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Ein teurer Fehler des Sozialamts

Von Es geht nicht allein um das viele Geld, das einem Ehepaar aus Oberzeuzheim für ihren schwerstbehinderten Sohn vom Staat zugestanden hätte, und das sie aufgrund eines Fehlers des Sozialamts jahrelang nicht bekommen haben. Es geht vielmehr darum, wie mit diesem Fehler umgegangen wird, der sich über mehrere Jahre auf eine Summe von knapp 11 000 Euro summiert hat. Und es geht darum, wie schwer es für manche Bürger ist, mit Landrat Manfred Michel (CDU) ins Gespräch zu kommen.
Mechtilde und Helmut Pleh aus Oberzeutheim mit ihrem Sohn Maximilian. Foto: Dickmann Stefan Mechtilde und Helmut Pleh aus Oberzeutheim mit ihrem Sohn Maximilian.
Hadamar-Oberzeuzheim. 

Maximilian Pleh aus Oberzeuzheim kann sich nicht bewegen. Er kann nicht sprechen. Er kann nicht schlucken. Er ist blind. Er ist 26 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl.

Durch eine Hirnblutung als Baby – er kam viel zu früh mit einem Gewicht von nur 960 Gramm auf die Welt – ist er schwerstbehindert.

Seit 2011 muss er zudem von seinen Eltern Helmut und Mechtilde Pleh, beide 64 Jahre alt, künstlich über eine Sonde ernährt werden; vorher konnte er noch schlucken.

Wache Augen

Sein Leibgericht ist Käsesahne. Den bekam er oft in einer Krankenhaus-Cafeteria zur Belohnung nach einer Untersuchung. Dort stand eine alte Registrierkasse, die laut klingelte, wenn sie geöffnet wurde. „Immer wenn Max die Registrierkasse gehört hat, ist er fast aus dem Rollstuhl gesprungen, weil er wusste: Gleich gibt es Käsesahne“, sagt sein Vater, ein ehemaliger Berufssoldat, der immer sehr ruhig spricht, während seine Frau die Temperamentvollere ist.

Bei Maximilian Pleh fallen zunächst seine wachen Augen auf, die ständig in Bewegung sind. Seine Eltern wissen anhand seiner Mimik und wie er den Kopf dreht, ob es ihm gut geht oder ob er nervös ist.

„Nicht aufgeklärt“

Seit seinem 18. Lebensjahr hat er Anspruch auf Grundsicherung, die das Sozialamt des Landkreises ihm auch gewährt. Allerdings unterlief der Behörde ein schwerer Fehler – das Sozialamt rechnete Maximilian Pleh das Kindergeld als Einkommen an, obwohl es den Eltern zusteht und reduzierte die Grundsicherung um diesen Betrag seit August 2007. Das Ehepaar bemerkte den Fehler nicht, „weil wir nicht aufgeklärt wurden“, sagt seine Mutter. „Wir waren damals froh, dass er Grundsicherung bekommen hat“, sagt sein Vater.

Erst sieben Jahre später, im Sommer 2014, stellte sich heraus, dass etwas mit der staatlichen Zuwendung, die mal bei 223 Euro im Monat lag und später bei mehr als 300 Euro, etwas nicht stimmt.

Herber Rückschlag

„Ich habe mit einer Bekannten in Rennerod telefoniert, die auch ein behindertes Kind hat, und sie bekam deutlich mehr“, sagt Mechtilde Pleh. „Dann haben wir recherchiert und festgestellt, dass es eine Differenz gibt in der Höhe des Kindergeldes“, sagt ihr Mann.

Kurz darauf stellte das Ehepaar am 29. Juli 2014 beim Landkreis einen Überprüfungsantrag, der nach knapp sechs Wochen ergab: Bei der Berechnung der Grundsicherung gestand das Sozialamt des Landkreises ein, das Kindergeld hätte nicht als Einkommen angerechnet werden dürfen.

Zwar bekam das Ehepaar aus Oberzeuzheim das Kindergeld für die zurückliegenden 21 Monate erstattet, aber eben nur bis zum 1. Januar 2013 – angeblich ist die Gesetzeslage so. Der Zeitraum von der Antragstellung 2007 bis Ende des Jahres 2012 bleibt unberücksichtigt; er ist quasi verjährt.

Für das Ehepaar ein herber Rückschlag – immerhin handelt es sich um eine Gesamtsumme von knapp 11 000 Euro. Geld, das das Ehepaar dringend braucht, um sich ein neues behindertengerechtes Fahrzeug für ihren Sohn leisten zu können. Denn der bisherige Wagen, vor vier Jahren gebraucht gekauft, ist mittlerweile 18 Jahre alt.

