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Bürgerversammlung zur Aufnahme von Asylbewerbern: Flüchtlinge: Hilfe wird gebraucht

Bereits am Wochenende könnten die ersten Flüchtlinge in der gerade errichteten Zeltstadt in Staffel eintreffen, teilte Regierungspräsident Dr. Lars Witteck jetzt auf einer Informationsveranstaltung in der Stadthalle mit. Die Reaktionen auf diese Perspektive sind geteilt.
Bürger diskutieren in der Limburger Stadthalle über das Erstaufnahmelager. Dr. Georg Poell, Bezirksreferent der katholischen Kirche, wirbt für eine Willkommenskultur. Foto: Bohnhorst-Vollmer Bürger diskutieren in der Limburger Stadthalle über das Erstaufnahmelager. Dr. Georg Poell, Bezirksreferent der katholischen Kirche, wirbt für eine Willkommenskultur.
Limburg.  Die Stimmung in der gut besuchten Stadthalle ist angespannt. Immer wieder wird Regierungspräsident Dr. Lars Witteck zu Beginn seines kurzen Vortrags unterbrochen. Zu verstehen sind die Zwischenrufe wegen der Akustik des Saales nicht, aber sie klingen nicht freundlich. Witteck hat offenbar mit derartigen Reaktionen gerechnet. Er bleibt ruhig, sagt, er sei gekommen, um „die Bürger um Hilfe zu bitten in einem Problemfeld, dass das Land enorm fordert“.

Allein am vergangenen Wochenende sind in der Erstauffangeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen 900 Flüchtlinge eingetroffen; in der Nacht von Montag auf Dienstag kamen weitere 500 Menschen. Es werde dringend eine weitere Außenstelle benötigt, in der die Betroffenen allerdings nicht vier bis sechs Wochen wie in der Gießener Hauptstelle bleiben, sondern lediglich zwei bis sieben Tage, ehe sie auf die Kommunen verteilt werden, erläutert der Regierungspräsident.

Schwerer Stand: Bürgermeister Martin Richard (Rednerpult), Regierungspräsident Lars Witteck, der Erste Stadtrat Michael Stanke und Staffels Ortsvorsteher Dr. Matthias Schellhorn. Bild-Zoom Foto: Bohnhorst-Vollmer
Schwerer Stand: Bürgermeister Martin Richard (Rednerpult), Regierungspräsident Lars Witteck, der Erste Stadtrat Michael Stanke und Staffels Ortsvorsteher Dr. Matthias Schellhorn.


Die Zeit drängt. Erste Flüchtlinge könnten schon am kommenden Wochenende in Limburg eintreffen. Die Stadt habe ihm eine 16 000 Quadratmeter große Fläche angeboten. Es handelt sich um einen jetzt brach liegenden Park- und Lagerplatz am ehemaligen Buderus-Werk in Staffel. Der Eigentümer des Areals habe bereits einer Überlassung zugestimmt und die Fläche bis Ende Oktober vermietet, teilt Witteck mit. Auf diesem Gebiet werden derzeit Zelte aufgeschlagen und ausgestattet.

Tatsächlich seien auch andere Flächen in der Stadt geprüft worden, sagt Bürgermeister Martin Richard (CDU). Drei Voraussetzungen mussten erfüllt werden: Die Fläche muss mindestens „so groß sein wie zwei Sportplätze“, sie muss eben sein und über einen Wasseranschluss verfügen. Wegen dieser Bedingungen seien etwa die Lahnkampfbahn oder die Klostergärten ausgeschieden. Auch die Möglichkeit, den Marktplatz vorrübergehend in eine Zeltstadt für Flüchtlinge umzuwandeln, wurde verworfen – wegen der umliegenden Wohnhäuser, erklärt Richard und erntet für diese Einlassung höhnisches Gelächter.Ob es die in Staffel etwa nicht gebe, schreit ein Zuhörer. In dieser Notsituation habe man schnell handeln müssen, insistiert der Bürgermeister.

Bilderstrecke Limburg: Erstaufnahmelager für Flüchtlinge errichtet
90 Helfer sind damit beschäftigt, auf dem ehemaligen Gelände von Buderus in Staffel bei Limburg das Zeltlager aufzubauen, das 650 Flüchtlingen ein Bett und ein Dach über dem Kopf bieten soll.Mitarbeiter des Bauhofs der Stadt waren dabei ebenso im Einsatz wie Aktive des Technischen Hilfswerks, des Malteser Hilfsdienstes, des Roten Kreuzes oder auch der Feuerwehr.Die Zelte sind alle auf der asphaltierten Fläche des ehemaligen Parkplatzes des Buderuswerks aufgebaut worden.


