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Flüchtlinge in Selters: Flucht aus Aleppo nach Niederselters

Von Sie ist 36 Jahre alt und hat mit ihrer Familie das Grauen des Kriegs erlebt. Souzan Kikhia kommt aus Aleppo. Die Angst war ihr täglicher Begleiter. In Niederselters hat sie mit ihren beiden Söhnen ein Zuhause gefunden und arbeitet jetzt bei der Gemeinde Selters – auf Ein-Euro-Basis.
„Dear mom“, nennt Souzan Kikhia (rechts) Ute Theis, hier im Brunnencafé. Nach ihrer Zeit in der Staffeler Aufnahmestation und der Gemeinschaftsunterkunft in Selters lebt die junge Frau aus Syrien jetzt mit ihren beiden Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung bei Ute und Norbert Theis. Bilder > Foto: Petra Hackert „Dear mom“, nennt Souzan Kikhia (rechts) Ute Theis, hier im Brunnencafé. Nach ihrer Zeit in der Staffeler Aufnahmestation und der Gemeinschaftsunterkunft in Selters lebt die junge Frau aus Syrien jetzt mit ihren beiden Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung bei Ute und Norbert Theis.
Selters-Niederselters. 

Es ist noch früh am Morgen, gerade nicht gewittrig oder zu heiß. Die Sonne scheint angenehm warm. Ute Theis und Souzan Kikhia haben ihr Gespräch vor das „Alte Brunnencafé“ gelegt. Ein richtiges Café ist das nicht – ein Treffpunkt, von Ehrenamtlichen betrieben. Ein guter Ort. Ganz anders als ihre Heimat. Bilder von Straßen, Häusern, die in Trümmern liegen, kennt hier fast jeder aus dem Fernsehen. Souzan Kikhia hat es erlebt. Sie kommt aus Aleppo. Dort wäre ein so schöner Vormittag, locker im Gespräch an einem Tisch an der Straße, undenkbar.

Die 36-Jährige holt tief Luft. Sie hat sich bereit erklärt, zu erzählen. Sie weiß, dass für ein Pressegespräch Informationen aus ihrer Heimat wichtig sind. Trotzdem: Das Ganze ist sehr persönlich. Sie hat sich entschieden und erzählt: Ihr Mann ist noch zu Hause, gemeinsam mit den Eltern und den Schwiegereltern. Sie selbst hatte sich mit den beiden Söhnen Khaled (13) und Asaad (15) auf den Weg gemacht, ist in die Bundesrepublik geflüchtet. Der 24. Juli letzten Jahres war ihr erster Tag in Deutschland. Bis Oktober lebten die drei in einem Gemeinschaftszelt in der Flüchtlingsunterkunft in Staffel, dann kamen sie nach Niederselters, wohnten bis zum Mai in der Gemeinschaftsunterkunft in der Bahnhofstraße, jetzt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung bei der Familie Theis. „Jetzt sind wir alleine. Das ist besser“, sagt Souzan Khikia. Alleine heißt nicht ganz allein – aber eben nicht umgeben von so vielen Menschen wie in Staffel. Das Jetzt heißt auch, es stört niemanden, wenn sie nachts nicht schlafen kann und hinaus in den Garten geht. Der Himmel ist der gleiche wie in Syrien, oder? Ihr Mann Bisher ist 3500 Kilometer weit entfernt. Sie kommunizieren per Whats-App. „Das Internet in Syrien ist sehr langsam. Sprechen geht schlecht. Aber schreiben schon“, sagt die junge Frau. Sie und ihre Kinder hoffen in Deutschland auf ihre Anerkennung – und darauf, dass auch Bisher folgen kann. Doch noch einmal zurück: In Aleppo regierte die Angst. Der Weg zur Schule war gefährlich, jede Straße, jede Ecke konnte sie letzte sein. Das Ehepaar hatte Angst um die Kinder. Khaled und Asaad – sie sind Teenager. Und sie sollen überleben. Die Entscheidung, die Heimat zu verlassen, war nicht leicht. Und die Zukunft ungewiss. Souzan Kikhia sagt es so: „Vielleicht sind wir hier glücklich, vielleicht ist es hässlich. Vielleicht ist Aleppo doch besser als Deutschland.“ Und das trotz der Gefahr.

