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Engagierte Gruppe in Villmar: Hilfe für die Flüchtlinge

38 Asylbewerber leben derzeit im Marktflecken Villmar, 17 von ihnen im ehemaligen Schwesternhaus. Eine Gruppe von Villmarern hilft ihnen bei der Bewältigung des Alltags in einem für sie fremden Land.
Am Mittwoch beginnt wieder der Deutschunterricht für die Asylbewerber. Die ehrenamtlichen Helfer und Schüler halten schon mal Einblick in die neuen Unterrichts-Materialien. Am Tisch sitzend (v. li.): Paul Arthen von der KAB, Claudia Wilhelm, Tanja Gierden mit ihren Söhnen, Beate Hepp, Astrid Schwenk-Schmidt; dahinter stehen: Fabian Eigenbrodt, Helmut Hübinger, Yonaas Zemede und Libaan Abdula.	Foto: Brendgen Am Mittwoch beginnt wieder der Deutschunterricht für die Asylbewerber. Die ehrenamtlichen Helfer und Schüler halten schon mal Einblick in die neuen Unterrichts-Materialien. Am Tisch sitzend (v. li.): Paul Arthen von der KAB, Claudia Wilhelm, Tanja Gierden mit ihren Söhnen, Beate Hepp, Astrid Schwenk-Schmidt; dahinter stehen: Fabian Eigenbrodt, Helmut Hübinger, Yonaas Zemede und Libaan Abdula. Foto: Brendgen
Villmar. 

Eigentlich wollte sie nur einen Kuchen vorbeibringen und sagen: „You are welcome“ – Ihr seid willkommen. Das war Weihnachten 2013. Beate Hepp, Lehrerin an der Villmarer Johann-Christian-Senckenberg-Schule, hatte davon gehört, dass in Villmar Asylbewerber im Schwesternhaus untergebracht waren. Als sie bei ihrem Besuch sah, wie beengt die damals 17 Menschen aus Somalia, Eritrea und Bosnien dort lebten, war für sie klar: Hier muss was geschehen.

In relativ kurzer Zeit hatte sie aus ihrem Freundes- und Kollegenkreis Mitstreiter gewonnen, die sich mit ihr für die Flüchtlinge engagieren wollten. „Wie können wir euch helfen?“, so die gezielte Frage. „Wir möchten gerne Deutsch lernen“, so die eindeutige Antwort. Ab Februar 2014 erteilten Beate Hepp und ihre Kollegen Astrid Schwenk-Schmidt und Fabian Eigenbrodt den Asylbewerbern Deutschunterricht. „Zuerst hatten wir uns mit Unterrichtsmaterial aus der Eingangsstufe beholfen. In kleinen Rollenspielen wurden Alltagssituationen wie Einkaufen, Begrüßen und Vorstellen oder nach dem Weg fragen geübt“, erklärt Astrid Schwenk-Schmidt. Die „Schüler“ zeigten sich sehr lernwillig, legten fleißig Vokabelhefte an, und der Spaß kam auch nicht zu kurz: „Vor allem wenn wir mit Memory oder Rechenspielen übten, wurde viel gelacht“, so die Lehrerin. Mitte des Jahres setzten sich die Helfer mit der Katholischen Arbeiter Bewegung (KAB) Villmar in Verbindung, die ebenfalls in dieser Thematik engagiert war. Die KAB kümmerte sich dann um weitere, dringend benötigte Unterrichtsmaterialien.

 

Behördengänge

 

Mit der Zeit lernte man sich immer besser kennen, die Flüchtlings-Familien fassten Vertrauen, und so war es naheliegend, dass sie sich mit Behördenbriefen oder Arztterminen hilfesuchend an ihre Lehrer wandten. Diese beließen es dann allerdings nicht nur beim Übersetzen, sondern übernahmen auch den Fahrdienst inklusive Begleitung zum Sozialamt, Standesamt oder zur Ausländerbehörde. Der Helferkreis hatte sich inzwischen ausgeweitet: Claudia Wilhelm erteilte ebenfalls Deutschunterricht, Tanja Gierden und Helmut Hübinger leisteten bei den Behördengängen praktischen Beistand – und das hat sich in jeder Hinsicht bewährt. „Wir haben festgestellt, dass es für beide Seiten einfacher ist, wenn einer von uns dabei ist“, zeigt mittlerweile die Erfahrung.

