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Kampf ums Überleben

Kleine Zirkusunternehmen haben zu kämpfen in der Zeit von Internet und Smartphone. Eines von ihnen ist der Zirkus Gebrüder Köllner, der an diesem Wochenende in Weilburg zu Gast ist.
Zirkusmenschen durch und durch: Ramon, Jason, Jürgen und Melissa Köllner mit Baby Jordan (v. li.). Zirkusmenschen durch und durch: Ramon, Jason, Jürgen und Melissa Köllner mit Baby Jordan (v. li.).
Weilburg/Krefeld. 

Viele Menschen haben aus Kinderzeiten Zirkus wahrscheinlich noch als romantische Welt in Erinnerung. Im Jahr 2016 hat die harte Realität die in der Branche Tätigen aber längst eingeholt. Ohne den Idealismus der über Generationen in Zirkussen tätigen Akteure würde es viele kleine Familienunternehmen längst nicht mehr geben. Einer von ihnen ist der Circus Gebrüder Köllner, der vom heutigen Freitag bis Sonntag auf dem Weilburger Kirmesplatz gastiert.

Immer unterwegs

Gebrüder Köllner, das sind der 16-jährige Jason, der 13-jährige Ramon, Bernardo (9) und Jordan (neun Monate), den alle nur „Baby“ rufen. Jordan sitzt gestern im Zirkuswagen in seiner Krabbelstube und lacht übers ganze Gesicht. „Er wird mal ein Tiermensch“, sagt Vater Jürgen Köllner. Denn Baby streichelt für sein Leben gerne Pferde. Der Knirps ist ein Hesse und wurde in Schwalmstadt geboren. Jedes Familienmitglied hat einen anderen Geburtsort im Pass stehen. Denn die Köllners sind immer unterwegs.

Bereits drei Jahre vor einem Auftritt schicken sie ihre Bewerbungen an die Städte heraus – 400 waren es zuletzt. Von zehn Bewerbungen kommt vielleicht eine positive Antwort. Alle anderen Städte haben keine geeigneten Plätze mehr, mit anderen Zirkussen schlechte Erfahrungen gemacht oder wollen prinzipiell keine Unternehmen mit Tieren mehr zulassen. Und private Plätze zu finden, wird immer schwieriger.

Der aus dem Vogtland stammende Jürgen Köllner kann die Haltung der Kommunen nicht verstehen, „denn wenige schwarze Schafe gibt es in jeder Branche“. Seine Frau Jessica (38) ist ebenfalls Zirkusmensch durch und durch. Ihr Ururopa Hermann war Gründer des Zirkus Schickler aus Duisburg. „Irgendwann wurden aus den Straßengauklern Zirkusleute“, sagt sie. Als sie vor 18 Jahren ihren Mann kennenlernte, schloss sie sich dessen Betrieb an. Meistens nimmt man Partner aus der Branche, weil andere oft Probleme mit dem Vagabundenleben haben. „Wenn wir unseren Beruf nicht lieben würden, wäre es leichter, sich in eine Plattenbausiedlung zu setzen und Hartz IV zu beantragen“, meint Jürgen Köllner.

Dass die Jugend heute lieber am Smartphone und Computer spielt, als Tieren, Akrobaten, Zauberern und Clowns zuzusehen, war auch einer der Gründe, warum aus dem Zirkus Americano vor ein paar Jahren der Zirkus Gebrüder Köllner wurde. Denn fremde Mitarbeiter sind nicht mehr bezahlbar. Obwohl keiner der Gebrüder volljährig ist, ist sich Jason sicher: „Ich will diesen Zirkus mit meinen Brüdern ganz groß machen. Ich würde liebend gerne auch mal beim großen Zirkusfestival in Monte Carlo auftreten.“ Jason war gerade erst ein Jahr alt, als er den ersten Auftritt in der Manege absolvierte. In einer Clownsnummer steckte der Spaßmacher einen Teletubbie in die Waschmaschine. Heraus kam nach dem Waschgang ein kleiner Teletubbie, Jason. Mittlerweile ist der junge Mann schon ein glänzender Artist. Das meiste hat er sich selbst beigebracht. Der 16-Jährige schaut sich im Internet Nummern anderer Künstler an. Dann überlegt er, was er davon schaffen kann – und fängt mit dem Training an. Zwei bis drei Stunden pro Tag übt er.

Strenge Kontrollen

Jason kann schon hervorragend jonglieren. Ramon macht mit seinem älteren Bruder im fast zweistündigen Programm eine Diabolonummer. Ansonsten arbeitet der 13-Jährige als Clown und mit Ponys. Bernardo geht derzeit in Weilburg zur Grundschule. Seine beiden älteren Brüder können Online-Unterricht machen. Das gibt es für Zirkuskinder aus Nordrhein-Westfalen. Denn am gemeldeten Wohnort Krefeld ist die Familie nur selten, denn sie muss ja touren und Geld verdienen. Jason möchte dieses Jahr noch seinen Hauptschulabschluss machen. Mit Freunden in anderen Städten halten die Gebrüder über Facebook und Whatsapp Kontakt. Mutter Jessica sagt klar: „Wenn einer unserer Söhne einen anderen Beruf ausüben wollte, könnte er es tun. Man kann niemanden zwingen, beim Zirkus zu bleiben.“

Wer einmal in diese Welt hineingeboren wurde, will sie aber meistens nicht mehr loslassen. So zeigt die 39-jährige Jessica Köllner Akrobatik in der Luft, läuft übers Seil und stellt sich als Ziel für ihren Messer werfenden Gatten zur Verfügung. Der hat auch noch eine Nummer mit zehn Pferden und ist ein Feuerspucker. Seine Mutter Julia hilft mit 70 Jahren noch in der Küche. Alle elf Mitwirkenden sind Familienmitglieder, Geschwister, Cousins.

In Weilburg hofft die Familie im 200-Personen-Zelt auf genügend Gäste, denn hier sei seit über einem Jahr kein anderes Unternehmen mehr gewesen. Es gibt aber auch Vorstellungen, in denen nur noch 15 Personen sitzen. Bei Eintrittspreisen von acht bis 18 Euro für Kinder und zehn bis 20 Euro für Erwachsene zu wenig, um zu leben, und zu viel, um zu sterben. Denn Benzinkosten für 16 Transporter und Plakatwerbung müssen bezahlt werden. 300 Euro zahlen die Köllners pro Tag in Weilburg nur für den Standplatz. Dazu kommt immer mehr Ärger mit Tierschützern, wie Köllner sagt. „Wir halten unsere Tiere anständig und gehen liebevoll mit ihnen um“, versichert der 40-jährige Familienvater. Die Tierquälvideos im Internet stammten nicht aus Deutschland. Hier werde streng kontrolliert, und jeder könne bei ihnen vorbeischauen und sich ein eigenes Urteil bilden.

Wer sich den Zirkus Köllner in Weilburg mit seinen Pferden, Ponys, Lamas und einer Taubennummer einmal ansehen will, hat bei den Vorstellungen heute, Freitag, 17 Uhr, Samstag, 15 und 18 Uhr, sowie Sonntag, 14 Uhr, Gelegenheit dazu.

(rok)
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