Sehr herzliche Menschen

Die kleine, halbe Familie hat sich auf den Weg gemacht, und Souzan, die zu Hause im Marketing für die Firma Benetton tätig war, sucht nun in Deutschland ein neues Standbein. Ihr Glück: Sie hat Ute Theis kennengelernt. Die 67-Jährige gehört zu den Ehrenamtlichen, die das „Alte Brunnencafé“ in Niederselters betreuen. Es ist zugleich Anlaufstelle, Bildungszentrum, Café und Treffpunkt geworden, nicht nur für den Strickkreis, der natürlich ebenfalls der Kommunikation dient. Souzan kam her, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Jetzt kann sie sich gut ausdrücken, ihre Söhne besuchen die Goetheschule in Limburg, sind fleißig. Dass sie gut vorankommen, bestätigt Ute Theis, denn sie hilft bei den Hausaufgaben. Auch die Kinder haben schnell dazugelernt. Trotzdem ist es natürlich im Unterricht nicht einfach, selbst wenn es Intensivklassen gibt und zusätzlichen Deutschunterricht. Das wird in der Mittelpunktschule Goldener Grund praktiziert, doch vieles braucht seine Zeit, um sich einzuspielen. Keine einfache Situation, weder für die neuen Kinder, die dazulernen müssen, die bisherige Klassengemeinschaft und die Lehrer, die für alle Kinder einen Lehrplan zu erfüllen haben.

Souzan Kikhia schaut aufs Handy. Hat ihr Mann geschrieben? Der Blick ins Whats-App gehört zur Routine. Aber sie ist auch froh über ihre neue Familie. So nennt sie Ute Theis und ihren Mann Norbert, der die Kinder mit der Gartenarbeit vertraut macht. „Sie kennen jetzt alle Geräte und können damit umgehen“, schmunzelt Ute. „Dear Mom“, „liebe Mutter“, nennt sie Souzan zwischendurch mit einem Lächeln. „Danke“, die erfreute Antwort mitten im Pressegespräch. Die Koseform kommt so selbstverständlich über die Lippen, wie es für Souzan schön geworden ist, hier zu sein, hier bei diesen Menschen.

Sie will sich einbringen

Eine Anstellung hat sie jetzt auch: Einen Ein-Euro-Job bei der Gemeinde Selters. „Sie hat ihn bekommen, weil kein Deutscher wollte. So funktioniert das System“, sagt Ute Theis und möchte darauf hinweisen: Niemand nimmt hier einem anderen etwas weg. Souzan betreut andere Flüchtlinge, indem sie sie zum Beispiel zu Ämtern begleitet, dolmetscht, weiterhilft. Außerdem arbeitet sie ehrenamtlich im „Alten Brunnencafé“. Sie hat einen Antrag auf Asyl gestellt und wartet auf die Anerkennung.

Fußballspielen wie Messi

Ihre Kinder treiben Sport bei der LSG Goldener Grund, spielen auch Fußball. Das ist Khaleds Traum: „Fußballspielen wie Messi“. Asaad ist noch nicht so sicher, was er einmal werden möchte, und Souzan wäre gerne wieder im Marketing tätig. Ihr Mann Bisher managed ein Restaurant in Aleppo – zurzeit dort sicher nicht der beste Beruf. Und da wir am Träumen sind: Vielleicht wäre es schön, er käme nach Deutschland und sie würden gemeinsam ein kleines Restaurant betreiben. Das sagt sie mit einem Lächeln. Die kleine, halbe Familie fühlt sich angekommen.

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