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Klienten brauchen nichts zu bezahlen – Hospizium-Geschäftsführer im Interview

Lothar Lorenz führt seit 2001 die Geschäfte der gemeinnützigen Hospizium GmbH. Der gelernte Drogistenmeister und Krankenpfleger mit diversen Zusatzausbildungen arbeitete zuvor als Krankenpflegedirektor eines 450-Betten-Hauses.
Lothar Lorenz leitet die Gemeinnützige Hospizium GmbH.	Foto: Hüls Lothar Lorenz leitet die Gemeinnützige Hospizium GmbH. Foto: Hüls
Hadamar. 

NNP-Redakteur
Christof Hüls stellte ihm einige praktische Fragen zu Möglichkeiten, Aufbau und Ideen der neuen Einrichtung in Hadamar.

Wer bezahlt den Aufenthalt der Menschen, die bei Ihnen einziehen?

LOTHAR LORENZ: Zu 90 Prozent die Krankenkassen, den Rest müssen wir über Spenden finanzieren.

Also müssen der Klient oder deren Verwandte nichts bezahlen?

LORENZ: Ja richtig. Früher hatten die Klienten einen Eigenanteil zu leisten. Das entfällt seit drei Jahren.

Wie finanzieren Sie die restlichen Kosten?

LORENZ: Wir sind auf Spenden angewiesen. Ich rechne mit jährlichen Kosten nur in Hadamar von rund 120 000 Euro. Deshalb werben wir um Unterstützung. Wahrscheinlich können wir noch in diesem Sommer unsere Hospizium-Stiftung gründen, um damit auch größere Spenden zu vereinfachen. An anderen Orten profitieren unsere Einrichtungen beispielsweise auch von Hinterlassenschaften. Eines geht allerdings nicht: Man kann sich keinen Platz im Hospiz erkaufen.

Wer entscheidet über die Aufnahme ins Hospiz?

LORENZ: In 80 Prozent der Fälle kommen die sterbenskranken Menschen aus dem Krankenhaus. Dort entscheidet der Soziale Dienst zusammen mit den Betroffenen über den sinnvollen weiteren Weg eines Menschen: Ob er nach Hause kommt, in eine stationäre Pflege oder ob eine Unterbringung im Hospiz infrage kommt. Vom Krankenhaus wird dann auch direkt ein Antrag an die Krankenversicherung auf Kostenübernahme gestellt.

Wie lange dauert die Bearbeitung eines solchen Antrages?

LORENZ: Das kommt auf die Krankenkasse an: zwischen einer Stunde und mehreren Wochen. Wir haben deshalb aber noch niemandem die Aufnahme verweigert. Denn nach mehreren Wochen kann es in vielen Fällen schon zu spät sein, weil der Tod schneller war.

 

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Wie lange bleiben Ihre Klienten?

LORENZ: Die meisten leben noch drei bis vier Wochen hier. Doch etwa zehn bis 15 % können wir auch wieder entlassen, weil sich ihr Zustand wieder bessert.

Wie erklären Sie sich das?

LORENZ: Wir erleben, dass Dinge geschehen, die man einfach nicht beeinflussen kann. Die Ruhe hier tut sicher vielen gut. Hier macht niemand morgens um 6 Uhr die Betten, kurz bevor ein Pfleger oder Arzt nach dem anderen hereinkommt. Hier darf jeder ausschlafen, wenn er will. Und manchmal wirkt sich das Absetzen der Medikamente auch positiv aus. Wir verabreichen nur noch das Allernötigste.

Was heißt das?

LORENZ: Es geht nur noch um fünf Punkte, die wir lindern oder in Funktion halten müssen: Schmerz, Übelkeit, Unruhe, Verdauung und Atmung. Alle anderen Mittel werden, natürlich in Absprache mit dem Arzt, abgesetzt – beispielsweise Schilddrüsen-Medikamente oder Insulin. Es gibt für Krebspatienten die Möglichkeit einer Palliativ-Chemo, die versucht, einen Tumor im Wachstum zu hemmen. Damit wollen wir aber nur die Schmerzen oder Beschwerden lindern.

Welche Rollen spielen Ärzte?

LORENZ: Natürlich werden alle Maßnahmen mit dem Arzt abgesprochen. Das Gesundheitszentrum St. Anna bietet mit seinen Fachärzten hervorragende Kooperationsmöglichkeiten. Wir sprechen eine Bedarfsmedikation ab, die wir eigenverantwortlich in drei Stufen steigern können – beispielsweise bei Schmerzen. Erst wenn nichts mehr hilft, müssen wir einen Arzt hinzuziehen. Für ein Hospiz müssen rund um die Uhr Mediziner ansprechbar sein. Wir akzeptieren jedoch den Willen eines Kranken auch in punkto lebenserhaltender Maßnahmen. Wir rufen keinen Notarzt, wenn dies nicht gewünscht ist.

Welche Anforderungen haben Sie ans Personal und wie gut bekommen Sie geeignete Bewerber?

LORENZ: Keine acht Tage, nachdem unser Projekt bekannt wurde, hatte ich zehn Bewerbungen auf dem Tisch. Wir arbeiten ausschließlich mit examinierten Kräften, statt nur die Mindestforderung nach einer Fachkraft pro Schicht zu erfüllen. Von den acht lebens- und berufserfahrenen Pflegekräften, die am 1. Oktober anfangen, haben sechs eine Zusatzausbildung Palliativ-Care. Wir machen in unseren Einrichtungen immer wieder die Erfahrung, dass Pflegekräfte, die einmal im Hospiz waren, nichts anderes mehr machen wollen. Dort betreut ein Pfleger vier Klienten. Einen ähnlichen Personalschlüssel gibt es sonst nur noch auf der Intensivstation. Die Praxis zeigt aber auch, dass die Angehörigen oft mehr Betreuung bedürfen als die Klienten selbst.

Aber dafür wollen Sie noch Ehrenamtliche gewinnen. Welche Voraussetzungen brauchen diese freiwilligen Begleiter?

LORENZ: Ich hoffe, hier in Hadamar 20 Begleiter zu gewinnen. Jeder sollte eine Fortbildung als Hospizbegleiter absolviert haben. Über die Möglichkeit, solche Kurse auch in Hadamar durchzuführen, werden wir noch beraten. Das Gute ist, dass die Freiwilligen hier im Gegensatz zur ambulanten Betreuung nicht als Einzelkämpfer arbeiten.

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