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Genesung in Niederselters

Von Niederselters war im Ersten Weltkrieg eine Art Lazarett. Im heutigen Rathaus der Gemeinde Selters, seinerzeit als Kaserne für die Brunnenwache erbaut, wurden verwundete Soldaten gepflegt.
Das heutige Rathaus in Niederselters diente während des Ersten Weltkriegs als Lazarett. Der „Vaterländische Frauenverein“ und die Dernbacher Schwestern pflegten dort die verwundeten Soldaten. Das heutige Rathaus in Niederselters diente während des Ersten Weltkriegs als Lazarett. Der „Vaterländische Frauenverein“ und die Dernbacher Schwestern pflegten dort die verwundeten Soldaten.
Selters-Niederselters. 

„Feldzug 1914“ ist auf dem Schild zu lesen, das eine Gruppe Soldaten, die sich mit dem Pflegepersonal auf der Rathaustreppe zu einem Erinnerungsbild gruppiert haben, in die Kamera hält. In Uniform, die meisten mit keckem Schnäuzer, der eine oder andere auf einen Stock gestützt, während einer den verletzten Arm in einem Dreieckstuch trägt, ahnen sie wohl kaum, das aus dem „Feldzug 1914“ ein vierjähriges schreckliches Gemetzel und auch 52 Niederseltersern das Leben kosten wird.


Versöhnung suchen

Die Versöhnung über die Gräber des Ersten Weltkriegs war dem Pfarrer von Niederbrechen, Karl Bernhardt, ein wichtiges Anliegen.

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Bereits zu Beginn des Krieges war nicht nur im Rathaus, sondern auch im „Schützenhof“, dem damaligen Saalbau Staudt, und im Schwesternhaus ein Lazarett eingerichtet worden, das vom „Vaterländischen Frauenverein“ gemeinsam mit den Dernbacher Schwestern betrieben wurde. Der Ort lag (und liegt) an einer Bahnlinie. Das war eine wichtige Voraussetzung, denn die Verwundeten wurde auf dem Schienenweg transportiert.

So ein „Geburtstagsständchen“ sieht Mann gerne: Die Tanzgruppe Exultare aus Taunusstein präsentierte beim Jubiläumsfest des Männerballetts „Bordsteinschwälbchen“ das Thema „Burlesque“.	Fotos: Häring
Der Große Krieg

Auch der Erste Weltkrieg hat Auswirkungen in der Heimat gehabt und fand keineswegs nur an der Front statt. NNP-Redakteurin Ursula Königstein berichtet in der heutigen Folge unserer

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Der Hurra-Patriotismus zu Beginn des Krieges und die ersten Erfolge des deutschen Angriffs im Westen ließen auch die Niederselterser nicht unberührt. Die optimistische Stimmung der ersten Kriegstag schlug jedoch sehr bald in Trauer und Leid um, als die ersten Soldaten aus dem Dorf „auf dem Feld der Ehre für Kaiser, Volk und Vaterland“, wie es in der offiziellen Propaganda hieß, ihr Leben lassen mussten. Schon im ersten Kriegsjahr 194 waren acht Tote zu beklagen, darunter Wilhelm Heiß und Wilhelm Krekel, beide Väter von vier Kindern, und Johann Lehn, der ein Kind hinterließ.

 

Hilfe für Familien

 

Die Gemeinde fühlte sich den Soldaten verbunden und ließ auch die betroffenen Familien nicht im Stich. Die Angehörigen derjenigen, die direkte Ernährer ihrer Familien waren, bekamen eine finanzielle Unterstützung. Auch wurden, so die Recherchen von Dr. Norbert Zabel und Eugen Caspary, 300 Mark für die Beschaffung warmer Unterkleidung für die Niederselterser Kriegsteilnehmer bewilligt. Auch die Vereine „wetteiferten, ganz besonders zur Weihnachtszeit, um ihre im Felde weilenden Mitglieder mit Liebesgaben zu erfreuen“, notierte der damalige Hauptlehrer Schmitt in der Schulchronik.

