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Villmarer Marmorierer: Marmor-Museum zeigt über die Bildhauerfamilie Leonhard

Ein Vierteljahrtausend Marmorgeschichte – dem widmet sich das Villmarer Marmor-Museum mit außergewöhnlichen Dokumenten. Hinzu kommt eine Spurensuche unter dem Motto „Die Leonhards – Marmorierer, Steinmetze, Bildhauer mit Tradition.“
Die Ausstellung „Die Leonhards“ im Lahn-Marmor-Museum zeigt neben vielen Zeit-Dokumenten auch diese Gipsmodelle. Bilder > Foto: Gertrud Brendge Die Ausstellung „Die Leonhards“ im Lahn-Marmor-Museum zeigt neben vielen Zeit-Dokumenten auch diese Gipsmodelle.
Villmar. 

Von Villmar nach Mainz mit dem Pferdefuhrwerk um 1850. Kein leichter Weg, zumal das Fuhrwerk mit einer Marmorplatte beladen ist. Bestellt hatte sie ein Mainzer Geschäftsmann bei dem Marmorierer Johann Peter Leonhard. Als der Handwerker abliefern will, beginnt der Auftraggeber zu handeln. Doch der Meister lässt nicht mit sich handeln, schließlich war die Arbeit exakt kalkuliert, er dreht mitsamt Fuhrwerk auf der Stelle um. Der Geschäftsmann lässt ihn ziehen, aber nicht ohne seine Angestellten hinterher zu schicken. Sicher besinnt sich der Leonhard noch anders, er wird die schwere Tischplatte doch nicht wieder mit heimnehmen wollen, so seine Überlegung. Nein, mit heim nimmt Leonhard das Stück auch nicht wieder. Auf der Rheinbrücke angekommen hält er an und sagt seinen Verfolgern: „Jetzt kann Euer Chef den Tisch ganz umsonst haben. Er muss ihn sich nur aus dem Rhein herausholen!“

Familiensache

Dr. Wilhelm Lendle aus Bad Soden gab diese Anekdote im Villmarer Lahn-Marmor-Museum zum Besten. Hier wurde am Sonntag die Ausstellung über die „Leonhards“ eröffnet. Dr. Lendle ist ein angeheirateter Verwandter der Leonhards. Die Schwester seines Vaters, Auguste Lendle, hatte 1918 den fast 30 Jahre älteren Ferdinand I. Leonhard geheiratet. Dieser hatte damals eine Bildhauerwerkstatt in Eltville. Als Kind verbrachte Dr. Lendle dort seine Ferien: „Die Werkstatt war ein riesiger Abenteuerspielplatz für mich“, erinnert er sich. Und dort hat er dann auch die Geschichte über den legendären Johann Peter Leonhard und den Marmortisch erfahren.

Aus Berlin zur Ausstellungseröffnung angereist war Rainer Leonhardt, ein Nachfahre der Villmarer Marmor-Familie in der nunmehr 8. Generation. Sein Urgroßvater Wilhelm Anton Leonhardt gründete in Berlin das „Ostender Marmorwerk“.

Von Villmar ins Schloss Bellevue

Der Berliner Zweig der Familie schrieb sich fortan mit „dt“. Rainer Leonhardt erzählte in Villmar davon, wie er als kleiner Junge mit zu Baustellen genommen wurde. Zum Beispiel in das Schloss Bellevue, er hatte die Aufgabe, die jeweils fertiggestellten Räume „besenrein“ zu machen. Immerhin erhielt er damals zehn Pfennig pro Raum, bei sechs bis sieben Räumen pro Tag kam da für einen so jungen Steppke schon einiges zusammen.

Die Leonhards waren Marmorierer, Steinmetze und Bildhauer. „Die Familie stammt von der Lahn. Erste Quellen finden sich in Runkel. Fast 30 Mitglieder, so unser derzeitiger Erkenntnisstand, waren über acht Generationen diesem Wirtschaftszweig verbunden. Insgesamt umfasst diese Zeit einen Zeitraum von mehr als einem Vierteljahrtausend“, so Rudolf Conrads, Vorsitzender des Beirates der Stiftung Lahn-Marmor-Museum in seiner Rede. Dr. Bernold Feuerstein hatte zuvor im Namen des Stiftungsvorstandes die Gäste begrüßt, darunter Lydia Aumüller, ohne deren Forschungen zum Lahn-Marmor und der Familie Leonhard die Ausstellung wohl gar nicht zustande gekommen wäre. Bürgermeister Arnold Richard Lenz dankte den Verantwortlichen für diese Ausstellung, und das damit verbundene Engagement.

Wie stark die Beziehung der Villmarer zu den Leonhards sei, dokumentiere die 2002 nach der Familie benannte „Leonhard-Straße“, bemerkte Bürgermeister Lenz. Ein Vierteljahrtausend Marmorgeschichte, über das jetzt in Villmar sieben Vitrinen mit außergewöhnlichen Zeitdokumenten Auskunft geben. Mit akkurat ausgeführten Zeichnungen von Arbeiten und Entwürfen, privaten Fotografien der Familienmitglieder, handgeschriebenen Briefen, sorgsam geführten Auftragsbüchern und vielem mehr. Aus dem Fundus von Dr. Lendle stammen unter anderem eine „Waterloo-Medaille“, die Johann Peter Leonhard vom Herzog von Nassau verliehen bekommen hatte sowie ein Originalmanuskript von Johann Peter Leonhard aus dessen Soldatenzeit. Eine wahre Fundgrube an Ausstellungsstücken war das ehemalige Atelier von Ferdinand II. Leonhard in Eltville. Ferdinand II. ist 2009 verstorben, sein Atelier vermachte er dem Bildhauer Robert Frank Schmidt. Dieser hatte den Villmarern für die Ausstellung viele Dokumente, Zeichnungen und Objekte zur Verfügung gestellt und teilweise auch dem Museum dauerhaft überlassen. Von Schmidt, der ebenfalls Gast bei der Eröffnung war, konnte Conrads dann auch eine bemerkenswerte „Bildhauer-Weisheit“ zitieren: „Steinmetze sind die Kulissenschieber der Weltgeschichte“.

Einige Rätsel

Die Ausstellung dokumentiert die Lebensläufe der Leonhardschen Marmorierer, gibt Auskünfte über ihre Betriebe in Villmar, Eltville und Berlin und nennt Bauwerke, an deren Entstehen die Kunsthandwerker maßgeblich beteiligt waren.

Aber sie gibt trotz aller Erkenntnisse auch einige Rätsel auf: Wie beispielsweise eine Auszeichnung, die dereinst Ferdinand I. Leonhard erhalten hatte und von der man allerdings nicht weiß wofür. Oder: Welchem Werk die Christus-Figur nachempfunden ist, von der ein Gipsmodell ausgestellt ist. Die Vorbilder für die beiden anderen Gipsmodelle konnten bereits ausgemacht werden: Martin Luther ist dem Werk von Adolf von Donndorf nachempfunden und Johannes Gutenberg dem Werk von Bertel Thorvaldsen, das in der Innenstadt von Mainz – übrigens auf einem Sockel aus Lahnmarmor – steht.

 

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