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Eva Siegmund erzählt phantastische Geschichten

Sie lebt in Berlin, ist in Staffel aufgewachsen und wird Ende September ihren ersten Roman in einem renom-mierten Verlag veröffentlichen, der auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wird: Eva Siegmund schreibt in „LÚM“, einer Anti-Utopie mit phantastischen Elementen, über eine 15-Jährige mit einer besonderen Gabe. Die 31-jährige Autorin will künftig nur vom Schreiben leben; demnächst wird sie mit der Arbeit zu ihrem zweiten Roman beginnen. Als Eva Hammes hat sie an der Fürst-Johann-Ludwig-Schule in Hadamar Abitur gemacht und zunächst berufliche Wege eingeschlagen, die nichts mit dem Beruf eines Schriftstellers zu tun haben. Mit NNP-Redakteur Stefan Dickmann sprach sie über ihre Leidenschaft fürs Schreiben, ihre Langeweile als Kirchenmalerin und ihre Sehnsucht nach dem Limburger Dom.
Die Schriftstellerin Eva Siegmund (31) lebt in Berlin und stammt aus Staffel.	Foto: Random House/Isabelle Grubert Die Schriftstellerin Eva Siegmund (31) lebt in Berlin und stammt aus Staffel. Foto: Random House/Isabelle Grubert

NNP: Sie bezeichnen sich selbst ironisch als „Word Nerd“. Was macht Sie im Umgang mit Worten so sonderbar und streberhaft, dass Sie sich als „Nerd“ sehen?

EVA SIEGMUND: Ich bin sehr pedantisch, wenn es um Worte, um einzelne Sätze geht. Ich achte auf jedes Wort. Wenn mir an einem Satz etwas nicht passt, dann suche ich so lange, bis ich weiß, woran es liegt. Ich möchte, dass jeder Satz einen Rhythmus hat, damit man ihn gerne liest. Ein Satz, ein Absatz, eine Geschichte muss einen Rhythmus haben, damit der Leser nicht „stolpert“. Da bin ich pingelig. Ein schlechter Schreibstil kann von einer Geschichte ablenken. Eine gut geschriebene Geschichte ist wie eine geölte Rutschbahn.

NNP: Welche Schriftsteller gefallen Ihnen?

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EVA SIEGMUND: Ich schätze die Bücher von Kerstin Gier, weil sie es schafft, mich durch einzelne Formulierungen immer wieder zum Lachen zu bringen; ich finde sie als Jugendbuch-Autorin genial. Der Held meiner Kindheit war Michael Ende, der „Die Unendliche Geschichte“ und „Momo“ geschrieben hat. Wenn es um Erwachsenen-Literatur geht, liebe ich Julie Zeh, weil sie einen Stil pflegt, der seinesgleichen sucht. Ich mag es nicht, wenn sich Schriftsteller zu wichtig nehmen und das durch ihre Sprache zeigen.

NNP: Warum haben Sie nach dem Abitur an der Fürst-Johann-Ludwig-Schule in Hadamar eine Ausbildung zur Kirchenmalerin in Bayern gemacht?

Info: Erst ein schreckliches Unglück bringt ihre Gabe hervor

Eva Siegmunds erster Roman „LÚM – Zwei wie Licht und Dunkel“ (512 Seiten) erscheint im Verlag cbt und ist von Montag, 29. September, an im Buchhandel erhältlich.

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EVA SIEGMUND: Mich interessiert so viel; viel mehr, als ich machen kann. Weil ich nach einem freiwilligen Jahr in der Denkmalpflege gern ein altes Handwerk lernen wollte, habe ich mich für eine Ausbildung zur Kirchenmalerin entschieden und bin in einem Betrieb in Oberbayern, in einem 40-Einwohner-Dorf zwischen München und Salzburg, in die Lehre gegangen. Dort habe ich zum Beispiel gelernt, Fresken, Figuren und Altäre in Kirchen zu restaurieren. Das war charakterbildend, aber leider auch langweilig. Du bist in diesem Beruf immer allein mit einem Kunstwerk. Du machst wochen- oder monatelang über Kopf die gleiche Handbewegung. Und abends kannst Du Dir sagen: Ich habe heute wieder zehn Quadratzentimeter geschafft ... Das hat mich in den Wahnsinn getrieben. Ich habe das vorher unterschätzt und etwas verklärt.

