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Erinnerungen an das europäische St. Petersburg

Mit einer hübschen Idee und einem reizvollen Programm überraschte die Alte Musik im Weilburger Schloss bei ihrem Oktoberkonzert die Zuhörer.
Kleines Orchester klang ganz groß: The Pocket Symphony Moskau.	Foto: Zimmermann Kleines Orchester klang ganz groß: The Pocket Symphony Moskau. Foto: Zimmermann
Weilburg. 

Unter dem Titel „Europäisches St. Petersburg“ gab das international gefeierte Moskauer Orchester „The Pocket Symphony“ unter seinem Gründer und Leiter Nazar Kozhukhar auf historischen Instrumenten der klassischen Epoche ein Konzert in der Art, wie man es an russischen Adelshöfen zur Zeit Katharinas der Großen aufzuführen pflegte. Auf musikalische Weise rief so das achtköpfige Ensemble kontrapunktisch zu den heutigen turbulenten Zeiten die große europäisch geprägte kulturelle Tradition Russlands wieder stärker ins Bewusstsein.

Und das mit Komponisten, deren Namen hierzulande nicht eben häufig auf den Programmzetteln zu lesen sind: Dimitri Bortnjansky (1751–1825), Alexander Aljabjew (1787–1851), John Field (1782–1837) und Michael Glinka (1804–1857). Nur Joseph Haydn (1732–1809) vertrat die bekannteren Tonsetzer. Von ihm erklang die Sinfonie Nr. 94 G-Dur, die berühmte Sinfonie „mit dem Paukenschlag“. Der entpuppte sich als schräg klingender Streicherakkord, denn gespielt wurde, wie damals häufig der Fall, in einer kammermusikalischen Besetzung, hier für Streichquartett, Flöte (Maria Kalesnikava) und Fortepiano (Pavel Dombrovsky), in einem Arrangement von J. P. Salomon (1745–1815), der Haydn nach England gebracht hatte.

Die Reduktion des Orchesters entpuppte sich als Glücksfall, zeigten sich doch in dieser kleinen Besetzung die musikalischen Qualitäten und Finessen der Komposition sehr komprimiert und überzeugend. Das war auch und vor allem das Verdienst der Musiker, die die vier Sätze der Sinfonie des Wiener Meisters so klangvoll wie ein großes Orchester gaben, mit einer nuancenreichen Klangkultur, so dass man den Eindruck gewann, diese „intime“ Version ist viel interessanter als die originale Fassung. Und das Andante mit dem Paukenschlag kam gar ironisch daher.

Belgisches Fortepiano

Als großartige Entdeckungen erwiesen sich die Werke der russischen Komponisten, allen voran Dimitri Bortnjanskys einleitende dreisätzige Sinfonia Concertante B-Dur von 1790 für Fortepiano, zwei Violinen, Viola, Viola da Gamba und Fagott. Das eher ruhige Stück war leicht und beschwingt, bot reizvolle Kontraste und feine dynamische Übergänge, und das Klavier – Nachbau eines Conrad Graf-Fortepianos von 1817 des belgischen Klavierbauers Chris Maene, eigens für das Konzert nach Weilburg geholt – glänzte in großen Solopassagen mit der Entfaltung eines sehnsuchtsvollen Motivs sowie in einem sehr feinen Zwiegespräch mit der Violine, gespielt von Nazar Kozhukhar, zart umrandet von den übrigen Streichern und dem sonoren Fagott (Konstantine Yakovlev).

„Pur“ gab es das Zwiegespräch zwischen Fortepiano (Dombrovsky) und Violine (Kozukhar) anschließend in der Sonate für eben diese beiden Instrumente aus dem Jahre 1828 von Michael Glinka. Ein sehr empfindsames Stück, in dem die Violine mit hellem, angenehm warmem Ton schwebte, zunächst dominierend, ehe sich ein Dialog mit dem Klavier auf Augenhöhe entspann, in den das Fortepiano herrlich leichte, wie Quellwasser perlende Läufe einbrachte, die Violine dazu mit Pizzicati überraschte, und gemeinsame Passagen Klang und Gefühl intensivierten.

Im Nocturne für Hammerklavier von John Field von 1811 ziselierte Pianist Pavel Dombrovsky zur hellen, hohen Melodie wunderbare Basslinien, sehr empfindsam, sehr strömend, sehr leuchtend, ein Genuss. Dies war auch das 1815 entstandene Klavier-Quintett in Es-Dur von Alexander Aljabjew, ein melodienreiches In-, Mit- und Gegeneinander von Streichern und Klavier, mal lyrisch verträumt, mal rhythmisch beschwingt. Höhepunkt des Abends war das Grand Sestetto von Michael Glinka (1832) mit ungemein variationsreichen Melodie-Einfällen, die von den Musikern empathisch nachvollzogen und fast ekstatisch dargeboten wurden. Das Gefühlsspektrum reichte von heftigen Aufwallungen bis zu beschwichtigendem Gestus, mal heftig-kräftig, mal mit allerzartestem Schmelz, bestechend die Cellokantilene (Leonhard Batussek) und virtuose Läufe des Pianos. Und endend in einem furiosen Allegro con spirito, dem noch ein „in rasantem Tempo“ angefügt werden konnte. Das großartige Stück wurde von großartigen Musikern gegeben, von denen ergänzend noch Eugene Sviridov (Violine), Anna Dimitrea (Viola) und Hans-Eberhard Maldfeld genannt werden müssen. Der ungewöhnliche, umjubelte Konzertabend von „The Pocket Symphony“ wird lange in Erinnerung bleiben.

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