Wie konnte das passieren?

„Wir haben natürlich das Gespräch mit der Leiterin des Sozialamts gesucht und sie gefragt, wie der Fehler passieren konnte“, sagt Helmut Pleh, „aber eine Antwort konnte sie uns darauf nicht geben.“

Im März dieses Jahres bat das Ehepaar nach eigenen Angaben im Büro von Landrat Manfred Michel (CDU) um einen Gesprächstermin. „Seine Sekretärin sagte uns, das könne bis zum Sommer dauern“, sagt Helmut Pleh.

Doch bis zum Juni passierte – nichts.

„Dann habe ich den Landrat zufällig in einem Café sitzen sehen, wir kennen uns, und habe ihn auf den Gesprächstermin und unseren Fall angesprochen“, sagt Helmut Pleh. „Er hat sich meine Nummer aufgeschrieben und gesagt, er meldet sich.“

Doch bis Ende August passierte – nichts.

Dann wandte sich das Ehepaar an die FNP. Und plötzlich passierte etwas: Der Sprecher des Landkreises, Bernd Kexel, nahm sofort Kontakt mit dem Ehepaar auf und versprach, eine Lösung zu finden.

Kexel sprach offenbar mit der Lebenshilfe und bat dort um Hilfe für Maximilian, was Mechtilde Pleh noch immer sehr peinlich ist. „Ich will das, was dem Max zusteht, vom Landkreis und nicht von einem Verein, der auf Spenden angewiesen ist“, sagt sie energisch.

Dann teilte Kexel der Familie nach ihren Angaben mit, es sei auch möglich, beim Landeswohlfahrtsverband einen Antrag zu stellen – für einen Zuschuss für ein behindertengerechtes Auto. „Allerdings wurde uns von der Sachbearbeiterin beim Sozialamt gleich gesagt, dass die Chancen für einen Zuschuss schlecht stehen“, sagt Helmut Pleh.

Gespräch am Mittwoch

„Ich bin vom Landrat sehr enttäuscht“, sagt Helmut Pleh. „Wenn er bei uns angerufen hätte, sich die Akte angeschaut und gesagt hätte, wir können nichts machen, dann wäre das okay gewesen.“ Aber es kam kein Anruf.

Das änderte sich erst am vergangenen Donnerstag. Nachdem die FNP sich erneut nach dem Fall Pleh beim Landkreis erkundigt hatte, meldete sich Landrat Manfred Michel (CDU) bei der FNP und teilte mit, er sei persönlich um eine Lösung bemüht und werde sich mit den Eltern treffen.

Kurz darauf bekam das Ehepaar Pleh einen Gesprächstermin bei Michel am kommenden Mittwoch.

„Wir haben immer versucht, alles in Eigenregie zu stemmen“, sagt Helmut Pleh schließlich leise.

Es ist die Geschichte, die alle Eltern von schwerstbehinderten Kindern kennen: die vielen Arztbesuche, die vielen Operationen, die Krankengymnastik, die ständigen Anträge – und immer wieder frustrierende Erlebnisse mit Behörden.

Oder der Kampf um die richtigen Medikamente. Maximilian Pleh benötigt eins gegen Sodbrennen. Die Krankenkasse zahlt nach Angaben des Ehepaars nur für ein günstiges Präparat, das er aber nicht nehmen kann, weil es per Sonde in den Magen gegeben werden muss, was mit dem günstigen Medikament nicht geht. Also zahlt das Ehepaar das deutlich teurere Medikament aus eigener Tasche.

Maximilian Pleh wird von Montag bis Freitag mit einem Bus abgeholt und zur Tagesförderstätte nach Heuchelheim gebracht, wo er von 9.30 bis 15 Uhr betreut wird.

Wenn er wieder zu Hause ist, schaltet seine Mutter den Fernseher ein, denn dann läuft „Sturm der Liebe“, eine Sendung, die Maximilian gerne hört. Auch „Das perfekte Dinner“ und die „Lindenstraße“ sind Sendungen, die er sehr mag. Er hört auch sehr gern Musik und Vogelstimmen – seine Eltern haben auf der Terrasse einen großen Käfig mit sieben Kanarienvögeln.

„Er macht uns sehr viel Freude“, sagt seine Mutter. „Wir haben es nicht einfach gehabt, aber der Max ist unser Sonnenschein!“

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