NNP: Wie sind Sie darauf gekommen, nach dieser Ausbildung ausgerechnet Jura zu studieren?

EVA SIEGMUND: Da war ich pragmatisch. Lernen fällt mir sehr leicht. Und mit Jura lässt sich alles Mögliche machen. Ich fand das Studium in Berlin zwar interessant, aber dann doch nicht so prickelnd. Ich habe mich beeilt und war froh, als ich das erste Staatsexamen bestanden hatte.

NNP: Wie sind Sie dann zur Literatur gekommen?

EVA SIEGMUND: Schon während meines Jura-Studiums zeichnete sich ab, dass ich schreiben will. Ich habe bereits in der Schule angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben, und später Wettbewerbe gewonnen. Dann bin ich von meiner jetzigen Agentur unter Vertrag genommen worden. Als sich abzeichnete, dass ich etwas veröffentlichen kann, wurde mir klar, dass ich mehr Energie für Literatur aufwenden muss. Ich musste mich zwischen Literatur und Jura entscheiden. Ich kann nicht gleichzeitig Autorin und Juristin sein.

NNP: Sie haben dann zunächst in einem Hörbuchverlag angefangen.

EVA SIEGMUND: Schon während meines Jura-Examens habe ich angefangen, dort zu arbeiten. Zunächst in der Abteilung Rechte und Lizenzen, später im Lektorat, wo mir eine feste Stelle angeboten wurde. Das war schon ein Traum. Es ist schwer, Lektor zu werden: Auf eine freie Stelle bewerben sich im Schnitt 400 Leute, die Germanistik oder Literaturwissenschaft studiert haben.

NNP: Was zeichnet einen guten Lektor aus?

EVA SIEGMUND: Einen Text mit wenigen Handgriffen zur Perfektion zu bringen und das möglichst so, dass der Autor das nicht als Angriff versteht. Ein Lektor kommt einem Autoren sehr nah. Ein guter Lektor sieht sich als Diener des Textes und drückt nicht seine Meinung durch.

NNP: Sind Sie mit Ihrem Lektor bei Ihrem Roman gut ausgekommen?

EVA SIEGMUND: Als Lektorin habe ich nach schwierigen Gesprächen mit Autoren immer gedacht: Ich wäre unkomplizierter. Ich hätte dafür Verständnis. Ich würde meinem Lektor immer entgegenkommen. Und dann, bei meinem ersten Roman, ist meine Lektorin mit einer Idee zu mir gekommen. Und ich habe gesagt: Nein, das geht gar nicht! Dabei wollte ich in dieser Situation brav sein, weil ich die andere Seite kenne. Aber das Ego des Autoren ist manchmal stärker.

NNP: Kirchenmalerin, Juristin: Warum haben Sie keinen Krimi im Kunst-Milieu geschrieben, sondern als Debüt einen Fantasy-Roman?

EVA SIEGMUND: Das ist meinem Charakter geschuldet. Alles, was ich schreibe, driftet irgendwann ins Absonderliche. Das macht mir am meisten Freude. Ich möchte ungestört eine tolle Geschichte erzählen. Wenn ich über Berlin schreibe, muss ich Berlin so beschreiben, wie es aussieht. Ich möchte aber meine eigene Welt erschaffen. Das ist für mich die schönste Art zu schreiben. Aber ich muss Ihnen widersprechen: Das Buch ist kein klassischer Fantasy-Roman. Bei Fantasy gibt es gewisse Regeln, Trolle und Elfen. Das, was ich in meinem Roman mache, ist: mich nicht komplett den Regeln der Logik zu beugen. Das ist eher Phantastik mit dystopischen, also anti-utopischen, Elementen.

NNP: Im Mittelpunkt Ihres ersten Romans steht eine 15-Jährige. Sie zählt zu einem ausgewählten Personenkreis, der eine besondere Gabe haben soll, was sich an einem speziellen Tag entscheidet. Nur stellt sich dann heraus, dass sie keine besondere Gabe hat. Scheinbar. Wie sind Sie auf diese Figur gekommen?

