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Flüchtlinge in Hessen: Flüchtlinge sind jetzt „Gäste“

Bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme in die Diezer Freiherr-vom-Stein-Kaserne ziehen alle Beteiligten an einem Strang. Gestern schüttete der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) ein großes Lob über die haupt- und ehrenamtlichen Kräfte, die in der Kaserne tätig sind.
Auf dem Weg nach Westen: Flüchtlinge an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. Foto: Nake Batev Auf dem Weg nach Westen: Flüchtlinge an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. Foto: Nake Batev
Diez. 

Wo einst Soldaten den Alltag bestimmten, geht es heute zu wie in einem Taubenschlag. 540 Flüchtlinge – DRK-Einsatzleiter Oliver Laux-Steiner nennt sie liebevoll „Gäste“ – wollen registriert, medizinisch behandelt, mit Essen und Kleidung versorgt, in verwaltungstechnischen Fragen unterstützt und im Alltag umsorgt werden. Dazu zählt die Kleiderkammer, die jetzt im ehemaligen Casino vor dem Kasernentor untergebracht ist und dankbar vor allem für Winterkleidung und Spielsachen ist, und dazu zählt die Kinderstube, eine Art Kindergarten für den „Gäste“-Nachwuchs bis sechs Jahre.

Man sieht es auf Schritt und Tritt, und Staatsminister Roger Lewentz war sichtlich beeindruckt, machte sogar selbst zahlreiche Bilder vom neuen Alltag in der Kaserne. Wie diese große Herausforderung gemanagt wird, davon berichtete Laux-Steiner. Unter den Helfern, die manchmal 18 Stunden am Tag Dienst leisteten, seien Freundschaften gewachsen. Viel Lob hatte er für die Zusammenarbeit zwischen DRK, THW, Polizei, Bundeswehr, Feuerwehr und allen anderen Helfern parat. Gleichzeitig betonte er, dass weiteres Material benötigt werde, wenn weitere „Gäste“ untergebracht werden sollten. Diese Woche war sogar die Rede davon, dass es in absehbarer Zeit 1200 Flüchtlinge werden könnten.

Familiäre Strukturen

Wenn sie kommen, werden sie zunächst in der Mensa betreut und registriert. Rasch sollten dann die familiären Strukturen wiederhergestellt werden, unterstrich Laux-Steiner und nannte dies „Hilfe zur Selbsthilfe“. Die „Gäste“ sollten sich wohlfühlen, dazu gehöre auch ein erster medizinischer Check. Bereits am nächsten Tag solle der Alltag einkehren. Die Flüchtlinge erfahren, wo sie einen Arzt finden, wo sie Essen bekommen, wo die Kinder spielen können und ob Deutschkurse angeboten werden. Die Flüchtlinge sind überwiegend Syrer, aber auch 30 Prozent Kosovo-Albaner, Menschen aus Eritrea, Somalia, Pakistan und anderen Ländern. Schön sei, dass sich viele Flüchtlinge auch gegenseitig helfen. Es sei wichtig, dass der neue Alltag sehr schnell strukturiert sei und dass kein Lagerkoller einkehre, meinte Laux-Steiner.

Ärztliche Betreuung

Wie Dr. Zlatko Neckov, Vorsitzender des DRK im Rhein-Lahn-Kreis, mitteilte, würden täglich zehn bis 20 Behandlungen anfallen. So gäbe es auch chronisch Kranke, und einen Herzinfarkt gab es ebenfalls schon. Ein hausärztlicher Bereitschaftsdienst und die Erstausstattung einer Praxis mit der Sofortausgabe von Medikamenten sei geregt. Außerdem stünden Ärzte bereit, die Arabisch sprechen.

„Ein Glück, dass wir auch auf die Bundeswehr zurückgreifen können“, freute sich Innenminister Roger Lewentz. So könne auf 300 Soldaten aus Kastellaun zurückgegriffen werden. In der Freiherr-vom-Stein-Kaserne tun noch knapp 30 Soldaten für rund sechs Wochen Dienst. Deren Tätigkeitsbereich ist noch durch einen Zaun als „militärischer Sicherheitsbereich“ abgetrennt. So nahm auch Oberst Mattes, Kommandeur des Landeskommando Rheinland-Pfalz, gestern an dem Termin in Diez teil.

In der Kinderstube sollten die Kinder zum Lachen gebracht werden, informierte Laux-Steiner, „das bringt auch die Eltern zum Lachen“. Es sei wichtig, traumisierte Kinder zur Ruhe kommen zu lassen, dass sie spielen und malen, meinte auch Minister Lewentz.

Die „Gäste“ erhalten einmal am Tag ein warmes Essen, kein Schweinefleisch, aber viel Gemüse. „Es ist wichtig, dass die Menschen wieder Vitamine erhalten“, berichtete Laux-Steiner. Und sie müssten lernen, sich an die Ausgabezeiten zu halten. „Das klappt hervorragend“, sagte er.

Rainer Kaul, Präsident des DRK Rhein-Lahn, sprach sich dafür aus, alle strukturellen, also personellen Probleme schnellstmöglich zu lösen. „Dann muss eben mal die Landespflege liegen bleiben“, sagte er. Viele Firmen stellten schon Personal für den Flüchtlings-Einsatz frei.

Minister Lewentz berichtete, dass am Flugplatz Hahn beispielsweise Registrierungen durch Finanzbeamte vorgenommen werden. So sei es auch denkbar, dass pensionierte Polizei- oder Verwaltungsbeamte rekrutiert würden, um im Systemablauf mitzuhelfen. Auch Insassen der Diezer JVA seien im Einsatz, hätten bereits über 500 Doppelstockbetten hergestellt. „Hier muss entschieden gehandelt werden“, fügte Landrat Frank Puchtler hinzu.

Einrichtungsleiter Josef Maldener, gleichzeitig Leiter der JVA, der aber 98 Prozent seiner Arbeitszeit in der Kaserne verbringt, berichtete von Problemen mit den Duschen und fehlender Kommunikationstechnik. Gleichzeitig lobte er die gute Zusammenarbeit der Helfer, es gäbe keine Interessenkonflikte.

(tam)
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