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Freundeskreis Lahn-Taunus: Freunde für ein neues Leben

Motivation, Information und Nachsorge – das sind die drei Stichworte, mit denen der Flyer die Arbeit des Freundeskreises Lahn-Taunus zusammenfasst. Horst Weigel weiß, was man für ein Leben „ohne Hunger auf Suchtmittel“ braucht.
So ist er heute unterwegs: Gut gelaunt und mit einer Menge Puppen im Auto für seine Arbeit als Erste-Hilfe-Ausbilder: Horst Weigel kümmert sich beim Freundeskreis Lahn-Taunus um andere Menschen. Foto: Rauch, Sabine So ist er heute unterwegs: Gut gelaunt und mit einer Menge Puppen im Auto für seine Arbeit als Erste-Hilfe-Ausbilder: Horst Weigel kümmert sich beim Freundeskreis Lahn-Taunus um andere Menschen.
Limburg-Weilburg. 

Er habe mit dem Trinken aufgehört, weil er nicht so enden wollte wie sein Vater, sagt Horst Weigel. Nicht, weil sein Chef das verlangt oder seine Frau ihn vor die Wahl gestellt hat. „Es hilft nichts, wenn andere fordern, dass man abstinent ist. Man muss es selbst wollen.“ Aber natürlich wusste Horst Weigel, dass er irgendwann die Frau und die Arbeit verlieren wird, wenn er nicht aufhört zu trinken. 13 Jahre ist das jetzt her. Seit 13 Jahren ist Horst Weigel trocken. Seine Frau ist bei ihm geblieben, seinen alten Job hat er gekündigt.

Denn er hat eine Mission: „Ich wollte ganze Straßenzüge trockenlegen, als ich aus der Therapie kam“, sagt er und lacht. Inzwischen weiß er, dass das nicht so einfach ist. „Wenn einer keine Hilfe will, hilft das nichts.“ Horst Weigel bietet Hilfe an: Er besucht im Auftrag des DRK Schulen im Landkreis und berichtet Schülern, welche Gefahr Alkohol und Drogen sind und wie schwer es ist, von ihnen zu lassen. „Es ist einfach anders, wenn ein Betroffener davon erzählt.“ Und er ist Vorsitzender des Freundeskreises Lahn-Taunus, eines Vereins „Von Suchtkranken für Suchtkranke und Angehörige“. Genauer: Einer von zwei Freundeskreisen in der Region – mit unterschiedlicher Auffassung von Selbsthilfe für Suchtkranke.

„Unser Ziel ist die Abstinenz“, sagt Horst Weigel. Kontrolliertes Trinken sei keine Option. „Nur Abstinenz verhilft zu einem normalen Leben.“ Wenn der Alkohol noch dazugehöre, sei es doch viel einfacher zur Flasche zu greifen als zum Telefonhörer. „Der Freund Alkohol ist immer da.“ Dabei hilft Reden, zumindest manchmal. In der Gruppe habe jeder die Telefonnummern der anderen, damit er anrufen kann, wenn der Druck zu groß wird. Dann kann man über die Probleme reden oder einfach nur einen Tipp hören. „Oft hilft schon ein Glas Wasser, um das Gehirn zu beruhigen.“

28 Mitglieder hat der Freundeskreis derzeit, gut ein Dutzend kommt regelmäßig alle zwei Wochen dienstags zu den Treffen. Manche sind schon lange trocken, manche wollen erst noch trocken werden, einer hat schon mehr als 100 Entgiftungen und eine Handvoll Therapien hinter sich.

Teufelskreis Sucht

Alkoholiker sind „exzessive Trinker, deren Abhängigkeit vom Alkohol einen solchen Grad erreicht hat, dass sie deutliche geistige Störungen oder Konflikte in ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit,

clearing

Horst Weigel hat es gleich beim ersten Versuch geschafft, ohne Entgiftung, aber mit Besuch einer Tagesklinik und einem Klinikaufenthalt („zur Stärkung“). Vor allem die Tagesklinik habe ihm viel gebracht, sagt Horst Weigel. Da habe er viele Menschen kennengelernt und viele Krankheitsbilder. „Das war sehr interessant.“ Damals habe er noch nicht gewusst, dass er einmal Suchtberatungshelfer werden wird, aber eines wusste er: „Ich schaffe das!“

Damals hat er ein ganz neues Leben angefangen – ohne Alkohol und mit einem neuen Beruf. Inzwischen ist er ganz offiziell Suchtberatungshelfer, er gibt außerdem Erste-Hilfe-Kurse beim DRK und erklärt Schülern, welche Folgen eine Sucht haben kann.

