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Flüchtlingslager in Runkel: „Halligalli neben dem Elend?“

Von Die Stadt Runkel stellt sich auf die Ankunft von 750 Asylbewerbern in den nächsten Tagen und Wochen ein. Am Mittwochabend informierten Stadt und Landkreis vor rund 500 Bürgern in der Stadthalle über zwei geplante Notunterkünfte in Dehrn und Schadeck. Am Standort Sportplatz Schadeck gab es teils heftige Kritik.
Bürgermeister Friedhelm Bender verteidigte die Entscheidung für Schadeck. Bürgermeister Friedhelm Bender verteidigte die Entscheidung für Schadeck.
Runkel. 

Zum Bersten gefüllt war die Stadthalle Runkel beim Informationsabend zum Thema Flüchtlinge am Mittwoch. Kein Wunder, denn im Vorfeld der Versammlung hatte die Gerüchteküche im Stadtteil Schadeck schon kräftig gebrodelt: Warum ein Flüchtlingslager ausgerechnet auf dem Sportplatz des Turnvereins Schadeck, wird auch das Haus der Vereine benutzt, können wir dort noch unsere Feste feiern, kommen tatsächlich nur 750 Flüchtlinge oder werden es am Ende noch viel mehr? Bürgermeister Friedhelm Bender (SPD) und Vertreter der Kreisverwaltung bemühten sich um Aufklärung und Beschwichtigung.

Drei Hallen

Die Fakten: Im Stadtteil Dehrn werden zwei alte Fabrikhallen zu Flüchtlings-Notunterkünften umgebaut, dazu werden ein Sanitärcontainer aufgestellt und eine Bürofläche für Familien mit Kinder hergerichtet. Das Gelände, auf dem sich 500 Menschen aufhalten sollen, wird eingezäunt – „um Neugierige fernzuhalten“, wie Albrecht Heckelmann vom Eigenbetrieb Gebäudewirtschaft des Landkreises Limburg-Weilburg erklärte. Schon Ende kommender Woche soll eine der Hallen bezugsfertig sein, die andere folgt bis Januar.

In Schadeck ist der Bau von drei Leichtbauhallen à 600 Quadratmeter Grundfläche auf dem dortigen Sportplatz vorgesehen. Hier sollen 250 Menschen wohnen. Die Hallen sind winterfest und beheizbar, so Heckelmann. Wie auch in Dehrn wird es einen Sanitär-Container und eine Umzäunung geben. Beide Lager werden von einem Sicherheitsdienst bewacht. Betreut werden die Menschen unter anderem von Sozialarbeitern, einem Mediziner, Sanitätern und Dolmetschern. Weil Dehrn und Schadeck lediglich als Notunterkünfte geplant sind, wird es laut Dr. Thomas Ort vom Amt für öffentliche Ordnung eine hohe Fluktuation geben. Viele blieben nur ein paar Tage, bevor sie auf Erstaufnahmelager verteilt würden. Kreisbrandinspektor Georg Hauch sagte: „Hier kommen viele traumatisierte, kranke Menschen.“

An den Plänen für Schadeck hagelte es heftige Kritik, wobei viele Redner betonten, dass sie nicht gegen die Unterbringung von Flüchtlingen hätten, den Standort Sportplatz aber für ungeeignet hielten. Der Stadt wurde vorgeworfen, Alternativen nicht hinreichend geprüft zu haben. Vor allem die Nachbarschaft zum Haus der Vereine sorgte für Unmut. Helmut Burgwinkel erklärte: „Ich kann nicht feiern, wenn draußen die Armut herrscht, da käme ich mir schäbig vor.“ Auch könne er nicht verstehen, warum sich die Stadt ausgerechnet für einen Ortsteil entschieden habe, in dem es „weder Geschäfte, noch Ärzte oder Apotheke gibt“. Eine Schadeckerin befürchtete, dass dem Dorf nun das Kulturleben genommen wird. „Wir können nicht feiern, wenn nebenan 250 traumatisierte Menschen schlafen“, sagte sie. Ein anderer Bürger fürchtete neugierige Blicke: „Dort wird getanzt, geturnt und gefeiert, sollte man nicht die Fensterscheiben zukleben?“ Tanztrainerin Marina Lanois hielt Bender vor, zu spät informiert zu haben. Auch sie fand, dass es einen „faden Beigeschmack hätte, wenn wir Halligalli neben dem Elend machen“. Für Veranstaltungen hoffe sie auf eine Alternative zum Haus der Vereine.

