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Gelungene Integration: Limburger Familie nimmt Brüderpaar aus Syrien auf

Nach monatelanger Flucht aus Syrien sind die beiden Brüder Mohamad und Abdulsalam Al Ali im September 2014 in Deutschland angekommen. Deutschland war ihr Ziel. Dort wohnen sie nicht in einer Flüchtlingsunterkunft: Ein Limburger Ehepaar hat sie aufgenommen.
Die Brüder Mohamad (l.) und Abdulsalam sind nach monatelanger Flucht in Deutschland angekommen, sprechen unsere Sprache und sind auch sozial integriert. Foto: Klaus-Peter Kreß Die Brüder Mohamad (l.) und Abdulsalam sind nach monatelanger Flucht in Deutschland angekommen, sprechen unsere Sprache und sind auch sozial integriert.
Limburg. 

Das gemütlich wirkende Einfamilienhaus im Limburger Süden steht ein wenig von der Straße zurückgesetzt. Hier leben der 25-jährige Mohamad Al Ali und sein 20-jähriger Bruder Abdulsalam; sie stammen aus Aleppo in Syrien. Geflohen sind sie vor Polizei- und Militärwillkür und Repressalien. Vor allem aber vor dem Krieg. An einem einzigen Tag waren 20 Mitglieder einer befreundeten syrischen Familie getötet worden.

Christoph und Gudrun Hesselmann, die die beiden Syrer vor rund einem Jahr bei sich zu Hause aufgenommen haben, nehmen an dem Gespräch über Flucht, Integration von Flüchtlingen, latenter Ausländerfeindlichkeit und den neuen Perspektiven teil, die sie durch ihre neuen Mitbewohner bekommen haben.

Flucht über das Mittelmeer

„Wir legen keinen Wert auf Publicity und schon gar nicht auf Lob“, sagt Christoph Hesselmann. „Aber wir wollten schon auch ein Zeichen setzen.“ Haben er und seine Frau ihre Entscheidung schon einmal bereut? „Nein, nie“, kommt es von beiden gleichzeitig in Sekundenbruchteilen.

Die beiden Söhne einer eher wohlhabenden Familie in Syrien mussten fliehen. „Menschen in Deutschland können sich die Situation in Syrien und insbesondere in Aleppo nicht wirklich vorstellen“, sagt Mohamad. Es verging keine Minute des Tages ohne Angst um das eigene Leben oder das der Familie. Niemand wusste, ob es am nächsten Tag noch Wasser und Lebensmittel gab. Er spricht in klaren, kurzen Sätzen in sehr gutem Deutsch.

Wann fiel die Entscheidung für die Flucht? „Eines Tages, mein Bruder war bereits seit einigen Wochen auf der Flucht“, schildert Abdulsalam, „wurde ich von der syrischen Armee verhaftet.“ Er braucht einige Momente, um weitersprechen zu können. Seine Familie bekam die Nachricht, sie könne ihn nach Übergabe eines Lösegelds am nächsten Tag abholen. Die Familie kratzte alles Geld zusammen, löste ihn aus und er kam aus dem Militärgefängnis frei. Am nächsten Tag war Abdulsalam auf der Flucht nach Deutschland.

Plötzlich wird es still in diesem gemütlichen Wohnzimmer. Abdulsalam spricht nur noch langsam und mit großen Pausen. Man spürt die Betroffenheit dieses jungen aufgeschlossenen Mannes. Er spricht nicht von seinen Erfahrungen während der Flucht. Syrien, Türkei, Georgien, Algerien, Tunesien, Libyen, Italien, Frankreich, Deutschland. Nur eine Aufzählung und doch mit viel Entbehrung, Angst, aber auch Hoffnung verbunden.

Vier verunsicherte Menschen

In Georgien hatte er seinen Bruder Mohamad wiedergefunden, den Rest der Flucht unternahmen sie gemeinsam. Libyen, Italien? Waren es die aus den Nachrichten bekannten Schlepper, die sie aus Nordafrika nach Europa brachten? „Ja!“ Danach ist er still. Kein Wort mehr zu der Flucht über das Mittelmeer. Auch so stehen die Schlepper mit ihren Gewehren und Drohungen, die Geldforderung für die Überfahrt, die Gefahren eines überfüllten Schlauchboots und die Hoffnung auf die rettende europäische Küste fast greifbar im Raum.

