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Betreuung für Asylbewerber: Ein Treffpunkt für Flüchtlinge

Von 200 Männer, Frauen und Kinder aus einer Vielzahl von Nationen betreut die Stadt Weilburg in ihrem „Treffpunkt“ im ehemaligen MAN-Gebäude in Waldhausen. Hier vertreiben sich die Asylbewerber nicht nur die Zeit, sie lernen auch die ersten Worte Deutsch und deutsche Sitten kennen.
Ein farbenfrohes Willkommenstransparent empfängt die Besucher des Weilburger „Treffpunkts“ Bilder > Ein farbenfrohes Willkommenstransparent empfängt die Besucher des Weilburger „Treffpunkts“
Weilburg-Waldhausen. 

„Welcome to Weilburg“ steht in regenbogenfarbenen Lettern am Eingang zum „Treffpunkt“ für Flüchtlinge auf dem ehemaligen MAN-Gelände in Waldhausen. Seit 18. September betreibt die Stadt Weilburg – bisher auf eigene Kosten – hier einen Freizeittreff für das gleich gegenüber gelegene Flüchtlingslager. Der „Treffpunkt“ ist – der Name deutet es schon an – zur Begegnungsstätte für Menschen aus vielen Nationen geworden; 200 Kinder und Erwachsene kommen hier täglich zusammen. Der Treffpunkt ist aber auch ein Beispiel für ein außerordentliches Engagement von Bürgern der Residenzstadt an der Lahn. 150 Ehrenamtliche, vom Schüler bis zum Rentner, schätzt Knut Rehn, Flüchtlingskoordinator in der Stadtverwaltung Weilburg, sind hier mehr oder weniger regelmäßig tätig.

Mit Händen und Füßen

Mehr als 600 Menschen, die auf engem Raum leben und keiner geregelten Beschäftigung nachgehen, – dass diese Situation immer wieder zu Konflikten führt, zeigte sich gerade in den letzten Wochen. Auch die Erstaufnahmeeinrichtung in Waldhausen blieb davon bisher nicht verschont, wenngleich hier die Lage noch vergleichsweise ruhig ist, wie Knut Rehn berichtet. Um den Asylbewerbern wenigstens ein paar Abwechslungsmöglichkeiten zu verschaffen – dafür wurde gleich nach Errichtung des Aufnahmelagers der „Treffpunkt“ ins Leben gerufen. 10 000 Euro stellte die Stadt dafür spontan zur Verfügung, außerdem fließen Spenden; auch das Regierungspräsidium Gießen versprach finanzielle Unterstützung, die allerdings bisher ausblieb.

Nicht nur Freizeitbeschäftigung wie Tischfußball, Billard oder Tischtennis werden in den alten Industriehallen des Treffpunkts angeboten: Durchschnittlich 60 Migranten erlernen hier ihre ersten Worte Deutsch; der Unterricht wird ebenfalls ehrenamtlich von Lehrern gehalten. Deutsch-Unterricht mit Menschen aus fünf verschiedenen Nationen? „Mit Händen und Füßen läuft das“, berichtet Schulsozialarbeiter Thorsten Hänsel, der ansonsten in der Mankel- und der Heinrich-Gagernschule Weilburg tätig ist. „Unterrichtet wird wie in der Grundschule – mit Anlauttabelle und Bildern“. Eine weitere Hürde sind krasse Bildungsunterschiede unter den Migranten. Hänsler: „Da gibt es Leute mit Hochschulabschluss und solche, die kaum lesen und schreiben können.“

120 Kinder

Zum Treffpunkt gehört außerdem eine Kleiderkammer, in der sich Flüchtlinge mit dem Notwendigen versorgen können. Die Kleider stammen aus Spenden. Bei schönem Wetter steht auch der Hof zur Verfügung, für Volleyball oder Fußball. Ein weiteres Aufgabenfeld für die Weilburger Flüchtlingshelfer ist die Betreuung eines Teils der rund 120 Kinder, die in der Erstaufnahmeeinrichtung leben. Mit ihnen wird gebastelt, Musik gemacht und gespielt. Eine Arbeit, die Knut Rehn für besonders wichtig erachtet. „Viele Kinder, die bei ihrer Ankunft ganz grau im Gesicht sind von den Strapazen der langen Reise blühen schon nach wenigen Wochen richtig auf“, berichtet er.

