Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Durchs literarische Absurdistan

Von Zu einem furiosen Auftakt der Kultur-Veranstaltungsreihe t’Art-Orte luden Schauspieler Moritz Stoepel und Cellist Christopher Herrmann am vergangenen Freitag in die Freiherr-von-Schütz-Schule ein und boten ein zweistündiges Programm mit musikalisch-literarischem Irrwitz.
„Ein Stern und sieben Kazamogipuffel macht 13 Zakopaddogai“ – das ist Dadaismus in schönster Vollendung, präsentiert von Schauspieler Moritz Stoepel und Cellist Christopher Herrmann.	Fot: Bohnhorst-Vollmer „Ein Stern und sieben Kazamogipuffel macht 13 Zakopaddogai“ – das ist Dadaismus in schönster Vollendung, präsentiert von Schauspieler Moritz Stoepel und Cellist Christopher Herrmann. Fot: Bohnhorst-Vollmer
Bad Camberg. 

Damit der Abend nicht wegen einer Überdosis philosophischen Verstehenwollens scheitert, gibt Schauspieler, Sänger und Musiker Moritz Stoepel dem Publikum gleich zu Beginn eine Entwarnung: „Sie müssen nicht alles verstehen.“ Wenn Stoepel also augenrollend rezitiert, „ein Stern und sieben Kazamogipuffel macht 13 Zakopaddogai“, darf man sich einfach nur amüsieren wollen. Aber Appetit auf diese Form der geistigen Nahrung sollte man haben. Den haben die Gäste in der Aula der Freiherr-von-Schütz-Schule.

Das Literaturtheater vom Züricher Dadaismus des Weltkriegsjahres 1916 bis zur Wiener Gruppe, die ihre lautmalerischen Absurditäten in den 50er und 60er Jahren vorangetrieben haben, lebt gleichermaßen von Einsamkeit und Melancholie wie von Originalität und Irrwitz. Es ist eine Melange aus Genialität und Wahnsinn. Wie viel von dieser Mischung man zulassen, also verstehen will, mag jeder selbst entscheiden. Die dadaistischen Neigungen von Moritz Stoepel und seinem Musik-Partner Christopher Herrmann scheinen allerdings grenzenlos zu sein.

Alles ist „Dada“, das ist die Botschaft, die Cellist Herrmann mit einem saftig gestrichenen Muhen unterlegt, während Stoepel nach veritablen Bell-, Heul- und Fauchbeiträgen ruft: „Ich bin der große Gaukler.“ Dazu lässt er einen Glöckchenbaum erklingen, flattert ein wenig und erklärt feierlich die Eröffnung des „Cabaret Voltaire“ in der Züricher Spiegelgasse: Es ist Februar 1916. Hugo Ball, Hans Arp und Emmy Hennings beginnen, ihre Sprach- und Wortspielerein, ihre Lautgedichte öffentlich vorzutragen.

Hans Arps „Eierbrett“ etwa, dessen gesellschaftsspielerischen Sinn oder Unsinn Moritz Stoepel wundervoll präsentiert. „Durch den Gaumen gepresstes Sitzfleisch rutscht wieder an seine Stelle“, deklamiert er vergnügt und erklärt das Unerklärliche. Einen Zusammenhang nämlich zwischen gekochtem Huhn, Spielleiter und einem auf einen Baum fliegenden Ei, dessen Bebrütung den Eierbrett-Sieg bedeutet – und wenn nicht, dann ist wenigstens für beste Unterhaltung gesorgt. Die Teilnehmer an diesem dadaistischen Gipfeltreffen rasen vor Begeisterung.

Währenddessen greift Christopher Herrmann zur Gitarre, um das melancholische Gedicht „Lass uns gehen“ zu begleiten, drückt die Tasten des Akkordeons, um Stoepels Rezitation von Emmy Hennings Frage „Bist du die Heimat?“ mit langem Seufzen zu beantworten. Auch Klavier, Klarinette und Violine spielt Herrmann an diesem Abend. Am eindringlichsten aber ist der Musiker mit seiner stillen, geradezu introvertierten Cello-Komposition zu Hugo Balls „Totentanz“ und mit seiner Hommage an den österreichischen Dichter, Dandy und Dadaisten Konrad Baier.

Großmutter der Butter

Dazwischen flirrt Moritz Stoepel mit einer Kurt-Schwitters-Anekdote über verlorene und wiedererlangte Hüte und noch nicht gefundene Frauen, die „kopf- und stopflustig“ sein sollen und – notfalls – auch mit „Montagezähnen“ akzeptabel wären. Oder Stoepels Darbietung des Schwitterschen Verwandtschaftsbeziehungen im Tierreich, wonach die Kuh die Mutter der Milch und die Großmutter von Butter und Käse ist. Das alles ist „fabelhaft“, redet Stoepel sich virtuos in einen Temporausch, „weil wir uns leisten können, was wir uns leisten können“ – was in beinahe unerschöpflichen Betonungsvarianten so genüsslich ausgebreitet wird, dass man diese Nummer am liebsten der Werbeagentur eines Kreditinstituts empfehlen möchte. Weltweise breitet Stoepel die Arme aus: „Ich möchte sagen – einfach fabelhaft.“

Fabelhaft ist auch Stoepels und Herrmanns Interpretation von Gerd Rühms Liebesgedicht, die endgültig alle Grenzen des literarischen Wahnsinns durchbricht. „Ich küsse heiß den warmen Sitz, da wo du breit gesessen bist“, heißt das Grundthema, dessen Verdrehung scheinbar ebenso endlos erfolgt wie Hans Artmanns poetische Betrachtung „Die Drosseln des Wahnsinns verbluten in meinem Garten aus geometrischen Fontänen“. Überraschend ist es nicht, dass nach ausgiebigem Wortverdrehen der „geometrische Wahnsinn“ verblutet oder verdrosselt oder gärtnert. „Sie müssen nicht alles verstehen.“

Zur Startseite Mehr aus Limburg

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse