese Tradition mittlerweile überholt. Der Haarschmuck von früher erziele unter Kennern hohe Preise. Deshalb muss Adolf Horz viel im Internet recherchieren, um an neuen, bezahlbaren Originalschmuck von damals zu kommen. Alter Haarschmuck reizt ihn aber so sehr, dass er ihm den Zeit- und nicht unerheblichen Geldaufwand wert ist. „Der hohe Wert dieser Kunstwerke aus Haar liegt nicht nur in ihrer historischen und soziologischen Bedeutung als Ausdruck der Werte, Sitten und Brauchtümer einzelner Menschen und ganzer Gesellschaften vergangener Jahrhunderte“, sagt der Sammler. Die besondere Bedeutung ergebe sich auch daraus, dass jedes handgefertigte Schmuckstück ein Unikat sei. Jedes einzelne Teil besitze zudem einen ideellen Wert, sagt Horz. „Aus menschlichem Haar gefertigte Schmuckstücke drücken durch ihre Symbolik ein starkes persönliches Gefühl, etwa Freundschaft, Liebe oder Trauer eines oder mehrerer Menschen aus“, erläutert der Villmarer Experte. Dies zeige sich auch an der Sorgfalt und Liebe, die für die Anfertigung der Objekte aufgebracht wurden sowie an der Sensibilität und Kreativität, die sie ausdrücken. Horz berichtet: „Mut zum Gefühl und Kult der Freundschaft brachten im Zeitalter von Goethes ’Werther’ Schmuckstücke in Mode, die in erster Linie der daran geknüpften persönlichen Beziehungen wegen getragen wurden.“

Alle diese Armbänder, Ringe, Broschen und Anhänger, die an sich schon reizend seien, hätten durch ein Miniaturbildnis eine Haarlocke oder wenigstens einen Namenszug für die Träger eine ganz besondere Bedeutung. Hielten sie doch häufig die Erinnerung an einen geliebten Toten wach. Im 19. Jahrhundert sei dies ein verbreitetes Phänomen gewesen. Derartige Arbeiten, von den Schenkern häufig sogar selbst hergestellt, dienten aber auch der Erinnerung an ein herausragendes Ereignis im menschlichen Leben. Der Übergang von Liebes- und Freundschaftsschmuck zu Trauerschmuck sei fließend, schließlich konnten die Menschen ihrer Toten auch in Liebe gedenken. Horz verrät: „In der volkstümlichen Forschung ist wiederholt vermutet worden, dass die Ursprünge des Schmucks aus Haar im Trauerschmuck zu finden sind.“

Reliquienkult

Ein besonders enger Zusammenhang wird zwischen dem Aufkommen des Schmucks aus menschlichem Haar und der Wiederbelebung des Reliquienkults zu Beginn des 19. Jahrhunderts gesehen. Der rationale Geist der Aufklärung im 18. Jahrhundert einerseits und die Empfindsamkeit andererseits hätten Schmuckstücke entstehen lassen, die nach Einschätzung von Horz „säkularisierte und subjektivierte Reliquienschreine im Kleinstformat“ waren.

Wer den Schmuck von Adolf Horz gerne einmal in Ruhe im „Le Petit Musée“ bewundern möchte, kann mit ihm unter Telefon:  (0175) 7 41 94 60 einen Besuchstermin vereinbaren. Der Eintritt ist frei.

(rok)
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