Es vergeht ein wenig Zeit, bevor die beiden Syrer weitererzählen. Die Zeit der Flucht ist überstanden. Nun gehören ihre Gedanken der Zukunft und ihrer Familie. Zwei Schwestern leben mit ihren vier Kindern, aber ohne ihre Männer, ebenfalls in Deutschland. Eine weiß nicht einmal, ob ihr Mann in Aleppo noch lebt. Die Mutter sowie ein weiterer Bruder konnten bis in die Türkei fliehen. Von dort dürfen sie aber nicht weiterreisen. Der vierte Bruder hat es noch nach Deutschland geschafft. Eine große Familie, die sich seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat.

Christoph Hesselmann kann sich nur noch schwer zurückhalten. Vor dem Hintergrund dieser Erzählung ist es für ihn nur schwer erträglich. Was? Das Gerede vieler Politiker über Grenzschließung, Quoten für Flüchtlinge oder das „hirnlose“ Gerede aus der politisch rechten Ecke. Auch deshalb wollte er ein Zeichen setzen.

Kurz nach einer Informationsveranstaltung über allein reisende jugendliche Flüchtlinge sprach sie eine Bekannte an, ob sie sich die Aufnahme von zwei Flüchtlingen vorstellen könnten. „Machen wir“, sagten sie. Ein paar Tage später lernten sich die vier kennen. „Wir waren zwei verunsicherte Deutsche und zwei verunsicherte Syrer“, beschreibt Gudrun die damalige erste Begegnung. Wenig später – vor 14 Monaten – zogen die beiden Syrer bei dem Ehepaar ein, das zwei verheiratete Töchter und drei Enkel hat. Ein viertes und fünftes Enkelkind sind unterwegs.

Ist das Integration, wie sie immer wieder beschworen und eingefordert wird? Ja, für beide Seiten. Ihr Beitrag sei nicht wirklich groß gewesen, erklären Gudrun und Christoph einmütig. Die wirkliche Leistung hätten Mohamad und Abdulsalam erbracht. Vor ihnen müsse man den Hut ziehen. Eine gnadenlose Flucht, ein fremdes Land, eine zunächst fremde Sprache, anfangs keine wirkliche Zukunftsperspektive.

Inzwischen haben sie ein Aufenthaltsrecht für drei Jahre in Deutschland. Diese Zeitspanne kann verlängert werden, wenn sie eine Ausbildung oder ein Studium beginnen oder einer Arbeit nachgehen, die ihren Lebensunterhalt sichert. Genau das haben die beiden Syrer auch vor. Mohamad arbeitete im vergangenen Sommer als Kellner in einer Eisdiele und besucht zurzeit ausschließlich den Deutschunterricht. Sein Bruder Abdulsalam geht noch zur Schule.

Grünkohl und Linsensuppe

Man merkt ihnen die Dankbarkeit für die Chance an, die ihnen unser Land und die ihnen das Ehepaar Hesselmann geboten haben. Ja, sie sind angekommen in Deutschland. Sie mögen dieses Land, „auch weil es so grün ist, weil man über alles reden darf und man hier keine Todesangst kennt“. Abdulsalam mag darüber hinaus besonders Linsensuppe, Grünkohl und Geflügelcurry gern. Gudrun und Christoph lieben inzwischen gegrillte Aubergine mit Joghurt, Knoblauch und Granatapfel.

Was vermissen die beiden Syrer am meisten? „Natürlich unsere Familie und unsere Freunde von früher“, sagen sie spontan. „An einem Wintertag wie heute natürlich auch die Wärme Syriens“, meint Mohamed mit einem Schmunzeln und krault dem Golden Retriever der Familie hinter dem Ohr.

Für Christoph, der inzwischen zwei weiteren Syrer in seinen beiden eigenen Firmen einen Arbeitsplatz und damit eine Perspektive verschafft hat, ist eine weitere Erfahrung aus den vergangenen 14 Monaten noch wichtig: Die eigenen, vermeintlich großen Probleme relativieren sich sehr schnell, wenn man die Geschichte von Mohamad und Abdulsalam kennt. Und es sei nicht immer ganz eindeutig gewesen, „wer bei uns wem geholfen hat“. Man glaubt es ihm ohne weitere Fragen.

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