Regierungspräsident Witteck wird eindringlich. Die Flüchtlinge hätten „alles, was ihr Leben ausgemacht hat, hinter sich lassen müssen“ und seien nun „in einem Land, von dem sie keine Ahnung“ hätten. Sie hätten Entscheidungen treffen müssen, „die den meisten von uns hier im Saal erspart geblieben sind“. Ihre Flucht resultiere aus einer „existentiellen Not“. Dass man diese Menschen jetzt in Zelten unterbringen müsse, frustriere ihn ungemein. Aber „wir brauchen die Zelte als Überlaufbecken, um das nächste Wochenende zu überstehen“, formuliert er.

Viele Frage hatten die Bürger zu dem Erstaufnahmelager, das in der Nähe von Staffel entstehen soll. Bild-Zoom Foto: Bohnhorst-Vollmer
Viele Frage hatten die Bürger zu dem Erstaufnahmelager, das in der Nähe von Staffel entstehen soll.


„Das sagen alle, und am Ende bleiben die Asylanten für immer“, ruft ein jüngerer Mann aufgebracht dazwischen. Witteck wiederholt sachlich, dass sich die Verweildauer in Limburg auf wenige Tage erstrecke und dass er die Hoffnung habe, die Flüchtlinge würden „anständig aufgenommen“. Man habe hinsichtlich der unabsehbaren Flüchtlingswelle eine Situation wie zu Beginn der 1990er Jahre. „Aber zum Glück haben wir noch nicht dieselbe Stimmung“, sagt er und erinnert an ausländerfeindliche Übergriffe in Solingen und Mölln vor rund 20 Jahren.

Aber, betont Witteck, er nehme die Bedenken und Sorgen der Bürger ernst, etwa die der Frau aus Staffel, die sagt, dass es nicht reiche, die Flüchtlinge zu schützen. „Wer schützt uns vor den Flüchtlingen?“ Schließlich kämen nicht nur „die Guten, sondern auch viele Verbrecher“, meint sie und sorgt mit diesem Argument bei der Mehrheit der Zuhörer für Gelächter. Die plädieren in der anschließenden Fragerunde überwiegend dafür, die Flüchtlinge erst einmal kommen zu lassen. „Das sind doch auch nur Menschen“, sagt eine Frau vom Ökumenischen Arbeitskreis in Elz, die bereits in der Flüchtlingsarbeit involviert ist. Und die 15-jährige Celine Schäfer aus Waldbrunn-Hintermeilingen berichtet davon, dass ihr Vater mehrere Flüchtlinge in der Region betreue. „Ich verstehe die Angst nicht“, sagt das Mädchen. „In jeder Kultur gibt es Leute, die nicht ganz normal sind.“

Wenn die Flüchtlinge in der Außenstelle aber nur wenige Tage bleiben, müsse man ganz neue Betreuungskonzepte entwickeln, schlägt Pfarrer Joachim Naurath vor. Langfristig angelegte Integrationsarbeit sei da nicht hilfreich. Und an Regierungspräsident Witteck gerichtet fragt er: „Wenn alles so knapp auf Kante genäht ist, welche Standards werden dann für die Flüchtlinge gelten?“ Die Antwort ist präzise: Es gebe keine festgelegten Standards, räumt Witteck ein, „weil wir diese Situation noch nicht hatten“.

Tatsächlich ist es diese Unwägbarkeit, die die Bürger antreibt, zum Beispiel zu der Hoffnung, „dass die Sache glimpflich abgeht und im Oktober vorbei ist“ oder zu der Feststellung, man habe Angst vor Krankheiten, die mitgebracht würden. Als auch dieser Teilnehmer der Diskussion lautstark ausgebuht und ausgelacht wird, meldet sich ein Mann zu Wort. Auf Sorgen und Ängste der Bürger werde bei dieser Veranstaltung so negativ reagiert, dass sich die Zweifler gar nicht zu Wort melden würden. „Das finde ich nicht gut.“ Außerdem sei das wahrscheinlich der Grund, weshalb viele Staffeler Bürger gar nicht erst in die Stadthalle gekommen seien, vermutet er.

Dass Bedenken geäußert werden müssen, auch wenn sie von der Mehrheit der Anwesenden nicht geteilt würden, findet ein anderer Redner. Staffel habe derzeit 3300 Einwohner; 650 Flüchtlinge entsprächen einem Anteil von 20 Prozent. Da dürfe man nicht den Eindruck erwecken, „Staffel wird’s schon richten“. Nein, es müsse deutlich gemacht werden, dass hier eine Gemeinschaftsaktion notwendig sei. „Staffel braucht Hilfe“, appelliert er an die Politiker. Was für Staffel geplant sei, sei ein „Solidaritätstest für alle Bürger“. Das bestätigen Richard und Witteck. Noch einmal macht Witteck deutlich: „Ich glaube, wir können es uns leisten, den Menschen aus Syrien und Afghanistan zu helfen.“ Etwas bodenständiger hatte diesen Gedanken schon Thomas Schlechter aus Elz geäußert. Er war unmittelbar nach dem Einführungsvortrag des Regierungspräsidenten ans Mikrofon getreten und hatte gesagt: „Wo ist der Anlaufpunkt, wo man sich melden kann, um zu helfen.“
 

 
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