„Verkehrstechnisch ist Schadeck unmöglich“, schimpfte ein weiterer Bürger und fragte Bender, ob er die Flüchtlinge etwa mit dem Runkeler Bus’chen transportieren lassen wolle. Die 250 für Schadeck zugedachten Asylbewerber hätte man „ohne Weiteres noch in Dehrn unterbringen können“, sagte er. „Dort stimmt wenigstens die Infrastruktur.“ Mitglieder des TV Schadeck kritisierten, dass die Stadt den Sportplatz benutze, ohne den Verein vorher gefragt zu haben; schließlich existiere ein Pachtvertrag. Verwundert zeigten sich manche Bürger auch darüber, dass die Leichtbauhallen ohne Baugenehmigung errichtet werden – was laut Albrecht Heckelmann jedoch zulässig ist.

Bender: Keine Alternative

Den Kritikern hielt Bender vor allem entgegen, dass es zum Sportplatz schlicht keine Alternative gebe. Geprüft worden seien auch der Bahnhof Runkel, die Herrenwiese und der Platz neben dem Friedhof – alle ungeeignet, wobei die Stadt auf die Herrenwiese womöglich später noch zurückkommen müsse. Der Schadecker Sportplatz liege seit Jahren brach. „Dort wird kein Ball mehr getreten.“ Die FSG Runkel könne in Hofen und Runkel spielen. Hinsichtlich des bestehenden Pachtvertrages sah sich Bender „zumindest moralisch im Recht“, wie er sagte. Immerhin sei der Platz Eigentum der Stadt und dem TV Schadeck nur zum Fußballspielen überlassen worden. „Es geht nicht, dass wir eine brachliegende Sportfläche Menschen als Unterkunft verwehren“, rief er unter Applaus in den Saal. Er versprach, dass die Stadtteile, die jetzt Flüchtlinge aufnehmen, finanziell von Zuwendungen des Landes – immerhin 350 Euro pro Kopf – profitieren sollen.

Kein Verständnis zeigte der Bürgermeister für Bedenken wegen des benachbarten Hauses der Vereine, das für die Flüchtlingsunterbringung „zu nullkommanull Prozent genutzt“ werde. „Da kann auch zu hundert Prozent gefeiert werden“, sagte er. Er appellierte: „Da kommen keine Horden von Verbrechern.“ Wenngleich er nicht dafür garantieren könne, dass auch Menschen mit Verfehlungen darunter seien. Auch halte niemand die Vereine davon ab, Flüchtlinge zum Feiern einzuladen. Ohnehin gebe es in Schadeck „gar nicht so viele Feste“, meinte er. Den Vorwurf eines Bürgers, dass Landrat Manfred Michel ihn auf die leerstehenden Plastipol-Hallen angesprochen habe, bestritt Bender entschieden.

Auch etliche Bürger reagierten mit Unverständnis auf die kritischen Wortmeldungen. „Wir stehen vor einem Problem, das wir zu lösen haben“, meinte Stadtverordneter Lothar Burggraf. Barbara Miegel zeigte sich empört: „Ich bin geschockt. Ihr macht Euch Gedanken über Dinge, die nicht genutzt werden, das kann nicht sein.“ Sie selbst habe schlicht Angst vor fremden Menschen und dem Ungewissen – so gehe es wohl den meisten. Christa Pullmann, Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, warb um Verständnis für die Flüchtlingspolitik, machte aber auch deutlich, dass sie eine spätere Rückkehr der Syrer in ihr Heimatland für notwendig hält. „Dann haben sie von uns hoffentlich etwas gelernt.“ Die Herkunftsländer dürften nicht ihrer Jugend beraubt werden.

Rettungssanitäter Moritz Dreiling vom DRK Oberlahn berichtete von seinen persönlichen Erfahrungen in den Erstaufnahme-Einrichtungen in Waldhausen und Staffel: „Das sind ganz normale Menschen mit sehr geringen Ansprüchen.“ Riesigen Applaus erhielt Dreiling für den Satz: „Vielleicht sollte es einen Impfstoff gegen krankes Gedankengut geben.“

Dreiling bezog sich damit auf einen unbekannten Redner, der mutmaßlich zur neonazistischen Partei „Der Dritte Weg“ gehörte. Dieser hatte behauptet, dass unter den Flüchtlingen allenfalls ein Prozent als asylberechtigt anerkannt würde. Die restlichen 99 Prozent seien die, von denen viele dann kriminell würden. Vor der Stadthalle verteilte der Mann anschließend Handzettel unter der Überschrift „Asylmissbrauch in Deutschland stoppen!“ Urheber war der „Dritte Weg“ aus Bad Dürkheim (Pfalz). Zu lauten Wortgefechten kam es, als Bürger den Unbekannten zum Verschwinden aufforderten.

Bender griff abschließend das Angebot mehrerer Bürger auf, sich ehrenamtlich zu engagieren. Hilfe sei notwendig und willkommen. Demnächst werde dazu ein „Runder Tisch“ eingerichtet. An die Versammlung appellierte er: „Wir alle gemeinsam können es schaffen. Es geht aber nur mit Ihnen, bitte helfen Sie mit!“

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