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Flüchtlinge in Limburg: Fachkräfte von übermorgen

Ihre erste Bleibe im Landkreis sind Leichtbauhallen, alte Firmengebäude, verlassene Supermärkte; anschließend geht es in große Häuser. Viele der Flüchtlinge werden auf Dauer bleiben. Integration ist angesagt. Ganz wichtig dabei, Arbeit für die Frauen und Männer zu finden. Eine Herausforderung für die Arbeitsagenturen oder auch die Handwerker.
Foto: Boris Roessler (dpa)
Region. 

„Diese Menschen, die heute zu uns kommen, sind nicht die Fachkräfte von morgen. Sie sind die Fachkräfte von übermorgen, denn etwa 80 Prozent der Flüchtlinge kommen ohne formale Qualifikation nach deutschen Standards in die Bundesrepublik“, verdeutlicht Angelika Berbuir als Leiterin der Agentur für Arbeit Limburg-Wetzlar. Dabei gelte sich darüber klar zu sein: „Diese Menschen sind nicht in erster Linie hierhergekommen, um zu arbeiten, sondern primär, um ihr Leben zu retten“, sagt die Agenturchefin. Mehr als zwei Drittel dieser Menschen seien aber unter 30 Jahre alt, gut die Hälfte sogar unter 25 Jahre alt. Hieraus ergibt sich für Angelika Berbuir ein enormes Potenzial für die Ausbildung.

Info: Ohne Deutschkenntnisse keine berufliche Perspektive

Dem Handwerk fehlt der Nachwuchs. Das scheint auch so zu bleiben, denn der Weg der Schulabgängern führt immer häufiger ins Studium. „Es gibt einen großen Bedarf in den Betrieben“, sagt Stefan Laßmann

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Der Wille zu arbeiten

„In den bisherigen Kontakten erkennen wir bei der weitaus überwiegenden Anzahl der Migranten den Willen, zu arbeiten und auf den eigenen Beinen zu stehen. Die Aufgabe aller beteiligten Institutionen ist es, sie ausbildungs- und arbeitsfähig zu machen“, unterstreicht Angelika Berbuir.

Flüchtlinge und Asylbegehrende professionell zu beraten und ihnen den Weg in eine Integration ins Arbeitsleben und damit in die Gesellschaft zu ebnen, das sieht auch die Agentur für Arbeit in Montabaur sowie die Jobcenter Westerwald und Rhein-Lahn als große Herausforderung in diesem Jahr. Aus den zehn Nationen mit den meisten Asylanträgen waren für den Agenturbezirk Montabaur Ende 2014 insgesamt 618 erwerbsfähige Personen gemeldet, Ende 2015 waren es 952. Darunter stieg die Zahl der Schutzsuchenden aus Syrien von 99 auf 357 Personen. Sie stellen damit die mit Abstand größte Gruppe.

„Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Integration ist der Erwerb von Sprachkompetenz“, betont die Agenturchefin Madeleine Seidel. Dabei sei man auf einem guten Weg, denn aktuell würden im Westerwald- und Rhein-Lahn-Kreis fast 1000 Flüchtlinge in Deutschkursen teilnehmen, die die Agentur für Arbeit finanziert. Im nächsten Schritt sollen dann Kompetenzen, Erfahrungen und Potenziale der Einzelnen so schnell wie möglich identifiziert und durch gezielte Förderung erschlossen werden. Dafür können nach Angaben von Madeleine Seidel sämtliche arbeitsmarktpolitischen Instrumente wie die Einstiegsqualifizierung als Sprungbrett in eine Ausbildung oder der Eingliederungszuschuss, der einen Teil der Lohnkosten abdeckt.

Flüchtlinge aufsuchen

Die Agentur Limburg-Weilburg wartet mit dem Projekt „Chance Arbeitsmarkt“ zum ersten Mal auch mit einer interkommunalen Zusammenarbeit zwischen den Landkreisen Lahn-Dill und Limburg-Weilburg, den beiden Jobcentern und den beiden Beschäftigungsgesellschaften (GWAB und GAB) auf. Das Projekt, das nach Angaben der Agentur bisher einzigartig in Deutschland ist, hat das Ziel, in beiden Landkreisen alle Flüchtlinge aus Drittstaaten mit einer positiven Bleibeperspektive im Alter zwischen 16 und 65 Jahren zu Hause aufzusuchen, deren persönliche und berufsbezogenen Daten ausführlich zu erheben und – bei Bedarf – eine intensive Potenzialanalyse durch die Mitarbeiter der Beschäftigungsgesellschaften vornehmen zu lassen.

In einem weiteren Schritt soll es dann konkret um die berufliche Qualifizierung gehen: qualifizierende Beschäftigung, Qualifizierungsbausteine und Teilqualifizierungen. Diese werden von den Beschäftigungsgesellschaften, im Landkreis Limburg-Weilburg es dies die Gesellschaft für Ausbildung und Beschäftigung (GAB) in den Bereichen Büro, Elektro, Gebäudereinigung, Handel, Holz, Kraftfahrzeuge, Küche und Gastronomie, Lager und Logistik, Malen und Lackieren angeboten.

Weitere Berufsfelder sollen durch Kooperationsbetriebe abgedeckt. Auch da gilt es nach Angaben von Ralf Fischer, Sprecher der Agentur für Arbeit Limburg-Wetzlar, sehr frühzeitig die richtigen Weichen in Richtung Arbeit und Ausbildung zu stellen. Außerdem habe die Agentur in Limburg ein „Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge“ eingerichtet. Dazu sei eine Expertin mit interkultureller Erfahrung eingestellt worden, die sehr eng mit speziell geschulten Integrationsfachkräften aus allen Fachgebieten der Arbeitsagentur, der jeweiligen Jobcenter und den Beratern für die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse zusammenarbeitet.

Separate Förderung

Auch schule die Agentur ihre Mitarbeiter in zusätzlich eingerichteten Seminaren ebenfalls in interkultureller Hinsicht. Die Planungsprozesse für das neue Jahr sind nach Angaben von Fischer getrennt für bisherige Kunden und Flüchtlinge vorgenommen worden, um dem jeweiligen Bedarf gerecht zu werden. Dabei sehe die Verteilung der finanziellen Mittel für den gesamten Agenturbezirk (Landkreise Limburg-Weilburg und Lahn-Dill) 1,5 Millionen Euro für Flüchtlinge und 13,1 Millionen Euro für alle anderen Personengruppen vor. Auch das Jobcenter Limburg-Weilburg habe für den Personenkreis der Migranten separat geplant. 1,2 Millionen Euro seien für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen für Migranten vorgesehen. Unangetastet davon blieben zwölf Millionen Euro, die dem Jobcenter für alle anderen Personengruppen zur Verfügung stehen. jl

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