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Hadamer Euthanasieopfer: Gedenkstätte lüftet die Identität sämtlicher 15 000 Ermordeter

Einen großen Schritt bei der öffentlichen Aufarbeitung der Hadamarer Euthanasiegeschichte hat die Gedenkstätte unternommen: Die Namen der 15 000 Ermordeten werden inzwischen vollständig genannt.
Jan Erik Schulte vor der Informationstafel zu Grigorij Schamritzkij. Der russische Zwangsarbeiter wurde in Hadamar ermordet. Foto: Johannes Koenig Jan Erik Schulte vor der Informationstafel zu Grigorij Schamritzkij. Der russische Zwangsarbeiter wurde in Hadamar ermordet.
Hadamar. 

Keine Abkürzungen mehr: Die Namen der 15 000 Menschen, die von 1941 bis 1945 in Hadamar ermordet wurden, werden von der Gedenkstätte inzwischen vollständig veröffentlicht. „Es ist ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg, den Euthanasieopfern ein Stück Identität zurückzugeben“, würdigt der Leiter der Hadamarer Gedenkstätte, Dr. Jan Erik Schulte, die Maßnahme.

Wie hoch ist aber das Interesse der Öffentlichkeit an der Gedenkstätte? „Die Zahl der Anfragen ist konstant auf hohem Niveau. Momentan bewegen sie sich etwa auf Vorjahresniveau“, erklärt der Leiter. 2016 wurden insgesamt 161 Anfragen von Angehörigen und 232 von Forschern beantwortet. Unter den Angehörigen, die die Gedenkstätte kontaktieren, sind zum Teil noch Zeitgenossen der Ermordeten. Dazu gehören unter anderem jüngere Geschwister oder Halbgeschwister. Zunehmend interessiert sich aber auch die Enkelgeneration für das Schicksal ihrer Vorfahren.

Nicht genetisch vererbt

„Dazu kommt, dass die medizinische Forschung in den letzten 30 Jahren erhebliche Fortschritte gemacht hat“, betont Schulte. „So hat sich inzwischen herausgestellt, dass viele der früher als vererbbar geltenden Geisteskrankheiten in Wahrheit nicht genetisch bedingt sind.“ Eine Erkenntnis, welche die bisher bei solchen Fällen oft existierende Stigmatisierung aufhebt und es leichter macht, darüber zu sprechen. „Mit zunehmender zeitlicher Distanz wird das Interesse nicht geringer – im Gegenteil“, berichtet der Experte. Die Gespräche mit den Angehörigen seien immer sehr persönlich. Wobei die Enkelgeneration oft über den Einzelfall hinausblickt und die Zusammenhänge begreifen möchte. Sind aber die Namen aller Opfer überhaupt bekannt? „Da muss man differenzieren“, sagt Jan Erik Schulte. So wurden die Akten der sogenannten T4-Aktion des Jahres 1941 an die Berliner Zentrale am Tiergarten 4 geschickt. Allein in Hadamar wurden im Rahmen der T4-Aktion zwischen Januar und August 1941 10 000 Patienten vergast. „Von den Akten zu den landesweit insgesamt 70 000 Ermordeten hat man lange Zeit angenommen, dass sie verschollen sind. Erst nach der Wende tauchten Akten zu etwa 30 000 Fällen auf – darunter auch Fälle aus Hadamar.“ Diese Bestände sind inzwischen im Bundesarchiv für die Forschung zugänglich.

Einen weiteren Anhaltspunkt liefern die Transportlisten der sogenannten Zwischenanstalten, zu denen die Opfer zuerst gebracht wurden. Diese befanden sich in Hessen in Herborn, Weilmünster, Idstein und Eichberg. „Mein Vorgänger, Dr. Georg Lilienthal, hat in anderen Archiven nach den Listen gesucht, so dass wir inzwischen einen recht guten Überblick über die T4-Phase haben.“ Allerdings seien die Listen nicht vollständig und enthielten zahlreiche Tippfehler, berichtet Jan Erik Schulte.

Todesursachen erfunden

Nicht unproblematisch sind auch die in Hadamar verbliebenen Akten zu den übrigen 5000 Opfern, die ab 1942 mit einer Medikamenten-Überdosis oder durch den Entzug von Wasser und Nahrung umgebracht wurden. Und das nicht nur, weil die in den Dokumenten angegebenen Todesursachen oft erfunden waren. So enthalten die Akten häufig nur wenige Informationen. Was in der Natur der Sache liege, denn nach Hadamar kamen Patienten, um ermordet zu werden. „So gibt es in manchen Fällen eine dicke Akte von den Anstalten, die den Patienten tatsächlich behandelten, und dann ein einzelnes Blatt aus Hadamar mit der Todesursache.“

Zu den Opfern gehörten auch Angehörige der Wehrmacht und der Waffen-SS. „Gruppen, die in der NS-Propaganda eigentlich heroisiert wurden.“ Dennoch stand ihre Ermordung nur auf den ersten Blick im Widerspruch zur NS-Ideologie. Schließlich propagierte diese den „gesunden Volkskörper“. Zu Ende gedacht bedeutete dies, dass jeder, der nicht produktiv war, umgebracht werden konnte. „Eine Entwicklung, vor der bereits der Bischof von Münster, Graf Galen, in seinen berühmten Predigten gegen die Euthanasie warnte“, gibt der Forscher zu bedenken.

Noch nicht abschließend geklärt ist die Frage, ob die Opfer bei ihrer Ermordung in Hadamar noch formal zur Wehrmacht oder SS gehörten, oder vorher entlassen worden waren. Eine Frage, die für die Angehörigen von großer Bedeutung war. Schließlich ging es hier auch um materielle Leistungen wie die Witwenrente.

Neue Erkenntnisse

Wie geht es nun mit der Forschung in der Gedenkstätte weiter? „Momentan überarbeiten wir das Gesamtverzeichnis mit den Namen aller 15 000 Opfer“, so Schulte. „Die Liste stammt von 1991. Inzwischen haben wir neue Erkenntnisse.“ So können zum Beispiel Mehrfachnennungen korrigiert werden, die durch verschiedene Schreibweisen desselben Namens entstanden sind. Eine umfassende inhaltliche Überarbeitung muss allerdings wegen der knappen Ressourcen noch weiter auf sich warten lassen.

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