Eine der Familien hat vor kurzem eine Wohnung in Villmar gefunden. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes im November wurde es in dem Zimmer im Schwesternhaus entschieden zu eng. Jetzt ist die Familie glücklich über die Wohnung, die sie über das Helferteam gefunden hatte: „Ich habe halt überall herumgefragt und irgendwann hat es dann geklappt“, berichtet Helmut Hübinger. Der Umzug in das neue Heim erfolgte zwischen Weihnachten und Silvester, und natürlich standen auch hier einige der Helfer parat. Eine gebrauchte Küche war schnell gefunden. „Allerdings waren wir beim Einbau dann doch etwas überfordert“, so Tanja Gierden. Aber auch dieses Problem wurde gelöst: Zwei handwerklich begabte Männer, Wolfgang Wingenbach und Martin Ludwig, erklärten sich spontan bereit, beim Aufbau zu helfen. Überhaupt ist das Team angenehm überrascht, wie groß die Hilfsbereitschaft der Villmarer ist und wie sich das „Netzwerk“ nach und nach ausdehnt. „Man muss halt einfach nachfragen“, so die Erkenntnis.

 

100 966 Kilometer

 

Und manchmal muss man auch einfach beharrlich bleiben, zeigt die Erfahrung. Sei es, wenn es um die Wohnungssuche geht und die damit verbundene Unterstützung vom Sozialamt oder einen Kindergartenplatz für eines der Kinder. Aber bislang wurde noch immer eine Lösung gefunden und das nicht zuletzt auch „Dank der sehr hilfsbereiten Mitarbeiter auf den Ämtern“, berichtet Hübinger.

Natürlich ist es nicht nur wichtig, Hilfe in die Gruppe der Flüchtlinge hineinzubringen, die Asylbewerber müssen auch „herauskommen“, damit die Menschen ihrer neuen Heimat die Chance haben, sie kennenzulernen. Guten Anklang fand daher die Aktion vom Villmarer Weihnachtsmarkt: Gemeinsam mit den Asylbewerbern wurde ein Stand aufgebaut. Er bekam den Namen „100 966 Kilometer“ – nämlich die Summe der Strecke, die die Menschen aus dem Schwesternheim auf ihrer Flucht vor Verfolgung und Krieg zurückgelegt hatten. Die Asylbewerber gaben Auskunft über ihre Schicksale, auf einer Weltkarte konnten die gefahrvollen Wege nachvollzogen werden.

Nicht nur der Stand am Weihnachtsmarkt, auch die Präsenz bei Schulveranstaltungen, privaten Feiern, Fußballvereinen oder auch in der Weyerer Kirche beim diesjährigen Adventskonzert haben dazu beigetragen, dass Flüchtlinge und Einheimische einander kennenlernen und Berührungsängste abbauen konnte. Das Helferteam ist überzeugt, dass sich diesbezüglich sehr viel im vergangenen Jahr getan hat. Dass man ihr das eine oder andere mal fragend hinterherschaut, wenn sie drei „schwarze Männer“ im Auto sitzen hat, weil sie mal wieder auf dem Weg zu irgendeiner Behörde sind, trägt Beate Hepp mit Humor. Und auch Helmut Hübinger sieht es gelassen, wenn er mal wieder auf „seine Afrikaner“ angesprochen wird. „Es ist schön, dass wir diesen Menschen helfen können, und sie sind mehr als dankbar dafür“, so der Tenor dieser außergewöhnlichen Gruppe.

Bürger, die ebenfalls mit ihrer Zeit, Geld- oder Sachspenden die Arbeit mit den Asylbewerbern unterstützen wollen, können die Helfer direkt ansprechen oder sich an Paul Arthen, Vorsitzender der KAB Villmar, wenden. Für das Frühjahr ist geplant, den Garten hinter dem Villmarer Schwesternhaus als Nutz- und Spielgarten für die Familien herzurichten. Hier ist man für jede praktische Hilfe oder das Überlassen von Gartengeräten dankbar.

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