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Proteste: Fünf Azubis berichten von Mängeln in den Pflegeberufen

Die Pflege läuft am Limit – 162 000 Vollzeitstellen fehlen nach Angaben der Gewerkschaft Verdi momentan an deutschen Krankenhäusern. Gegen die Personalnot in ihrem zukünftigen Berufsfeld protestierten vor kurzem Auszubildende aus Pflegeberufen in der Limburger Fußgängerzone. Im Vorfeld der Demo sprach diese Zeitung mit vier Azubis über die aktuellen Missstände und Herausforderungen im Pflegeberuf.
Nur selten noch haben Altenpflegerinnen Zeit, sich hinreichend intensiv um ihre Schützlinge zu kümmern. Foto: David Hecker (dpa) Nur selten noch haben Altenpflegerinnen Zeit, sich hinreichend intensiv um ihre Schützlinge zu kümmern.
Limburg. 

„Schreiben Sie, dass die Pflege ein toller Beruf ist“, stellen die vier angehenden Kranken- und Altenpfleger gleich zu Beginn des Gesprächs mit dieser Zeitung klar. Sie befinden sich im letzten oder vorletzten Ausbildungsjahr und wollen namentlich nicht genannt werden. Dennoch haben sie eindeutige Meinungen zu den Arbeitsbedingungen in ihrem gewählten Beruf: „Es ist normal, dass zwei examinierte Krankenpfleger für 40 Patienten zuständig sind“, fassen sie die momentane Personalausstattung in Krankenhäusern und Pflegeheimen zusammen.

Alleine für zwei Stationen

Gestopft werden Personallücken oft mit Auszubildenden und Praktikanten. „Die übernehmen auch Aufgaben, die sie eigentlich nicht machen sollten“, erzählt einer der jungen Azubis. So sollen sie zum Beispiel bei Patienten die Flüssigkeitszufuhr bilanzieren, was aber nicht immer lückenfrei funktioniert. Frei nach dem Motto „Schlimmer geht immer“ ergänzt eine Altenpflegeschülerin im zweiten Lehrjahr, dass sie während ihres Praktikums in einem Limburger Pflegeheim alleine für zwei Stationen zuständig war und noch zusätzlich auf einer dritten ausgeholfen hat.

„Das Problem ist, dass viele examinierte Pfleger so im Stress sind, dass das Ausbildungsziel nicht erreicht wird“, fürchtet eine der Anwesenden, die gerade ihr drittes Lehrjahr als Krankenschwester absolviert. „Bisher hat mir zum Beispiel noch keiner gezeigt, wie man einen Katheter legt, obwohl ich schon zehnmal auf verschiedenen Stationen danach gefragt habe.“ Eine Zukunft im Beruf sieht sie daher für sich selbst nicht. „Mir hat man fürs Katheter legen nur das nötige Material hingelegt und gesagt, mach mal“, ergänzt die angehende Altenpflegerin.

Kaum Zeit für Pausen

„Da das Personal fehlt, bleibt die Qualität auf der Strecke,“ sagt ein weiterer Teilnehmer der Runde, der ebenfalls gerade im zweiten Lehrjahr zum Altenpfleger ausgebildet wird. Im Alltag sei man so damit beschäftigt, das Tagesprogramm abzuarbeiten und dafür zu sorgen, dass alle Patienten sauber sind, dass für anderes kaum Zeit bleibe. Wegen der hohen Arbeitsbelastung gebe es auch kaum Pausen. Dabei könne man nur effektiv helfen, wenn man selbst erholt sei. Kritisch werde es, wenn jemand nachts einen Schlaganfall erleidet. Denn angesichts der geringen Besetzung während der Nachtschicht und zahlreicher inkontinenter Bewohner könnte der Anfall erst einmal eine Weile unentdeckt bleiben.

Krankenhaus will mehr ausbilden

Gerne würde das Limburger St. Vincenz Krankenhaus mehr Pflegekräfte einstellen, findet aber nach eigenen Angaben momentan auf dem Stellenmarkt kaum Bewerber.

clearing

Was kann man aber ändern, um den Pflegenotstand wenigstens etwas zu mindern? Einfach mehr Fachkräfte einzustellen ist jedenfalls keine Lösung. Denn der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte gilt momentan als praktisch leer gefegt. Dabei spielt auch die Bezahlung eine Rolle: Krankenpfleger und -schwestern sind auch im benachbarten europäischen Ausland gefragt. Schweden, Luxemburg, die Niederlande und die Schweiz gelten als attraktive und besser bezahlte Alternativen zum hiesigen Stellenmarkt.

Schlechtes Image

Geld ist allerdings nicht alles, der Pflegeberuf leidet auch unter seiner schlechten öffentlichen Wahrnehmung. Ein weiterer Ansatz, um die Situation zu verbessern, wäre daher eine zunehmende Akademisierung der Pflege. „Es ist schließlich die größte Berufsgruppe in Deutschland. Dennoch kennen die meisten neben dem Beruf des Pflegers höchstens noch das Pflegemanagement“, sagt die zukünftige Altenpflegerin. Sie selbst möchte nach ihrem Examen studieren.

Ein weiterer großer Kritikpunkt der Runde sind die mangelnden Kompetenzen der Pflegekräfte. „Wir sehen den Patienten den ganzen Tag, ein Arzt vielleicht fünf Minuten. Dennoch müssen wir selbst bei ein bisschen Salbe erst einmal den Arzt anrufen“, lautet die Beschwerde. Und das, obwohl sich die Azubis während ihrer dreijährigen Ausbildung viel medizinisches und anatomisches Wissen aneignen.

Warum aber möchten sie den Pflegeberuf überhaupt ergreifen, wenn die Schwierigkeiten schon vor dem Berufseinstieg so offensichtlich sind? „Ich habe vorher Glasmaler gelernt, das hat mir aber gar nicht gefallen“, erzählt der zukünftige Altenpfleger. „Hier nehme ich bei dem ganzen Stress auch positive Energie mit, das macht Spaß“, betont er. „Außerdem habe ich wirklich den Eindruck, dass ich etwas verändern kann.“

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