„Heldentod fürs Vaterland“

Nur wenige Zeilen waren dem Chronisten Wilhelm Acht in seinem Heimatbuch von 1925 der Erste Weltkrieg und seine Folgen wert. Im Duktus der Zeit ist bei ihm viel von Vaterland und Heldentod

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Für das Lazarett mit seinen drei Standorten stellte die Bevölkerung spontan 120 Betten zur Verfügung. Ebenso wurden Lebensmittel und Geld gesammelt. Größter Einzelspender sei mit 120 Mark der Bauunternehmer Adam Buschung I gewesen. Die größeren Mädchen strickten für die Soldaten und die Verwundeten Strümpfe, Pulswärmer und Kopfschützer.

1914/15 wurde in dem Niederselterser Lazarett durchschnittlich 100 Verwundete gepflegt. Die Chronik der Dernbacher Schwestern, die das Lazarett 1916 in eigene Regie übernahmen, berichtet von 138 Kriegsverletzten im Jahre 1916. Daneben musste die Gemeinde zu Kriegsbeginn kurzfristig auch noch 98 Abwanderer aus Metz, darunter 18 Schulkinder unterbringen und versorgen.

Hauptlehrer Schmitt hoffte immer noch auf einen positiven Ausgang des Krieges, doch wuchsen auch bei ihm nach und nach Entsetzen und Abscheu, wie er der Schulchronik anvertraute: „Noch immer wütet der schreckliche Krieg. Ein Ende ist noch nicht vorauszusehen. Das treulose Italien erklärte im Mai 1915 an Österreich den Krieg. ... Anfang März 1916 sahen wir uns genötigt, an Portugal den Krieg zu erklären. … Ganze Ströme Blutes sind schon geflossen. Aus unserer Gemeinde haben bis jetzt 24 Krieger den Heldentod erlitten...“

Für die 20 französischen Kriegsgefangenen, die 1916 bei Niederselterser Bauern oder im Wald mit Holzmachen beschäftigt waren, verlangte die Gemeinde von den Landwirten, für die sie arbeiten mussten, eine Mietzahlung für die Unterbringung der Gefangenen in der alten Schule.

 

Verschwörungstheorien

 

Das Kriegselend lastete Ende 1916 und in der darauffolgenden Zeit immer stärker auf der Bevölkerung auch auf dem Land. Die Kinder mussten Tee-Ersatzkräuter und Buckeckern sammeln. Etwa zwei Zentner Bucheckern wurden beispielsweise 1917 an die landwirtschaftliche Central-Darlehenskasse in der Frankfurter Schillerstraße geschickt. Bei der strengen Kälte von minus 20 bis 24 Grad im Winter gingen in der Schule die Kohlen aus, es konnte nicht mehr geheizt werden, und im Februar und März fiel der Unterricht größtenteils aus.

Auch Verschwörungstheorien blühten in diesem Umfeld. Als 1917 einem Landwirt eine Kuh einging, wurde vermutet, sie sei von einem der französischen Kriegsgefangenen vergiftet worden, was dazu führte, dass dieser Vorgang eigens von einer Militärkommission untersucht wurde.

Und als im Winter 1918 wieder das Brennmaterial knapp wurde, genehmigte die Gemeindevertretung einstimmig, das Winterholz abzuholzen. Bereits 1917 waren die die größte und die kleinste Kirchenglocke abgenommen und eingeschmolzen worden. Daher konnte am 1. März 1918 nur noch mit einer Glocke der Frieden mit Russland begrüßt werden. Doch dauerte es noch bis zum 11. November 1918 bis endgültig Schluss war, was Hauptlehrer Schmitt wiederum in seiner Schulchronik dokumentierte: „Der schreckliche Weltkrieg hat für uns ein wenig ruhmreiches Ende gefunden. Am 11. November 1918 kam zwischen Deutschland und seinen Feinden ein Waffenstillstand mit sehr harten Bedingungen zustand. Wir mussten einen großen Teil unserer Lokomotiven und Eisenbahnwagen abgeben. Am 9. November 1918 brach in Deutschland eine Revolution aus. Sämtliche deutsche Fürsten entsagten dem Thron. Deutschland wurde eine Republik.“ Die 52 Niederselterser Gefallenen erwähnte der Hauptlehrer mit keinem Wort.

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