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Nur noch betreutes Spielen: Kostenfreie Kita und neues Gesetz machen Betreuung noch komplizierter

Von Seit 1. August müssen Eltern nichts mehr für den Kindergarten bezahlen – zumindest für den Regelplatz. Das hat zu einem Ansturm auf die Ganztagsplätze geführt. Die größeren Probleme bereitet den Kitas allerdings das Kinderförderungsgesetz (KiföG), sagen Eltern und Erzieher.
Dass sich die Erzieherinnen in den Kindertagesstätten wirklich Zeit für den Nachwuchs nehmen können, wird immer seltener. Foto: Anette in Concas Dass sich die Erzieherinnen in den Kindertagesstätten wirklich Zeit für den Nachwuchs nehmen können, wird immer seltener.
Hadamar. 

So etwas könne sich kein anderer Dienstleister erlauben: Die Kundenwünsche zu missachten und dazu noch so unflexibel zu sein. „Aber die meisten Eltern haben sich eben irgendwie arrangiert“, sagt Anke Herodek. Sie nicht. „Warum müssen wir uns arrangieren?“, fragt sie. Im Bündnis familienfreundliches Hadamar kämpft sie weiter für Kindergärten, die sich am Bedarf orientieren – am Bedarf der Kinder und ihrer Eltern.

Dass die Situation besser wird, weil der Regel-Kitaplatz in ganz Hessen seit dem 1. August kostenlos ist, glaubt sie nicht. „Wir wollen nicht weniger bezahlen, wir wollen bessere Kitas.“ Anke Herodek weiß, wovon sie redet. Ihr Sohn geht in die evangelische Theodor-Fliedner-Kindertagesstätte in Niederhadamar. Und er sei eines der Opfer des hessischen Kinderförderungsgesetzes (kurz: KiföG). Das regelt die Standards in den Kitas und die Landeszuschüsse und damit auch die Gruppengrößen und Zahl der Erzieher. „Die Betreuungssituation hat sich nach der Umstellung auf die KiföG-Standards eindeutig verschlechtert“, sagt Sarah Schulz vom Elternbeirat der Theodor-Fliedner-Kita. „Im Prinzip ist das nur noch betreutes Spielen.“

Ein Standortfaktor

Im März hatte Sarah Schulz zuletzt um Unterschriften für eine Petition gegen das KiföG geworben – ohne Erfolg. Was vielleicht auch daran liegt, dass die Theodor-Fliedner-Kita in Niederhadamar ist – mit seiner eher dörflichen Struktur, wo oft noch die Oma und der Opa einspringen, wenn Mama und Papa arbeiten gehen. „Aber es kann doch nicht sein, dass die Betreuungssituation auf dem familiären Rückhalt basiert“, sagt Anke Herodek. Das könne sich eine Kommune mit ständig wachsenden Neubaugebieten auf Dauer nicht leisten. Eine gute Kinderbetreuung sei auch ein Standortfaktor.

Info: Auch woanders im Kreis: Warten auf den Ganztagsplatz

Auch in Limburg ist die Nachfrage nach Ganztagsplätzen leicht angestiegen, seit sechs Stunden Betreuung kostenlos sind. Und in den allermeisten der 21 Einrichtungen im Stadtgebiet gebe es Wartelisten,

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Und die meisten Eltern seien eben darauf angewiesen, dass ihre Kinder einen Platz bekommen. Einen Platz, der zu ihren Arbeitszeiten passt. Doch die sind rar. Die Regel-Betreuungszeit in den Hadamarer Kindertagesstätten zum Beispiel ist von 7.30 bis 12.30 Uhr und dann noch einmal von 14 bis 16.30 Uhr. Freitags allerdings nur bis 16 Uhr, die halbe Stunde hat die Stadt gestrichen – aus Kostengründen. „Jetzt haben wir die größtmögliche Öffnungsmöglichkeit mit dem geringsten Personal“, sagt Carmen Weimert, die Leiterin der Kita.

Bedarf nie ermittelt?

Die Stadt Hadamar sagt, diese Öffnungszeiten richteten sich nach dem Bedarf. Zu einer weiteren Stellungnahme war die Verwaltung trotz mehrerer Anfragen bislang nicht bereit. Herodek hat eine Vermutung, woran das liegt: Bislang habe man den Bedarf nie richtig ermittelt. Jedenfalls seien die Eltern nie nach ihren Wünschen befragt worden. Sie weiß, dass es anders geht. Und beneidet eine Freundin in Wetzlar. Deren Kind hat ebenfalls einen Regelplatz und trotzdem kann sie mehr als nur ein paar Stunden arbeiten – die Kita ist von 8 bis 14 Uhr geöffnet – ohne Unterbrechung. Sie braucht keinen Ganztagsplatz.

Anders als viele andere Eltern, die sich entscheiden müssen: Entweder Job oder Kinder. Allein in der Theodor-Fliedner-Kita warten derzeit sechs Eltern auf einen Ganztagsplatz, einen der zu ihren Arbeitszeiten passt. 75 Kinder besuchen die Kita, 50 von ihnen für sechs Stunden oder weniger, 25 auch über Mittag. Der Träger, die evangelische Kirche, habe bereits drei zusätzliche Ganztagsplätze genehmigt, nur die Stadt habe noch kein grünes Licht gegeben, sagt Carmen Weimert. Aber auch 28 Ganztagsplätze würden vermutlich nicht ausreichen. Der Bedarf steigt. Und der Bedarf an qualifizierter Betreuung auch.

Aber die pädagogische Arbeit sei durch das KiföG sehr schwierig geworden – zu wenig Personal, zu viel Bürokratie. „Ich verwalte hier nur noch den Notstand“, sagt Carmen Weimert. Und wenn dann noch jemand krank wird, ist noch nicht einmal mehr das möglich. Seit einem Jahr hängt ein Notfall-Plan im Eingangsbereich des Kindergartens. Ein paar Mal musste der Kindergarten schließen, weil nicht genug Personal da war, um die Aufsichtspflicht zu erfüllen. „Wir müssen uns ja auch absichern“, sagt Carmen Weimert.

Und die Eltern mussten es ausbaden. Die Situation werde bestimmt nicht besser, ist Anke Herodek überzeugt. Und die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Eltern auch nicht. Jetzt fehle nur noch der Hinweis, dass sie ja sowieso nichts für den Platz bezahle. „Doch, das tun wir – mit unseren Steuern.“

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