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Als Flüchtling Freunde zu finden ist oftmals schwer: Freunde so nah und doch so fern

Enge Freunde bleiben oft ein Leben lang. Doch Flüchtlinge lassen vieles hinter sich – auch Familie und Freunde. In der Unterkunft in Kirberg sind die Flüchtlinge zumeist unter sich. Dementsprechend schwierig gestaltet sich das Finden von neuen Freunden. Ein Äthiopier versucht es trotzdem.
Der Äthiopier Bonsa Aman Abda (rechts) mit Freunden in der Flüchtlingsunterkunft in Kirberg. Der Äthiopier Bonsa Aman Abda (rechts) mit Freunden in der Flüchtlingsunterkunft in Kirberg.
Hünfelden-Kirberg. 

Freunde zu finden ist nicht immer ganz leicht. Vor allem nicht, wenn Menschen unterschiedliche Sprachen sprechen. Der 19 Jahre alte Äthiopier Bonsa Aman Abda kennt dieses Problem. Er sei erst vor etwa 16 Monaten nach Deutschland gekommen und spricht noch nicht perfekt Deutsch. Aber er macht große Fortschritte. Sprachen zu erlernen falle ihm leicht, sagt er, so habe er nur durch das Ansehen von Bollywood-Filmen Urdu, die dem Hindi ähnliche Landessprache Pakistans, erlernt.

In der Unterkunft helfe ihm das, weil dort viele Pakistaner leben, die zum Teil nicht einmal Englisch, geschweige denn Deutsch, sprechen. Dennoch sei er meist gehemmt, wenn er auf Deutsche trifft. Er traue sich oft nicht, sie anzusprechen, weil er Angst davor habe, nicht die richtigen Worte zu finden. Dabei bewegt er sich in Gesellschaft anderer Flüchtlinge locker und unbeschwert.

„In meiner Schule habe ich nicht so viel mit den deutschen Schülern zu tun“, sagt Bonsa. Er bedauere dies. Der Unterricht in einer gesonderten Klasse eigens für Flüchtlinge sei nicht unbedingt förderlich für einen Austausch zwischen Deutschen und Flüchtlingen, wenn auch notwendig.

Schule in Limburg

Der junge Afrikaner besucht eine reine Flüchtlingsklasse an der Adolf-Reichwein-Schule Limburg. Die speziellen Klassen seien nötig, weil die jungen Männer und Frauen im regulären Unterricht mit den deutschen Schülern nicht mithalten könnten. Damit Bonsa weiter Fuß fassen kann in Deutschland, versucht er ehrgeizig zu lernen, vor allem Deutsch. „Wenn ich besser Deutsch spreche, kann ich bestimmt leichter Freunde finden – zumindest hoffe ich das“, fügt Bonsa an. Hilfe dabei bekomme er von Sabrina und Jana aus Kirberg und Katharina aus Dauborn, die regelmäßig nach ihm sehen.

Arno, Sabrinas Mann, kommt außerdem regelmäßig bei Bonsa vorbei, um ihm bei technischen Dingen seine Unterstützung anzubieten. Zwei weitere Freundinnen, Nita und Hanni, helfen zusammen mit Sabrina Bonsa beim Lernen für die Schule. Er erfahre von den Helfern in der Unterkunft viel Unterstützung, so Bonsa. Von anderen Bürgern sei aber wenig zu erwarten,

Kirberger, die sich nicht regelmäßig in der Unterkunft um die Flüchtlinge kümmern, würden nicht einfach mal vorbeischauen, sondern blieben oft unter sich. Bernd Matejka, einer der ehrenamtlichen Helfer, sagt, dass von Zeit zu Zeit sogar Autos an der Unterkunft vorbeifahren, aus denen sich vor allem Männer lehnen, um die Flüchtlinge zu beschimpfen. Dennoch gibt es genug nette Menschen, sagt Bonsa. Mit Bernd Matejka spiele er zusammen Gitarre, aktuell „Hello“ von Adele. „Das Lied mag ich sehr“, sagt er.

In Europa habe er auch noch Freunde, die zusammen mit ihm auf der Flucht waren. Einer wohne mittlerweile in Fulda, der andere in Bad Schwalbach. Zwei seien in England. Die beiden in Hessen will er bald besuchen. Per WhatsApp, einem Kurznachrichtendienst im Internet, und Telefon seien sie in Kontakt.

Ziel: Automechaniker

Nach seinem Hauptschulabschluss will er gerne Automechaniker werden, berichtet er freudig. Seine Hobbys sind vor allem Tischtennis und Fußball: „Ich kann nicht ohne Sport auskommen“, sagt Bonsa. Doch das ist momentan schwierig, weil bald eine Operation am Knie bevorsteht. Die Verletzung habe er schon vor seiner Flucht gehabt, durch die anstrengende Odyssee sei es nicht besser geworden.

Sein Heimatland wollte er eigentlich gar nicht verlassen, erzählt er. Seine Eltern seien recht wohlhabend gewesen, doch sie hätten sich geweigert, mit der äthiopischen Regierung zusammenzuarbeiten, die vermögende Äthiopier als Helfer in ihrem ausbeuterischen System rekrutiert. „Die Reichen helfen der Regierung, die Armen zu enteignen“, sagt Bonsa. Weil die Eltern Repressalien vonseiten der Regierung fürchteten, seien sie nach Riad (Saudi-Arabien) ausgewandert und hätten ihren Sohn alleine bei seiner Großmutter gelassen. Erst später in Deutschland habe er es geschafft, über Facebook und einen Freund in Riad Kontakt zu seinen Eltern aufzunehmen. Seit nunmehr elf Jahren habe er sie nicht mehr gesehen.

Verdurstet oder verstümmelt

Weil er als Jugendlicher bei Protesten gegen die Regierung dabei gewesen sei, habe auch er fliehen müssen – in einer Nacht-und-Nebel-Aktion seien er und andere Demonstranten vorerst in das Nachbarland Sudan geflüchtet. Zeit, sich von seiner Oma zu verabschieden oder ihr Bescheid zu geben, dass er nicht mehr nach Hause zurückkommen würde, blieb ihm keine, erzählt er. Zuvor habe die Polizei einen guten Freund von ihm kaltblütig vor seinen Augen erschossen. „Auch andere Schulkameraden haben sie einfach umgebracht.“

Bonsa fährt den Tränen nahe fort: „Auf dem Weg durch die Sahara sind einige verdurstet, einfach völlig entkräftet von der Rampe des heillos überfüllten Geländewagens gefallen und zurückgelassen worden. Manchmal verstümmelten Schlepper Flüchtende, wenn sie nicht genug Geld dabei hatten.“

Auf der 1000 Euro teuren Überfahrt von Libyen nach Italien mit einem Schlauchboot seien weitere Menschen gestorben. „Es war sehr gefährlich, ich war so froh, als uns nach zwölf Stunden auf hoher See ein Boot des Roten Kreuzes half, sicher die italienische Küste zu erreichen. Ursprünglich wollte ich nicht nach Europa, aber in meiner Heimat kann ich nicht mehr leben“, beteuert der junge Mann.

Die Polizei habe willkürlich Menschen verhaftet, viele getötet. Einen winzigen Trost gab es zumindest: „Während der Flucht war ich nicht ganz alleine, hatte wenigstens Freunde von mir dabei“, sagt Bonsa.

Ohne sie wäre er verloren gewesen.

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