Weiterhin steht ein Aufenthaltsraum mit Küche zur Verfügung, in dem die Flüchtlinge Kaffee und Tee kochen und sich mit gespendeten Kuchen von örtlichen Bäckereien verpflegen können. Da wird gelacht, geklönt und auch diskutiert. „Streitgespräche über Religion oder Politik sind allerdings unerwünscht“, so Rehn. Die Hilfe für einen gelungenen Start in einem fremden Land steht klar im Vordergrund. „Wir kümmern uns um die Menschen, die uns anvertraut sind.“ Große Unterstützung leiste dabei unter anderem die türkisch-islamische Gemeinde Weilburg, die den Frauen beispielsweise Möglichkeiten zum Duschen anbiete oder auch mal ein Essen oder ein Fest organisiere. Bis zu 300 Flüchtlinge besuchen die nahegelegene Moschee zum Freitagsgebet.

Gegen den „Lagerkoller“

Obwohl es auch in Waldhausen gelegentlich zu handgreiflichen Auseinandersetzungen unter den Flüchtlingen kommt – grundsätzliche Probleme aufgrund unterschiedlicher Nationalitäten oder Kulturen sehen Rehn und Hänsler nicht. Der überwiegende Teil der Flüchtlinge stammt aus Syrien, gefolgt von Eritreern, Somaliern, Afghanen, Pakistani und – mit schwindener Tendenz – vom Balkan. „Probleme entstehen eigentlich nur aus dem Alltag heraus“, erzählt Thorsten Hänsler, zum Beispiel, wenn nachts Leute in einen Raum kommen, in dem schon 200 Menschen schlafen.“

Umso wichtiger sei der Treffpunkt, um einem drohenden „Lagerkoller“ zumindest ein Stück weit entgegenzuwirken. „Das ist kein Schönreden, aber insgesamt ist bei uns alles sehr verträglich“, stimmen Rehn und Hänsler überein; Probleme wie beispielsweise in Limburg-Staffel gebe es nicht. Auch das Zusammenleben in dem 1200 Einwohner großen Waldhausen, dessen Bevölkerungszahl sich fast über Nacht um rund die Hälfte vergrößerte, laufe weitgehend reibungslos. Natürlich komme auch schon mal ein etwas ungehaltener Anruf eines Bürgers, der sich darüber beschwert, dass Leute in seinem Vorgarten spazieren oder über den Gartenzaun klettern – ein Verhalten, das Rehn auf kulturelle Unterschiede und nicht etwa auf Respektlosigkeit zurückführt. Und dass so mancher vor allem jugendliche Flüchtling auch gelegentlich dem Alkohol zuspricht, wollen Rehn und Hänsler nicht verhehlen.

Finanzierung offen

Im „Treffpunkt“ versuchen die Helfer, den Flüchtlingen wenigstens einige Grundlagen der „deutschen Sitten“ näherzubringen. „Dazu gehört beispielsweise, dass man einigen erst einmal zeigen muss, wie eine deutsche Toilette funktioniert“, berichtet Rehn. Auch Einkaufen in einem Supermarkt will für manch einen Zugewanderten gelernt sein. Es gebe Leute, so Rehn, denen müsse erst beigebracht werden, dass man im Laden nicht einfach die Packungen aufreißt.

Auf Dauer wird sich der Weilburger Treffpunkt mit ehrenamtlicher Arbeit allein nicht aufrechterhalten lassen – da sind sich Rehn und Hänsler sicher. Hauptamtliche Kräfte müssten her – doch die kosten Geld, das Weilburg als Schutzschirmgemeinde nicht hat. Deshalb hofft Rehn dringend auf finanzielle Hilfe aus Gießen. „Wenn die nicht kommt, müssen wir bald schließen“, befürchtet er. Dabei sei die Arbeit im „Treffpunkt“ ungeheuer wichtig, ist Rehn überzeugt, für den die Flüchtlingsbetreuung längst zu einer Herzensangelegenheit geworden ist, der er auch in seinem in einigen Monaten bevorstehenden Ruhestand noch nachgehen möchte. „Wir brauchen hier einen langen Atem. Wenn wir es nicht schaffen, diesen Menschen eine Bleibe zu bieten, dann ist unsere ganze christliche Kultur nichts wert.“

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