EVA SIEGMUND: Die Idee dazu ist mir während meines Jura-Studiums gekommen, als ich monatelang auf mein – zum Glück positives – Prüfungsergebnis warten musste. Ich war einfach so egoistisch, mir eine Leidensgenossin zu schaffen. Die Frage, die mich beschäftigt hat, war: Was ist, wenn Du es nicht geschafft hast? Wenn Du wieder von vorne anfangen musst? In dieser Situation befindet sich auch zunächst meine Figur Meleike.

NNP: Wollen Sie Ihrem Genre, also einer Anti-Utopie mit düsteren und phantastischen Elementen, bei Ihrem zweiten Roman treu bleiben?

EVA SIEGMUND: Ja, aber mit einer neuen Figur und einer ganz anderen Geschichte. Ich werde noch vor der Buchmesse in Frankfurt für vier Wochen nach Barcelona gehen, um mich dort inspirieren zu lassen: enge Gassen, dunkle Winkel, alte Gebäude, orangefarbene Laternen, das Meer. Und weil ich dort meine Ruhe habe. Keine Freunde, keine Bekannte. Ich hoffe, dass ich von meinem zweiten Buch bis Ende September eine grobe Version stehen habe.

NNP: Sie leben in der hektischen Großstadt Berlin. Haben Sie mal Sehnsucht nach Ihrer Heimat, dem beschaulichen Limburg?

EVA SIEGMUND: Limburg war für mich eine sehr schöne Stadt, um dort groß zu werden. Ich bin auch immer wieder sehr gerne da, aber Berlin ist Berlin. Da lebe ich jetzt. Da fühle ich mich wohl.

NNP: Gibt es trotzdem etwas, was Sie in Berlin an Limburg vermissen?

EVA SIEGMUND: Den Dom. Den Anblick des Doms, wie er nachts angestrahlt wird. Und bitte ohne die alte Vikarie, wie sie jetzt, nach dem Umbau, aussieht! Der Dom ist so ein schönes Bauwerk. Er ist unten romanisch und oben gotisch. Deshalb war er auch Thema in meiner Kirchenmaler-Ausbildung.

NNP: Sie haben zunächst die Marienschule in Limburg besucht und sind dann im 8. Schuljahr auf die Fürst-Johann-Ludwig-Schule in Hadamar gewechselt. Warum?

EVA SIEGMUND: Meine ältere Schwester war auf der Marienschule, also bin ich auch dorthin gegangen. Eine reine Mädchenschule war aber nichts für mich. Die vielen Mädchen haben mich kirre gemacht. Gegenüber von meiner Bushaltestelle in Staffel, wo ich auf meinen Bus gewartet habe, standen die Schüler, die zum Gymnasium nach Hadamar fuhren. Ich hatte mich über die Jahre mit diesen Kindern angefreundet. Ich wollte da hin, wo sie unterrichtet werden.

NNP: Sie haben Ihren Job als Lektorin aufgegeben und wollen nur noch vom Schreiben leben, ohne zu wissen, wie gut sich Ihr erster Roman verkaufen wird. Das ist mutig.

EVA SIEGMUND: Ja, ich weiß. Ich habe total Schiss, dass mein erstes Buch als mittelmäßig wahrgenommen wird. Aber die Hoffnung, dass ich es schaffen kann, ist groß. Meinen ersten Roman habe ich während meiner Arbeit als Lektorin geschrieben, im Urlaub und an den Wochenenden. Als ich im Lektorat anfing, konnte ich noch nicht ahnen, dass ich einen so tollen, aber auch energieintensiven Buchvertrag bekommen würde. Ich wusste einfach nicht, ob mein Buch in diesem Jahr, dem nächsten Jahr, bei einem kleinen, einem großen oder gar keinem Verlag erscheinen würde. Beides gleichzeitig – Lektorin und Schriftstellerin – war leider zu viel. Für mein zweites Buch darf ich mir Zeit nehmen. Ich bin ein bescheidener Mensch, habe kein Auto und keinen Fernseher. Und ich bin kein auf Sicherheit bedachter Charakter, sonst wäre mein Leben auch anders verlaufen. Im Zweifel entscheide ich mich für das Risiko.

 

Eva Siegmund liest im Limburger Lesedom am Freitag, 10. Oktober,
10 Uhr, aus ihrem Buch vor. Der Lesedom ist in der WERKStadt-Lounge.

 

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