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Es gibt noch viel zu tun: Limburg: Selbsthilfegruppen zeigen, wie weit der Weg zur Inklusion noch ist

Von Größer, bunter, informativer: Der 26. Tag der Selbsthilfe hat jede Menge Besucher ins Zelt auf dem Europaplatz gelockt. Und hat bei einigen für einen Aha-Effekt gesorgt.
So funktioniert Gebärdensprache: Beim Tag der Selbsthilfe zeigten Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft St. Georg, wie sie sich verständigen. Foto: Rauch, Sabine So funktioniert Gebärdensprache: Beim Tag der Selbsthilfe zeigten Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft St. Georg, wie sie sich verständigen.

Horst Weigel weiß ganz genau, dass sich niemals jemand vor ihn stellen wird und sagen: „Ich bin alkoholabhängig und suche eine Selbsthilfegruppe.“ Trotzdem sind Horst Weigel und der Freundeskreis Selbsthilfe jedes Jahr beim Tag der Selbsthilfe in Limburg dabei. Denn Horst Weigel und die anderen Mitglieder der Gruppe hoffen, dass die Besucher Broschüren und Flyer mitnehmen oder das Gespräch mit ihnen suchen. Auch wenn sie ganz verschämt von einem Nachbarn berichten, der vielleicht Probleme mit Alkohol oder anderen Drogen hat. „Betroffene nutzen lieber das anonyme Internet, um sich zu informieren“, sagt Horst Weigel.

Treppensteigen mit Parkinson: Limburgs Bürgermeister Marius Hahn (links) erfuhr in einem speziellen Anzug, wie mühsam das Leben mit Parkinson ist. Bild-Zoom Foto: Rauch, Sabine
Treppensteigen mit Parkinson: Limburgs Bürgermeister Marius Hahn (links) erfuhr in einem speziellen Anzug, wie mühsam das Leben mit Parkinson ist.

Und anonym geht es beim Tag der Selbsthilfe nicht zu. Im Gegenteil. Das ist der Tag, an dem die Selbsthilfegruppen im Kreis zeigen können, dass sie da sind und was sie auf die Beine stellen. 33 Selbsthilfegruppen haben in diesem Jahr mitgemacht, so viele wie nie zuvor. Und sie waren in die Planung einbezogen wie nie zuvor. Da gab es allerhand zu entdecken. Natürlich gab es jede Menge Flyer und Broschüren, mit denen die Osteoporose-, Diabetiker- oder Multiple-Sklerose-Gruppen auf ihre Leiden und das Leben mit der Krankheit aufmerksam machen wollen.

Behindertengerechte Stadt

Es gab aber auch jede Menge zu tun: Blutdruck messen, Gebärdensprache lernen oder ausprobieren, wie sich das Leben als Parkinson-Patient anfühlt. Die Gruppe „Jung und Parkinson“ hatte einen Parkinson-Anzug mitgebracht. Limburgs Bürgermeister Marius Hahn (SPD) war der erste, der ihn ausprobierte – und er kam ordentlich ins Schwitzen. „Man sieht kaum was, man hört kaum was, und merkt, welche Kraft jede Bewegung kostet“, sagte Hahn. Nie mehr werde er „Stell’ Dich nicht so an“ denken. Und er werde nie mehr vergessen, wie wichtig so ein Handlauf an Treppen ist. Denn ohne Geländer hätte er noch größere Probleme gehabt, die Treppe am alten Rathaus hoch und wieder runter zu kommen. Er wisse, dass es in Limburg noch viel zu tun gibt, um die Stadt behindertengerecht zu machen, sagte der Bürgermeister. Er wisse auch, dass das viel Geld kosten werde. „Aber das Geld ist gut angelegt.“

Wie viel in allen Kommunen und in allen Köpfen noch getan werden muss, um behinderten Menschen wirkliche Teilhabe zu ermöglichen, zeigte sich bei der Fragerunde, zu der Daniel Stenger und sein Team von der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen beim Kreis Kommunalpolitiker aller Couleur eingeladen hatten. Warum denn so wenig kontrolliert werde, ob sich auch alle Gastwirte, Bäcker und Metzger an die Allergen-Kennzeichnungspflicht halten, wollte zum Beispiel Cornelia Paul von der Zöliakie-Selbsthilfgegruppe wissen. Die Lebensmittelkontrolle sei Aufgabe des Regierungspräsidiums, war die Antwort. Benno Pörtner (Linke) schlug vor, eine Meldestelle beim Gesundheitsamt einzurichten. Jutta Lippe (Grüne), Beigeordnete im Kreisausschuss und im Landeswohlfahrtverband, will sich nicht nur auf Behörden verlassen: „Je mehr Menschen in den Restaurants nach den Inhaltsstoffen fragen, umso mehr geht das Thema ins Bewusstsein.“

Dorothee Roth vom Blinden- und Sehbehindertenbund Lahn-Dill hatte eine Frage, die allen Politikern zeigte, wie viel es zu bedenken gibt: „Warum gibt es in den Bussen keine akustischen Haltestellenansagen?“ Warum seien Blinde immer noch auf die Hilfsbereitschaft der Busfahrer angewiesen, wenn sie ihre Haltstelle finden wollen? Weil offenbar die akustische Haltestellenansage noch kein Kriterium bei der Stadtlinien-Ausschreibung ist, mussten die Politiker zugeben. „Wir sind auf Ihre Expertise angewiesen“, sagte Joachim Veyhelmann (CDU-Landtagsabgeordneter), und er lobte die Arbeit der Selbsthilfegruppen: „Sie geben allen Menschen Mut, die auf Hilfe angewiesen sind.“

Und sie sorgen dafür, dass Menschen, die Hilfe brauchen, Gehör finden, sagt Christine Schumacher. Sie kommt aus Mensfelden, ist Mitglied in der Zöliakie-Selbsthilfegruppe, und sagt, dass sie selbst erlebt habe, wie wichtig die Selbsthilfegruppe für sie und ihre Familie war. Schon allein deshalb komme sie eigentlich jedes Jahr zum Tag der Selbsthilfe. Diesmal habe sie zum Beispiel am Stand der Gehörlosengemeinschaft St. Georg ein bisschen Gebärdensprache gelernt und bei der Defi-Selbsthilfegruppe erfahren, welche Symptome auf einen Herzinfarkt hindeuten. Jede Menge Informationen von Menschen für Menschen – das gehört auch zum Tag der Selbsthilfe.

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