Er habe schon immer offen über seine Abhängigkeit berichtet, sagt Horst Weigel. Zumindest seit er wusste, dass er trocken werden will. „Damals habe ich überall erzählt, dass ich Alkoholiker bin.“ Die einen konnten das gar nicht verstehen, die anderen fanden die Offenheit „ganz schön mutig und stark“. Er stehe zu seiner Alkoholsucht, sagt Horst Weigel. Er frage zum Beispiel auch, ob Alkohol im Essen ist, sage, dass er kein
„Mon Cherie“ essen darf und keine Milchschnitte. Es gibt ganz viele Dinge, auf die Horst Weigel achtet. Dass er niemals aus einem Bierglas trinkt, dass Traubensaft aus einem Weinglas tabu ist. Und er weiß, dass in vielen Lebensmitteln Alkohol ist, wenn auch so wenig, dass er nicht deklarationspflichtig ist.

Horst Weigel weiß, dass es nicht leicht ist, abstinent zu bleiben, schließlich sei Alkohol in unserer Gesellschaft immer präsent. Aber er weiß auch, wie ein Leben ohne Alkohol gehen könnte. Und das möchte er den Mitgliedern des Freundeskreises mitteilen – und allen anderen Menschen natürlich auch. Die meisten Männer und Frauen, die sich bei ihm melden, hätten noch eine Fahne, sagt Horst Weigel. Manche kommen, weil ihr Führerschein futsch ist und sie für die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) den Besuch einer Selbsthilfegruppe nachweisen müssen. Viele von ihnen wollten aber nur eine Anleitung, wie sie schnell ihren Führerschein zurückbekommen und ansonsten nichts verändern.

Manche kommen, weil die Frau sie drängt und bringen die Gattin dann auch gleich mit. „Aber die reden dann nicht so“, sagt Horst Weigel und lacht. Beim nächsten Treffen schicke er die Frau dann weg. „Damit der Mann offen reden kann.“ Aber er weiß, wie wichtig die Betreuung der Angehörigen ist. „Alle leiden darunter, wenn sie immer wieder lügen müssen, warum der Partner oder Vater wieder besoffen irgendwo rumliegt.“ In vielen Familien spiele Gewalt eine Rolle, schließlich senke Alkohol die Hemmschwelle. „Co-Abhängigkeit ist immer ein Problem.“

Aber es reicht eben nicht, wenn der Partner drängt. Wer trocken werden und bleiben will, der brauche Sturheit und einen starken Lebenswillen. Und jemanden, der ihm das neue Leben schmackhaft macht und zeigt, „dass es noch etwas anderes gibt, als den Verstand zu versaufen“.

Dabei sei es doch unheimlich befreiend, wenn man nicht mehr schauen muss, wo der nächste Alkohol herkommt, sagt Horst Weigel. Erst dann habe man doch wieder den Blick frei für die schönen Dinge des Lebens. „Man bekommt viel mehr von der Natur mit oder von dem, was in der Familie läuft.“ Er müsse nicht mehr trinken, um sich zu entspannen, sagt Horst Weigel. „Heute schaue ich einfach mal den Vögeln zu und schalte ab.“

Hinweis: Wer sich auf dem Weg in die Abstinenz Hilfe beim Freundeskreis suchen möchte oder wissen will, wie er seinen Partner oder die Partnerin auf dem Weg in ein neues Leben begleiten kann, kann sich bei Horst Weigel, dem Ersten Vorsitzenden der Selbsthilfegruppe, melden, Telefon:  (0 64 38) 83 54 52.

Die Gruppe trifft sich an jedem zweiten Dienstag im Monat in der Zeit von 17 bis 19 Uhr in den Räumen des DRK, Senefelderstraße 1 in Limburg.

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