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Interview: Meysam Ehtemai hält die Einführung des Unterrichtsfachs Türkisch für gefährlich

Türkisch als Unterrichtsfach in hessischen Schulen – dafür macht sich momentan die „Hessische Initiative Fremdsprache“ mit einer Petition stark. Eine Aktion, die der Vorsitzende des Limburger Ausländerbeirats, Meysam Ehtemai, strikt ablehnt. Mit dieser Zeitung hat er über die Rolle von Deutschunterricht bei der Integration von Ausländern sowie über die aktuelle Situation von Flüchtlingen in Limburg gesprochen.
Meysam Ehtemai (36) ist Vorsitzender des Ausländerbeirats Limburg. Das Erlernen der deutschen Sprache, zum Beispiel durch Zeitungslektüre, hält er für eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein gutes Miteinander von Migranten und Einheimischen. Foto: Johannes Koenig Meysam Ehtemai (36) ist Vorsitzender des Ausländerbeirats Limburg. Das Erlernen der deutschen Sprache, zum Beispiel durch Zeitungslektüre, hält er für eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein gutes Miteinander von Migranten und Einheimischen.
Limburg. 

Was halten Sie von der Initiative, Türkisch als Schulfach einzuführen?

MEYSAM EHTEMAI: Ich halte das nicht nur für eine schlechte, sondern sogar für eine gefährliche Idee.

Warum gefährlich?

EHTEMAI: Schauen Sie, was die Funktion einer Sprache ist: Sie ist nicht nur der Schlüssel zu einer Gesellschaft, sondern gleichzeitig auch ihr Grundpfeiler. So hat zum Beispiel die Bibelübersetzung durch Martin Luther dazu beigetragen, dass sich allmählich ein deutsches Nationalbewusstsein herausbildete. Durch die Sprache entstand ein Gemeinschaftsgefühl.

Und dieses Gemeinschaftgefühl fehlt Ihnen?

EHTEMAI: Wenn unser Ziel ein Miteinander und nicht ein Nebeneinander ist, muss die gemeinsame Sprache, also die deutsche Sprache, in den Vordergrund gestellt werden.

Sie haben ja selbst einen Migrationshintergrund. Wie war da Ihre eigene Erfahrung?

EHTEMAI: Ich bin im Jahr 1995 als 14-Jähriger mit meiner Familie aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Damals konnte ich kein einziges Wort Deutsch. Also habe ich angefangen, schnell Deutsch zu lernen, was am Anfang schwer war. In der Familie mit meinen Eltern sprechen wir aber nur Persisch. Nur mit meinen Geschwistern benutze ich auch deutsche Fachbegriffe. Deswegen kann ich aus eigener Erfahrung nicht nachvollziehen, warum die eigene Muttersprache durch gute Deutschkenntnisse gefährdet sein soll.

Engagiert in SPD und Ausländerbeirat

Meysam Ehtemai (36) ist seit Anfang 2016 Vorsitzender des damals neu konstituierten Limburger Ausländerbeirats. Dem Deutsch-Iraner, der vor mehr als 20 Jahren als Asylbewerber mit seinen Eltern

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Als Vorsitzender des Limburger Ausländerbeirats haben Sie ja auch mit Flüchtlingsfamilien zu tun. Wie läuft die Integration in Limburg?

EHTEMAI: Man gibt sich in Limburg bei der Integration sehr viel Mühe. Nun hat sich mit der Zeit die Integrationsarbeit aus der Öffentlichkeit hauptsächlich in die Schulen verlagert. Wenn ich arabische oder afghanische Familien zu Hause besuche, gibt es dort fast kein einziges deutsches Buch. Nur die Schulbücher der Kinder sind auf Deutsch. Das Problem ist, wenn ich ohnehin von einem geringen Bildungsniveau komme, muss alle Zeit und Energie in das Erlernen der neuen Sprache gesteckt werden. Da bleibt keine Zeit, in der Schule noch zusätzlich die Muttersprache zu unterrichten.

Sie lehnen also die Petition der „Hessischen Initiative Fremdsprache“ aus Zeitgründen ab?

EHTEMAI: Die Kräfte eines jeden Schülers sind begrenzt und die Schulen haben begrenzte Ressourcen und klare Aufgaben. Außerdem stellt sich die Frage, wo fängt man an, und wo hört man auf? Was ist, wenn ein Schüler sagt, er könnte die Mathematikaufgabe besser in seiner Muttersprache lösen? Sitzt im Unterricht dann überall ein Dolmetscher mit dabei? Wer seine Muttersprache pflegen will, kann das auch in seiner Freizeit mit einem Kurs an der Volkshochschule tun.

Ausländische Staaten wie die Türkei oder auch Griechenland, haben in den vergangenen Jahrzehnten auch eigene Lehrer nach Deutschland geschickt, um hier Sprachunterricht zu geben.

EHTEMAI: Davon halte ich nichts. Wenn man sagt, dass Bildung Staatsaufgabe ist, dann sollte der Unterricht auch von Lehrern gegeben werden, die auf dem Boden des deutschen Grundgesetzes stehen. Die Gefahr dieser gesandten Lehrkräfte ist, dass wir uns von der Ideologie der jeweiligen Regierungen dieser Länder abhängig machen. Ich empfehle jedem, sich den Text der Petition mal anzusehen. Es wird dort von Anerkennung gesprochen. Aber Anerkennung muss man sich erst einmal erarbeiten. Außerdem bezeichnen die Verfasser Deutsch als Verkehrssprache. Das ist eine Abwertung der deutschen Sprache.

Was schlagen Sie also für die Zukunft vor?

EHTEMAI: Es sollte sich die Idee durchsetzen, dass man die deutsche Sprache schon sehr gut beherrschen sollte, um hier an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Momentan findet fast kein Miteinander, sondern eher ein Nebeneinander statt, in der Hoffnung, dass es keine Konflikte gibt. Ich wünsche mir daher auch, dass eine Diskussionskultur rund um das Thema Integration entsteht.

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