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Traditionswanderung: Mit Eiern und Speck im Gepäck

„Zwischen den Jahren“ brechen sie zur Wanderung auf: Eine Gruppe von Kirbergern macht sich seit einem halben Jahrhundert auf den Weg nach Ketternschwalbach, wo sie mit Speck und Eiern empfangen werden. Sie halten damit die alte Tradition der Mägde und Knechte auf dem Land aufrecht.
Wo bleibt er denn, der Rest? Edgar Spandl, Manfred Jäger und Roger Kuhlisch warten geduldig. Foto: Leoni Dowidat Wo bleibt er denn, der Rest? Edgar Spandl, Manfred Jäger und Roger Kuhlisch warten geduldig.
Kirberg. 

Roger Kuhlisch drückt auf den Klingelknopf. „Hier waren wir schon letztes Jahr“, sagt er schmunzelnd. Und tatsächlich: Er hat Glück. Die Tür geht auf, eine junge Frau sieht die Gruppe und macht sich gleich auf den Weg in die Küche, Eier holen. Die gibt sie den Wanderern mit auf den Weg, denn das muss so sein.

Das ist eine Tradition, auf die sich Roger Kuhlisch, Manfred Jäger und Edgar Spandl Jahr für Jahr freuen. Die Eier sind roh und müssen später zubereitet werden. Das machen die Wanderer gemeinsam, wenn sie genug zusammenbekommen haben. Wenn es klappt, sind Kuhlisch, Jäger und Spandl jedes Jahr dabei. Und am schönsten sei es, wenn am späten Abend gesungen wird, findet Manfred Jäger. „Wenn alle gegessen haben und das erste Bier getrunken, dann fangen wir oft an, alte Lieder zu singen“, erzählt er. „Viele der Jüngeren kennen diese dann gar nicht mehr und lauschen fast schon andächtig.“

Flasche Schnaps dabei

Im nächsten Jahr könnten sie die Weisen dann oft schon selbst mitsingen. Es ist ein ewiger Kreislauf, gelebte Tradition – die Traditionswanderung der Kirberger nach Ketternschwalbach.

Jedes Jahr versammeln sich zahlreiche Wanderfreunde vor dem Haus von Roger Kuhlisch, um in illustrer Runde durch den naheliegenden Wald in die Nachbargemeinde zu pilgern. „Das ist hier schon ein uralter Brauch“, erklärt er. „Früher sind es die Mägde und Knechte gewesen, die nach dem Weihnachtsfest zum nächsten Dienstherrn losgezogen sind.“ Den Wanderern heute gehe es mehr um die Geselligkeit. Gut zwei Stunden sind die Männer unterwegs – mit genügend Wegzehrung natürlich. „Irgendjemand bringt immer eine oder zwei Flaschen Schnaps mit“, lacht Roger Kuhlisch. Der Schnaps dürfe die imaginäre Grenze zwischen Hünfelden und Ketternschwalbach natürlich nicht überqueren.

„Dementsprechend herrscht schon während der Wanderung ziemlich gute Stimmung“, ergänzt Edgar Spandl. Zusammen mit Roger Kuhlisch und Manfred Jäger gehört er zu den Organisatoren der Traditionswanderung. Die drei Männer bilden den „harten Kern“ und mussten die Prüfung, die alle Neulinge erwartet, noch in bitterer Kälte überstehen. „Früher hieß es immer, dass die Jungen bei ihrer ersten Wanderung den Schneeadler machen mussten“, erinnert er sich. Die Klimaerwärmung machte den Herren dabei einen Strich durch die Rechnung. „Im letzten Jahr haben unsere Neuzugänge stattdessen sich im Laub auf den Rücken gelegt“, lacht er.

Mit der Wanderung ist der Spaß jedoch noch lange nicht vorbei. Am Ziel angekommen, werden die Kirberger erwartet. „In Ketternschwalbach teilen wir uns immer in Gruppen auf, und dann werden Eier gesammelt“, berichtet Manfred Jäger. „Inzwischen sind die Leute schon vorbereitet und warten regelrecht auf uns“, ergänzt Roger Kuhlisch. Nicht wenige laden die Wanderer aus der Nachbargemeinde auf einen Absacker ein, um sich die Neuigkeiten aus Hünfelden erzählen zu lassen. Früher, als es noch Metzgereien und selbstständige Bäcker im Ort gegeben habe, sei die „Beute“ mit Wurst und einem Laib Brot noch größer ausgefallen.

Mit jeder Menge Eier bewaffnet ziehen die Wanderer dann zu ihrem Stammwirt Hartmut Höhler. Der bereitet seinen Gästen aus den gesammelten Eiern dann Rührei. „Das waren in den letzten Jahren immer mehrere Schüsseln“, lacht Edgar Spandl. Früher seien pro besuchtem Haus in Ketternschwalbach ein oder zwei Eier zusammengekommen. „Heute geben uns die Leute ganze Eierkartons, zum Ende haben wir dann manchmal mehrere hundert Eier.“

Am Abend geht’s zurück

In diesem Jahr werden die Eier wohl auch gebraucht werden. „Wir haben wieder einige frische Neuzugänge dabei“, erzählt Manfred Jäger schon am Morgen der Wanderung. Auch einige Männer aus den umliegenden Ortschaften haben sich den Kirbergern angeschlossen, aus Dauborn und Neesbach zum Beispiel; in manchen Jahren waren selbst Gäste aus Lindenholzhausen mit von der Partie.

Umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass die Traditionswanderung nur über Mundpropaganda weitergetragen wird. „Inzwischen wissen einfach alle hier im Ort und auch drüben in Ketternschwalbach davon“, so Roger Kuhlisch. Jeden 27. Dezember um 13 Uhr an der Limburger Straße in Kirberg, seit Jahren sind diese Daten unverrückbar und unverändert.

Zurückgewandert wird am späten Abend selbstverständlich auch im Kollektiv. Aus diesem Grund sollten alle Wanderer zur kleinen Expedition auch eine Taschenlampe im Gepäck haben. „Früher sind wir sogar mit Kerzen durch den Wald gewandert“, erinnert sich Edgar Spandl. Doch das ist es, was Traditionen über die Jahre hinweg so beständig macht: Die Fähigkeit, in manchen Aspekten auch mit der Zeit zu gehen. . .

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